Psychiater über Trauma in Israel: »Gefühl, als könne sich der Holocaust wiederholen«
Die Schrecken der Gegenwart reichen bis in das Gespräch hinein. Eigentlich wollte Martin Auerbach schon am Vormittag telefonieren, dann wurde daraus ein Termin um die Mittagszeit. Eine Minute vor Beginn sagt er erneut ab.
Später entschuldigt er sich, er habe eine Supervisionssitzung mit Sozialarbeitern vergessen, die seit dem 7. Oktobern traumatisierte Menschen betreuen, »und da haben sie schon alle auf Zoom gewartet«.
Als es schließlich klappt, sitzt Auerbach ruhig vor dem Laptop an seinem Schreibtisch, blickt konzentriert in die Kamera. Er ist in Österreich aufgewachsen, spricht Deutsch mit weicher Wiener Färbung, seine silbergrauen Locken wippen beim Reden sanft auf dem Kopf.
Eigentlich arbeitet Auerbach als klinischer Direktor für die Hilfsorganisation AMCHA, die Holocaustüberlebende psychologisch unterstützt. Seit dem 7. Oktober aber betreuen er und sein Team auch Überlebende des Terrorangriffs der Hamas. Rund tausend Menschen haben bei ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen eine Traumabehandlung angefragt; 700 haben sie bereits begonnen.
SPIEGEL: Herr Auerbach, können Sie uns sagen, wie Sie den 7. Oktober erlebt haben?
Auerbach: Ich war gerade im Urlaub mit meiner Familie, in Irland. Natürlich wusste ich gleich, dass wir jetzt gebraucht werden. Die ersten Therapiegespräche habe ich noch von vor Ort am Telefon geführt. Inzwischen bieten wir für die Überlebenden des Terrorangriffs in Zusammenarbeit mit der Sozialversicherung Kriseninterventionen und Traumatherapien an, für die man keine offizielle Diagnose benötigt – in unseren Beratungszentren, an improvisierten Orten, manchmal einfach online. Zuerst zwölf Sitzungen, falls nötig bis zu 24. Die meisten Menschen spüren danach sicherlich noch seelische Schäden, aber sie können erst einmal weitermachen.
SPIEGEL: Können Sie allen Betroffenen Unterstützung anbieten?
Auerbach: Wir haben 500 Therapeutinnen und Therapeuten in unserem Netzwerk. Außerdem gibt es noch eine Reihe von anderen Organisationen und Kliniken, die therapeutische Hilfe anbieten. Es gibt eine bewundernswerte Welle der Solidarität, viele haben spontan und freiwillig geholfen. Aber es reicht nicht, der Bedarf ist zu groß.
SPIEGEL: Seit drei Monaten führt Israel Krieg in Gaza, es droht eine Eskalation auch im Norden. Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?
Auerbach: Die Unsicherheit darüber, wie lange der Krieg weitergeht und ob er sich ausweitet, sorgt für extrem viel Stress. Es ist der längste Konflikt dieser Art seit dem Unabhängigkeitskrieg. Der Jom-Kippur-Krieg dauerte drei Wochen, der Sechstagekrieg wurde danach benannt, wie kurz er war. Jetzt aber dauern die Kämpfe bereits drei Monate. Täglich schlagen Raketen ein, 130.000 Menschen haben ihre Heimatorte verlassen müssen. Früher gab es im Krieg zwei Gruppen: die an der Front und die daheim. Jetzt fällt diese Unterscheidung weg, wir haben eine völlig neue Situation.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Auerbach: Seit dem 7. Oktober habe ich keinen einzigen Menschen getroffen, der nicht mindestens ein Opfer kennt. Es gibt niemanden, der sagen kann: Na ja, das ist schlimm, aber mich selbst betrifft es nicht. Das grundlegende Sicherheitsgefühl, soweit es das einmal gab, ist erschüttert. Fast alles, was noch gut funktioniert, hängt an der Zivilgesellschaft. Mir hilft es jetzt, dass ich als Therapeut so viel zu tun habe. Ich bin gerade sehr froh, dass ich diesen Beruf ausübe. Aber natürlich habe ich auch Angst und Sorgen.
