Falls Putin an der Ostflanke droht: Oberst: “800.000 Streitkräfte würden durch Deutschland verlegt”
Politik
Falls Putin an der Ostflanke drohtOberst: "800.000 Streitkräfte würden durch Deutschland verlegt"
26.04.2026, 17:59 Uhr
Ein Interview von Frauke NiemeyerArtikel anhören(12:16 min)00:00 / 12:16
- 0.5x
- 0.8x
- 1.0x
- 1.2x
- 1.5x
- 2.0x

Wenn Putin an der Ostflanke mit Angriff droht, müssen viele Nato-Streitkräfte auf dem Landweg dorthin kommen. Wie Deutschland zur Pipeline für Hunderttausende wird, erklärt Bundeswehr-Oberst Armin Schaus ntv.de.
ntv.de: Herr Schaus, in den vergangenen Monaten sahen wir Drohnen über Bundeswehr-Kasernen, einen Brandanschlag auf ein Frachtflugzeug, Attacken gegen Rüstungsbetriebe: Bewegen wir uns auf den Spannungsfall zu?
Armin Schaus: Es wird enorm schwierig werden, den politischen Kipppunkt zu finden, zu dem Deutschland den Spannungsfall ausruft. Denn der Spannungsfall stammt noch aus der Grundstruktur "Friede – Krise – Krieg", als man die Vorstellung hatte, dass politische Spannungen anfangen, wenn Truppenteile des Warschauer Paktes Übungen entlang der innerdeutschen Grenze durchführen. Das war zu Zeiten des Kalten Krieges. Inzwischen hat Deutschland keine gemeinsame Grenze mehr mit Russland, darum werden wir auch diese klaren Zeichen wie grenznahe Manöver nicht an der deutschen Grenze sehen Es ist denkbar, dass der Deutsche Bundestag die Feststellung des Spannungsfalls als politisches Signal letztlich nicht formal aussprechen wird.
Weil schlicht die eindeutigen Anzeichen fehlen?
Genau. Jetzt kann man überlegen: Können hybride Bedrohungen Anzeichen sein? Drohnen über kritischer Infrastruktur oder über Kasernen scheinen mittlerweile normal geworden zu sein und gehören zum Grundrauschen, das oftmals nicht mal mehr Widerhall in den Medien findet. Zudem kann der Bundestag den Spannungsfall nur mit Zweidrittel-Mehrheit ausrufen.
Wofür bräuchten wir die Feststellung des Spannungsfalls überhaupt? Sie haben eben gesagt, er sei ein politisches Signal. Was ist er noch?
Er gibt Behörden einige Möglichkeiten, auf Leistungen und auf sogenannte Sicherstellungsgesetze zurückzugreifen, die aber relativ niedrigschwellig sind. Zum Beispiel würde das Wirtschaftssicherstellungsgesetz es erlauben, Betrieben vorzuschreiben, was sie produzieren müssen – zum Beispiel medizinische Masken statt normaler Textilien, um die Versorgung der Bevölkerung zu garantieren. Da ist noch kein Wehrpflichtgesetz drin, noch kein Gesetz, das die Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umstellen würde, noch kein Notstandsgesetz, das alle staatliche Gewalt über die Länder hinweg dem Kanzler zuspräche.
Wenn aber die Nato feststellt, dass die Bedrohung durch Russland sehr konkret wird, was würde in Deutschland passieren?
Wenn die Nachrichtendienste Indikatoren finden, die einen russischen Angriff auf einen oder mehrere Nato-Staaten sehr wahrscheinlich erscheinen lassen, dann wird ein Mechanismus in Gang gesetzt: Dann werden Truppenteile der Nato an die Ostflanke verlegt. Zu diesem Zeitpunkt muss noch kein militärischer Angriff dort erfolgt sein. Aber allein zur Abschreckung würden bis zu 800.000 Streitkräfte der Nato-Staaten samt Gerät durch Deutschland hindurch an die Ostflanke verlegt.
Das müsste vermutlich ziemlich schnell gehen?
Das sollte es. Zugleich wird Deutschland zu dem Zeitpunkt mit hoher Wahrscheinlichkeit noch im tiefsten Frieden sein.
Das heißt, dieser ungeheure militärische und logistische Kraftakt müsste ohne Spannungsfall über die Bühne gehen?
Ich persönlich glaube, wir werden weit weg vom Spannungsfall sein, wenn wir diese Bewegung durch Deutschland haben, wenn also diese Verlegung von hunderttausenden Kräften durch alle Verkehrsträger geht – Lufttransport, Schiene, Wasser und ganz viel über Straße.
