Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

Netze “Todesursache Nummer eins”: Die meisten Ostsee-Wale sterben qualvoll und ungesehen

April 25
12:35 2026

Panorama

Netze "Todesursache Nummer eins"Die meisten Ostsee-Wale sterben qualvoll und ungesehen

25.04.2026, 09:11 Uhr IMG_9087Von Max PatzigArtikel anhören(06:56 min)00:00 / 06:56

  • 0.5x
  • 0.8x
  • 1.0x
  • 1.2x
  • 1.5x
  • 2.0x
HANDOUT-Ein-Vaquita-ein-Kalifornischer-Schweinswal-haengt-im-Netz-eines-Fischers-Der-Kalifornische-Schweinswal-auch-Vaquita-genannt-zaehlt-zu-den-kleinsten-Walen-der-Welt-Nur-mit-sofortigen-Massnahmen-ist-der-Kalifornische-Schweinswal-Experten-zufolge-noch-vor-dem-Aussterben-zu-retten
Schweinswale sind deutlich kleiner als Buckelwale. Sie können sich nicht gegen die Fischfangnetze behaupten. (Foto: dpa/WWF)

In der Ostsee verfängt sich ein Buckelwal in einem Fischereinetz und strandet kurz darauf, seit Wochen beobachten Tausende ihn in Livestreams. Das Problem hat System, sagen Experten. Jedes Jahr sterben Hunderte Wale in den Netzen.

Der in der Ostsee gestrandete Buckelwal ist bisherigen Erkenntnissen zufolge in seine missliche Lage geraten, weil er zuvor in ein Fischereinetz gelangt war. Er ist nur ein Beispiel dafür, was jede Woche dutzendfach geschieht, und führt das den Menschen in Deutschland eindrucksvoll vor Augen. Allein in der zwischen Dänemark und Schweden gelegenen Beltsee verenden jedes Jahr 900 Schweinswale, zeigt eine Studie.

Nicht nur die Schweinswale, die einzige in deutschen Gewässern heimische Walart, sterben durch die Fischerei. Auch Seehunde, verschiedene Robbenarten und sogar Vögel erleiden schwere oder gar tödliche Verletzungen. "Die Stellnetzfischerei stellt die größte Gefahr für das Überleben von Meeressäugetieren dar", stellt Florian Stadler von der Umweltschutzorganisation Sea Shepherd fest.

Groenlandhai-unter-Eis-Somniosus-microcephalus-Kanadische-Arktis-Lancaster-Sound-Nunavut-Nord-Baffin-Island-Greenland-shark-under-ice-Somniosus-microcephalus-Canada-Arctic-Lancaster-Sound-Nunavut-northern-Baffin-IslandAlters- und andere RekordeGrönlandhai kann 500 Jahre alt werden – und stirbt im Netz

Wenn Schweinswale jagen, benutzen sie ihre Echo-Lokation zur Ortung von Hindernissen nicht konsequent. "Die Netze, die da überall stehen, sind zudem zu dünn, als dass die Tiere sie wirklich sauber detektieren können", erklärt Stadler im Gespräch mit ntv.de. "Und meistens erfolgt die Detektion erst so nah dran, dass sie schon, bis sie es gemerkt haben, in diesem Netz festhängen." Auswege finden die Schweinswale nur selten. Oftmals verheddern sie sich und hängen in dem Netz, bis sie von Fischern herausgeschnitten – und dabei oft verletzt oder getötet – werden.

Zum wesentlichen Problem für die Unterwasserjäger wird dabei, dass diese Netze nicht vereinzelt platziert werden. "Sie stehen meistens zwar in Küstennähe, aber sonst auch quer über die Küsten verteilt und gerade auch in Dänemark überall kreuz und quer", erläutert Sea-Shepherd-Kampagnenleiter Stadler.

Gegenverkehr2304Augstein und Blome im Wahlkampf"Wal-Irrsinn" sagt viel "über Armseligkeit der Menschen"

Fischerei größtes Problem für Wale

Der Buckelwal, dem die Retter in den ersten Tagen vor Timmendorfer Strand sichtbare Netzrückstände weitgehend entfernten, hat im Vergleich zu den nur etwa ein Zehntel so großen Schweinswalen einen Vorteil: Durch seine Kraft kann er mit dem Netz an die Meeresoberfläche schwimmen und Luft holen. Die Schweinswale haben diese Kraft nicht. Die vom Aussterben bedrohten Tiere bleiben unter Wasser und ertrinken im Fischfangnetz. "Fischereigeräte sind die Todesursache Nummer eins."

