Industrie-Zoff um CO2-Preise: “Der RWE-Chef rief an und sagte: Wir müssen den Emissionshandel retten!”
Wirtschaft
Industrie-Zoff um CO2-Preise"Der RWE-Chef rief an und sagte: Wir müssen den Emissionshandel retten!"
25.04.2026, 06:47 Uhr Artikel anhören(13:35 min)00:00 / 13:35
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Im Oktober feuert Evonik offen auf das Herz des europäischen Klimaschutzes: Der europäische Emissionshandel (ETS) ist "volkswirtschaftlicher Irrsinn" und müsse abgeschafft werden. Doch damit torpediert der Chemiekonzern zugleich das Geschäftsmodell anderer Industriegiganten: "Heidelberg Materials möchte europaweit klimaneutrale Zementwerke bauen", sagt der Europaparlamentarier Peter Liese (EVP) im "Klima-Labor" von ntv. "Durch diese Diskussion ging der Aktienkurs von denen in den Keller." Liese zufolge erhielt Evonik "richtig Druck aus der Wirtschaft". Inzwischen zeichnet sich ein Kompromiss ab, denn offensichtlich ist: Es knirscht.
ntv.de: Die USA haben Klimaschutz unter Donald Trump aufgegeben. China zieht bei grünen Technologien davon. Wo steht Europa?
Peter Liese: Als Donald Trump aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestiegen ist, ist niemand gefolgt. Das ist das Gute. Trump ist der Einzige, der radikal Nein zum Klimaschutz sagt und aktiv Anti-Klimapolitik betreibt. Das sehen wir unter anderem bei Mercosur: Die EU hat die Einhaltung von Paris zur Bedingung des Handelsabkommens gemacht. Auch ein Trump-Freund wie Javier Milei in Argentinien ist aus dem Klimaschutzabkommen nicht ausgestiegen.
Und die grünen Technologien kaufen wir von China?
Aktuell spüren wir unsere starke Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Die müssen wir reduzieren – speziell in den Bereichen Wärme und Straßenverkehr. Wir dürfen eine alte Abhängigkeit aber nicht durch eine neue ersetzen, sondern müssen unsere Industrie stärken – und bei strategischen Investitionen auch bevorzugen. Dafür muss ein kluger Mix auf den Tisch.
Die EU-Umweltminister haben vor wenigen Monaten entschieden, den Emissionshandel für Wärme und Straßenverkehr (ETS-2) um ein Jahr auf 2028 zu verschieben …
Das war ein schwerer Fehler. Das habe ich Umweltminister Carsten Schneider auch gesagt. Es betrübt mich, dass Deutschland der Verschiebung zugestimmt hat. Alle Menschen da draußen müssen wissen: Es geht beim ETS-2 nicht um eine zusätzliche Belastung. Deutschland hat bereits einen CO2-Preis für Wärme und Verkehr. In einem gemeinsamen europäischen System wäre es für uns sogar günstiger.
Inwiefern?
Mir sagen immer wieder Unternehmen, dass sie Ladeinfrastruktur für Lkws und Busse gekauft haben, aber nicht wissen, ob es sich rentiert, weil die Rahmenbedingungen in anderen Ländern anders sind. Mit dem europäischen System hätten Spediteure oder mittelständische Betriebe in ganz Europa dieselben Bedingungen und zumindest im ersten Jahr hätte es einen niedrigeren Preis als das deutsche.
Die regierende Politik möchte Unternehmen und Haushalte mit solchen Entscheidungen entlasten. Der öffentliche Eindruck ist, dass Klimaschutz die europäische Wirtschaft abwürgt. Polen, Italien und viele Industrieunternehmen verlangen eine Reform des Emissionshandels, eine Aussetzung oder sogar die Abschaffung.
Die Autoindustrie, die chemische Industrie und auch die Stahlindustrie haben Probleme. Aber wenn man mit den Leuten Tacheles spricht, erfährt man: Die Hintergründe sind vielschichtig. Wir müssen Hindernisse wie Bürokratie abschaffen. Chinesische Überkapazitäten sind ein riesiges Problem. Die Chemieindustrie hat zu lange an russisches Gas geglaubt und Warnungen nicht ernst genommen. Daran ändert sich nichts, wenn wir das weltweit erfolgreichste Klimaschutzinstrument abschaffen oder schrotten. Das wäre ein fatales und unverantwortliches Zeichen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, der Emissionshandel muss reformiert werden.
Warum?
Unser System ist extrem ambitioniert. Es ist sogar ambitionierter als es für unsere Klimaziele sein muss. Ich hatte in der letzten Legislaturperiode des Europäischen Parlaments ein moderateres System vorgeschlagen, aber mein Gesetzentwurf ist im ersten Anlauf gescheitert.