SPIEGEL: Gibt es für solche Gefühle Raum in der Gesellschaft?
Auerbach: Ja, damit wird sehr offen umgegangen. Das war schon in der Vergangenheit so. Über Politik streitet man sofort. Aber das Gefühl von existenzieller Angst verbindet uns.
SPIEGEL: Israel wurde vor allem deshalb gegründet, um für jüdische Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg einen sicheren Zufluchtsort zu erschaffen. Regiert die Bevölkerung auch deswegen so stark auf die Ereignisse im Oktober, weil es den Holocaust gab?
Auerbach: Der sichere Zufluchtsort wurde durch den Terrorangriff der Hamas verletzt wie vielleicht nie zuvor. Kinder und Eltern wurden voreinander gefoltert, Frauen wurden vergewaltigt. Menschen wurden nicht nur ermordet, sondern gequält und lebendig verbrannt. Jede andere Gesellschaft wäre danach ebenfalls traumatisiert. Aber in Israel weckt es eben noch zusätzliche Erinnerungen. Es ist zwangsläufig, dass wir an die Progrome der Vergangenheit und an die Schoa denken. Viele haben ein Gefühl, als könne sich der Holocaust wiederholen. Die Überlebenden von damals, mit denen ich jetzt spreche, sagen: So war meine Kindheit. Das, was die Hamas jetzt gemacht hat, das habe ich im Holocaust mit eigenen Augen gesehen – als Kind.
SPIEGEL: Wie lassen sich all diese Schrecken überhaupt noch verarbeiten?
Auerbach: Viele denken, man müsse schlimme Erinnerungen vergessen, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil. Traumata sind Ausdruck von Hilflosigkeit. Wir müssen uns den Erinnerungen stellen, um zu lernen, eigene Antworten zu finden. Bei der Traumabewältigung geht es darum, die Kontrolle darüber wiederzuerlangen. Erst wenn wir unserem Schmerz genügend Raum geben, können wir ihn überwinden.
SPIEGEL: Es gibt Berichte von Menschen in Israel, die seit drei Monaten nicht aufhören können, sich die verwackelten Videos der Hamas-Gräueltaten anzuschauen. Was steckt dahinter?
Auerbach: Jemand, der sich so intensiv immer wieder solchen Bildern aussetzt, hat offensichtlich noch nicht gelernt, die rohen Eindrücke von Gewalt zu verarbeiten und selbst zu deuten. Nach meiner Erfahrung geht es oft darum, den Opfern gedanklich nahe zu sein oder so etwas wie ein Augenzeuge zu werden, damit die Schrecken nicht vergessen werden. Aber es funktioniert nicht. Die Reizüberflutung wirkt selbst traumatisierend, auch für Unbeteiligte. Und für die Überlebenden ist es wichtig, dass sie sich ihren Erinnerungen in einer kontrollierten Umgebung stellen, nicht allein zu Hause vor einem Bildschirm.
SPIEGEL: Wie funktioniert die Überwindung eines Traumas?
Auerbach: Eine traumatische Erinnerung ist wie ein ungebetener Gast, der immer wieder vor der Tür steht und laut anklopft. Wenn man nicht vorbereitet ist, tritt er die Tür ein, dieser ungebetene Gast überschreitet dann nicht nur bildlich jedes Mal eine Schwelle. Es ist eine sich wiederholende Erfahrung von Kontrollverlust und existenzieller Hilflosigkeit. In der Therapie lernt man, wie man die Tür kontrolliert. Die Erinnerung ist immer noch da, aber die Betroffenen können besser entscheiden, wie sie mit ihr umgehen. Wann sie sie zulassen und wann fernhalten.