Abhilfe könnte "eine Zeile in der Küstenfischereiverordnung" schaffen. Stadler regt ein Stellnetzverbot an. "Damit wäre das Thema durch." Auch die Organisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) fordert eine "deutliche Einschränkung der gefährlichen Stellnetzfischerei". Der Buckelwal sei "ein sichtbares Zeichen tiefgreifender Veränderungen in den Ozeanen" aufgrund von "Veränderungen, die maßgeblich vom Menschen verursacht sind", teilt WDC mit. Darauf brauche es politische Antworten.

KayedJetzt solle eine Schute helfen"Wal kann mit altem Konzept nicht mehr gerettet werden"

Bis jetzt dürfen Stellnetze so gut wie flächendeckend zur Fischerei benutzt werden und die Fischer sollen den Behörden Beifang melden. Doch die meisten machen das nicht. Sie fürchten sich offenbar vor strengen Auflagen, wenn das wahre Ausmaß des Beifangs bekannt würde. Beispielsweise könnten zeitliche oder örtliche Fischereiverbote als Restriktionen drohen. "Auf diesem Auge sind wir in Deutschland massiv blind", sagt Stadler.

"In der Stellnetzfischerei treten Beifänge von Schweinswalen regelmäßig auf, jedoch wird leider nur ein geringer Teil dieser Beifänge gemeldet beziehungsweise abgegeben", stellt sogar das Bundesamt für Naturschutz fest – und das, obwohl die Fischer für abgegebene Schweinswale sogar eine Aufwandsentschädigung bekommen. Dokumentiert werden jedoch auch Totfunde, wenn also Tiere etwa an Stränden angespült werden. Laut Deutschem Meeresmuseum (DMM) lässt sich jeder zweite Totfund zweifelsfrei auf Beifang zurückführen. Weitere 19 Prozent legen den Verdacht zumindest nahe. Das DMM beobachtet die Entwicklungen für das Landesamt für Natur, Umwelt und Geologie in Mecklenburg-Vorpommern.

"Historische Chance"

Schweinswale, die theoretisch bis zu 20 Jahre alt werden können, haben in der Ostsee eine Lebenserwartung von nur vier Jahren, erklärt der Naturschutzbund Nabu. Weibchen erreichen ihre Geschlechtsreife allerdings erst mit fünf Jahren. "Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu erkennen, dass unter diesen Voraussetzungen die Art nicht langfristig überleben kann", so der Nabu. Derzeit leben laut WDC nur noch 450 Schweinswale in der zentralen Ostsee.

Tierschützer Stadler spricht von einer "historischen Chance", eine Spezies zu retten. Vieles werde bereits formal geregelt, "aber es wird einfach nicht umgesetzt". Der Politik fehle der Wille. "Mit den Schweinswalen haben wir die Möglichkeit, einfach zu sagen, wir benutzen das Fanggerät nicht mehr und es sterben keine Tiere mehr darin."

Der-Buckelwal-liegt-wieder-vor-der-Insel-PoelFaszination für Wesen in OstseePsychologe: Gestrandeter Wal ist "Schicksal-Analogie unseres Lebens"

Das Problem werde durch Sondergenehmigungen verschärft: In eigentlich als Fangverbot deklarierten Zonen dürfen kleine Küstenfischereien mit besonderen Erlaubnissen dennoch Heringe mit Stellnetzen aufnehmen. Die Betriebe zählen als immaterielles Kulturerbe. "Dass man diese Fischerei nicht komplett zugrunde gehen lassen will, geht auf Kosten des Meeresschutzes und des Artenschutzes", so der Artenschützer. "Und das ist überhaupt nicht zu rechtfertigen." Viele Küstenfischer würden ihrer Arbeit derweil nur noch nebenberuflich nachgehen, weil sie von Vollzeit-Fischerei nicht leben könnten. Ohne Stilllegungsprämien, Ausfallprämien und Subventionen wären viel mehr Betriebe bereits am Ende.

Sowohl Sea Shepherd als auch WDC fordern die Entwicklung und den Einsatz alternativer Fangmethoden. Die Organisationen machen sich zudem für ein verpflichtendes Beifang-Monitoring stark. Stadler denkt beispielsweise an Kameras an Bord der Fischerei-Boote, die sich immer dann einschalten, wenn Netze eingeholt werden. "Das würde Vertuschung vermindern", sagt der Umweltschützer. Zudem sprechen sich die Experten beider Institutionen für wirksame Meeresschutzgebiete aus.

Neueste Beiträge

12:35 Netze “Todesursache Nummer eins”: Die meisten Ostsee-Wale sterben qualvoll und ungesehen

0 comment Read Full Article