Mit Ihrem Gesetz hätten wir heute keine Probleme?
Dann wäre die Reduzierung der CO2-Zertifikate moderater. An dieser Stelle müssen wir nachbessern – auch in anderen Punkten: Wenn eine Firma CO2 aus der Atmosphäre entnimmt und es unterirdisch speichert, muss das im Emissionshandel anerkannt werden.
Wo finde ich das "Klima-Labor"?
Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.
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Letztlich geht es aber darum, den Emissionshandel aufzuweichen. Die Unternehmen sollen mehr Möglichkeiten erhalten, umsonst CO2 auszustoßen.
Im Handwerk gibt es einen Spruch zum Anziehen von Schrauben: Nach fest kommt ab. Ich bin Klimaschützer und habe mich immer für den ETS eingesetzt. Aber wir haben unsere Ziele in der letzten Dekade enorm verschärft. Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen anrief und mir sagte, dass wir die Emissionen bis 2030 sogar um 55 Prozent reduzieren wollen, hatte ich ein Grummeln im Bauch.
Das ist zu ambitioniert?
Ich habe mich jedenfalls gefragt: Geht das gut? Wie bekommen wir das hin? Auch, weil unsere Pläne zur Dekarbonisierung ins Stocken gekommen sind. Ich begleite einige Projekte in der Zement- und Kalkindustrie. Die haben mir gesagt: Zement und Kalk kann man nur mit CCS klimaneutral herstellen, also indem man CO2 abspaltet und unterirdisch lagert. Das machen wir, aber eigentlich ist das illegal! Denn die Ampel hat zwar oft darüber gesprochen. Der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck wollte es, aber es wurde nie erlaubt. Das musste die neue Regierung nachholen. Dadurch haben wir vier Jahre verloren. Grüner Wasserstoff ist auch nicht verfügbar. Die Franzosen verhindern, dass wir den günstigen erneuerbaren Strom von Spanien und Portugal nach Deutschland bringen können, weil sie keine neuen Stromtrassen bauen wollen. Es laufen viele Dinge nicht so, wie sie laufen müssten, um erfolgreich zu sein. Es knirscht. So realistisch muss man sein.
Aber CCS ist doch teure Zukunftsmusik. Das Fraunhofer-Institut sagt: Das lohnt sich erst ab einem Preis von 200 Euro pro Tonne CO2. Momentan stehen wir bei 70 Euro. Schwächt man den ETS ab, sinkt er – und macht CCS noch unattraktiver. Eigentlich weichen wir nur Klimaziele auf.
Man muss auf dem Globus lange suchen, bis man ein Land findet, das auch nur in die Nähe unserer Klimaziele kommt. Ich gehöre auch nicht zu denjenigen, die sagen: Wir können nichts tun, weil wir nur für zwei Prozent der Emissionen verantwortlich sind. Können wir allein die Welt retten? Nein. Können wir dem globalen Klimaschutz den Stecker ziehen? Ja. Deshalb ist es so wichtig, dass wir es schaffen – mit den Menschen und mit der Industrie. Wir sind ganz sicher kein Vorbild, wenn Unternehmen anfangen, das Land zu verlassen, um woanders zu investieren. Und unsere Klimaziele ändern sich nicht, nur weil wir beim Emissionshandel sagen: Wer CO2 aus der Atmosphäre entnimmt, erhält einen Bonus.
Im Grunde erhalten die Unternehmen jetzt aber mehr kostenlose CO2-Zertifikate und können deshalb mehr CO2 ausstoßen – das ist der EU-Vorschlag, oder?
Nicht ganz. Es gibt jedes Jahr eine begrenzte Zahl an CO2-Zertifikaten. Die nimmt jedes Jahr ab. Die erste Frage ist: wie schnell? Die Zweite ist: Muss ein Unternehmen diese Zertifikate ersteigern oder bekommt es sie kostenlos? Als der ETS eingeführt wurde, haben wir gesagt: Unternehmen im internationalen Wettbewerb müssen wir vor unlauterer Konkurrenz schützen. Deshalb erhalten sie kostenlose Zertifikate. Der Deckel bleibt gleich, nur die Einnahmen sinken. Der Staat verdient weniger Geld, das er für Klimaschutz oder grüne Industrie einsetzen kann. Das ist übrigens das größte Problem: Das Geld wird in vielen Staaten komplett zweckentfremdet.
Wird an der Begrenzung auch geschraubt?