SPIEGEL: Sie sagten, der Hamas-Terror erinnere Israelis zwangsläufig an den Holocaust. Der israelische Premierminister Netanyahu hat die Terroristen mit den Nazis verglichen. Halten Sie das für angebracht, oder geht es da um die Rechtfertigung für einen Krieg, der derzeit als eine Art letzter Garant seiner politischen Machtposition wirkt?
Auerbach: Ich kann nicht in seinen Kopf schauen, aber niemand sollte diese historischen Erfahrungen instrumentalisieren. Erinnerung ist wichtig. Doch man benötigt keinen Nazi-Vergleich, um den jetzigen Konflikt zu verstehen.
SPIEGEL: In Umfragen sagen nun regelmäßig 70 bis 80 Prozent der jüdischen Israelis, dass die Armee keine oder wenig Rücksicht auf zivile Opfer in Gaza nehmen soll. Woher kommt diese Kälte, ist das auch eine Folge von Trauma?
Auerbach: Ich sehe das nicht als Kälte, sondern als Schutzmechanismus. Der Konflikt erscheint den meisten Israelis jetzt als konkrete, existenzielle Bedrohung. Auch Linke und Liberale sagen mittlerweile oft: Was geschehen ist, hat eine neue Qualität, wir können das nicht mehr hinnehmen: Sie haben sogar Gastarbeiter aus Thailand umgebracht und Muslime. Junge Menschen auf einem Festival, wahllos. Nicht irgendwie, sondern sadistisch. In so einer Gefühlslage hat es Empathie schwer. Die Menschen sind mit sich beschäftigt. Sie sehen ihre eigene Angst, ihre Trauer und ihr Leid, aber nicht das der anderen. Auch innerhalb der Gesellschaft kommt es zu Gräben. Es werden vermeintliche Verräter gebrandmarkt. Es gibt einen deutlichen Rechtsruck derzeit. Selbst die Familien der Entführten werden teilweise angegriffen, wenn sie sich für einen Gefangenenaustausch einsetzen. Gesellschaften im Krieg tun sich immer schwer mit Widersprüchen. In Gefahrensituation neigt der Mensch dazu, die Welt in ein dichotomes Freund-Feind-Schema aufzuspalten, für Differenzierungen und Einfühlungsvermögen bleibt wenig Platz.
SPIEGEL: Machen eigene Gewalterfahrungen den Menschen unnachgiebiger oder mitfühlender?
Auerbach: Das hängt ganz vom Umgang und Umfeld ab. Ich kenne Holocaustüberlebende aus der Ukraine, die derzeit sagen: Warum bekommen die heutigen Opfer des Krieges dort so viel Aufmerksamkeit? Sie sollen still sein. Damals hat mir auch niemand zugehört. So redet ganz typisch jemand, der das Gefühl hat, dass sein Leid nie anerkannt wurde. Aber es gibt auch viele, die jetzt besonders sensibel sind. Überlebende von Traumata, die Verständnis, Anerkennung und Empathie erfahren haben, sind viel eher dazu fähig das Leid anderer anzuerkennen. Viele Überlebende der Schoa zeigen erstaunlich oft Mitgefühl, gerade auch für die Palästinenser.
SPIEGEL: Sie klingen trotz aller Not immer noch so, als seien Sie vorsichtig optimistisch. Warum eigentlich?
Auerbach: Als Psychologe muss ich anerkennen, dass Leid universell ist, egal auf welcher Seite der Grenze. Wir können nur vorankommen, wenn wir das wahrnehmen. Gleichzeitig haben wir erlebt, wie wir sogar mit Ihnen, den Deutschen, wieder Verbindungen schließen konnten! Auch andere Länder haben Konflikte überwunden. Oft nach Jahrhunderten. Ich bin nicht besonders optimistisch, was die nächsten Monate angeht. Aber ich bin dennoch überzeugt, dass wir den Weg einer gegenseitigen Verständigung gehen müssen und Angst und Schrecken irgendwann hinter uns lassen werden.