Vor 15 Jahren hatten wir einen Emissionshandel, der nicht funktionierte. Der Preis für CO2-Zertifikate schwankte zwischen 0 und 5 Euro. Die Unternehmen haben zu viele Zertifikate erhalten. Es gab keinen Anreiz für Investitionen in grüne Technologien, im Gegenteil: Die Unternehmen konnten am Verkauf der Zertifikate verdienen, ohne etwas für Klimaschutz zu tun. Deshalb wurde beschlossen, Zertifikate aus dem Markt zu nehmen und in eine Marktstabilitätsreserve (MSR) zu verschieben, um die Preise zu erhöhen.
Aus dieser Reserve kann man die Zertifikate wieder herausholen und den Unternehmen geben, wenn die wirtschaftliche Lage schwierig ist – so wie jetzt?
Genau. Allerdings werden Zertifikate gelöscht, wenn sich zu viele in der Reserve befinden. Man dachte: Die brauchen wir nicht mehr. Hardcore-Klimaschützer finden das wahrscheinlich super, aber die Wirtschaft wird irgendwann wieder anspringen und mehr produzieren. Dann nehmen die Emissionen zu und die Unternehmen müssen zusätzliche Zertifikate kaufen. Es gäbe inzwischen weniger als früher. Die Preise würden sehr schnell sehr stark steigen. Deshalb halte ich es für klug, keine Zertifikate mehr zu löschen. Mit diesem Puffer kann man verhindern, dass die Preise durch die Decke gehen. Das ist der erste Schritt einer umfassenden Reform, um die Akzeptanz des ETS zu stärken.
Der lauteste Gegner des Emissionshandels war Evonik-Chef Christian Kullmann. Der hat ihn als "volkswirtschaftlichen Irrsinn" bezeichnet und die Abschaffung verlangt. Gibt er sich damit zufrieden?
Evonik ist ein wichtiges Unternehmen für meine Heimat Nordrhein-Westfalen, aber ich war wirklich sauer und habe heftig widersprochen. Auch, weil in der CDU gilt: Leistung muss sich lohnen. Wer sich anstrengt, darf nicht benachteiligt werden. Heidelberg Materials möchte europaweit klimaneutrale Zementwerke bauen. Durch diese Diskussion ging der Aktienkurs von denen in den Keller. Dann gab es einen guten Dialog mit Herrn Kuhlmann. Er hat offensichtlich auch innerhalb seiner Wirtschaftscommunity richtig Druck bekommen.
Von Heidelberg Materials?
Unter anderem. Mich rief etwa der RWE-Chef an und sagte: Herr Liese, was passiert hier? Wir müssen den Emissionshandel retten! Das ist bemerkenswert. RWE war noch vor 15 Jahren der größte Gegner des Emissionshandels, jetzt sind sie die größten Befürworter. Inzwischen haben Herr Kuhlmann und ich uns geeinigt: Er bekennt sich zum Emissionshandel und den Klimazielen. Ich bekenne mich zu Reformen.
Wird der Emissionshandel auch an anderen Stellen infrage gestellt? In der Union etwa?
Solche Diskussionen finden überall statt. Aber sowohl in Brüssel als auch in Berlin sagen Ursula von der Leyen, Friedrich Merz und somit die CDU-Spitze ganz klar: Sie sind für den Emissionshandel. Das ist wichtig. Ich bin Klimaschützer aus Überzeugung. Wir tragen eine Verantwortung für die Kinder und Enkelkinder. Es wäre aber auch parteipolitisch falsch, sich gegen den Klimaschutz zu positionieren. Einige Parteikollegen sagen sogar, das hat uns den Wahlsieg in Baden-Württemberg gekostet. Dort ist im Wahlkampf auch teilweise der Eindruck entstanden, Klimaschutz sei uns nicht mehr wichtig. Vielleicht hat die eine oder der andere deshalb lieber das Kreuz bei Cem Özdemir gemacht.
Dieser Eindruck entsteht manchmal auch bei der Bundeswirtschaftsministerin, wenn sie davon spricht, das Geschäftsmodell der Erneuerbaren "herunterzubringen".
Ich kenne Katherina Reiche sehr lange und habe mich sehr gefreut, als sie für das Amt vorgeschlagen wurde. Sie ist langjährige Umweltpolitikerin und war Staatssekretärin im Umweltministerium der Minister Norbert Röttgen und Peter Altmaier. Ich dachte: Endlich kommt jemand, der Umwelt und Wirtschaft versteht und keinen Streit, sondern Lösungen sucht. In dieser Hinsicht bin ich von ihr enttäuscht. Sich öffentlich gegen den Wunsch des Kanzlers nach Einigkeit zu stellen, war auch nicht glücklich. Ich baue darauf, dass das geklärt ist und sie zu ihrer alten Überzeugung zurückfindet: Klimaschutz, aber mit mehr Pragmatismus.
Mit Peter Liese sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.
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