Regeln mit "Verfallsdatum"Pistorius eskaliert – leider noch nicht überall
Dann schauen wir mal auf die Logistik: Wie schnell ginge das?
Man muss differenzieren zwischen Schwerlasttransportern und Konvois. Die Konvois vergleiche ich gerne mit einem langsam fahrenden PKW mit Wohnanhänger. Stellen Sie sich vor, Sie sind mit solch einem Auto voll besetzt unterwegs, maximal mit 80 km/h. Da fahren Sie auch nicht in einem Rutsch von der deutsch-holländischen Grenze bis nach Polen. Da fahren Sie mehrfach rechts ran, tanken, schauen auf den Ölstand, Sie essen, Sie trinken, gehen auf die Toilette, womöglich müssen Sie einmal übernachten. Genau das müssen militärische Konvois auch tun. Die fahren aber nicht zum Autohof, sondern zum Konvoi Support Center. Der bietet die gleichen Dienstleistungen, ist aber militärisch organisiert und gegen hybride Bedrohungen geschützt.
Gibt es diese Support Center schon jetzt?
Ja, die Convoi Support Center sind planerisch vorbereitet und können kurzfristig eingerichtet werden. Sie sind ein Paradebeispiel für die zivil-militärische Zusammenarbeit, da diese oft in Kooperation mit privaten Partnern betrieben werden, um militärische Mobilität zu garantieren.
Der soll Deutschland in der Krise "kaltstartfähig" machen. Aber was heißt das eigentlich?
Der Operationsplan Deutschland greift unabhängig von Mechanismen wie Spannungs- oder Verteidigungsfall über das zivile Vertragsrecht. Das heißt, wir zwingen die zivile Seite nicht per Gesetz zur Unterstützung der Streitkräfte, sondern wir holen uns die Leistungen, die wir benötigen, über Verträge – etwa mit Logistikunternehmen, mit Speditionen. Während Details zur operativen Nutzung verständlicherweise nicht vollumfänglich öffentlich sind, werden diese Convoi Support Center bereits aktiv für vorbereitende Übungszwecke der Bundeswehr genutzt.
Nato-Soldaten vor Fehmarn Wenn der Ernstfall an der Ostsee eintritt
Könnte die Bundeswehr diese logistischen Leistungen nicht selbst erbringen?
Theoretisch schon, aber im Ernstfall brauchen wir unsere Logistik an der Ostflanke für unsere eigenen Kräfte. Darum haben wir uns entschieden, diese Leistungen an zivile Anbieter zu vergeben. Die Ausschreibung hat ein Unternehmen für zwei Jahre für sich gewinnen können, danach wird erneut ausgeschrieben.
Und die Logistik könnte man theoretisch morgen benutzen?
Genau. Die Unternehmer haben eine gewisse Vorwarnzeit, aber die Center werden auch schon jetzt für Übungen genutzt und dann für reale Einsätze. Sie sind über Deutschland verteilt, das ist alles vorbereitet, und wenn die Konvois hier ankommen, wissen sie auch, wo sie hinmüssen. Es ist wie eine Pipeline, durch die die Streitkräfte zum Einsatzort fließen.
Im besten Fall sind also die Nato-Truppen ganz schnell an der Ostflanke und der Kreml entscheidet, bei so viel Gegenwehr greift er lieber nicht an. Was aber, wenn doch?
Wir wollen einen möglichen Gegner überzeugen, dass unser Bündnis zusammensteht, dass wir uns nicht spalten lassen und ein Angriff sich nicht lohnt. Gleichwohl liegt die Entscheidung über eine mögliche Eskalation nicht in unserer Hand, weshalb wir uns auf alle Szenarien vorbereiten. Für unsere Logistik brauchen wir deshalb auch Konzepte für Instandsetzung, für Abschub von Schadmaterial und die Verlegung von Verwundeten. Ein praktisches Beispiel hierfür lieferte die Übung Medical Quadriga Anfang März. Dabei wurde die gesamte Rettungskette realitätsnah erprobt: Ausgehend von simulierten Verwundungen beim deutschen Truppenteil in Litauen wurde der strategische Patiententransport zurück nach Deutschland trainiert. Zentrale Knotenpunkte bildeten dabei die sogenannten Verwundeten-Hubs in Berlin und Koblenz, an denen die koordinierte Aufnahme und Weiterverteilung der Patienten intensiv geübt wurde.
Militärexperte lobt DokumentDeutsche Militärstrategie "schließt wesentliche Lücke"
In welchen Größenordnungen rechnen Sie?
Man hat eine Annahme von 1000 Verwundeten getroffen, die im Kriegsfall pro Tag nach Westen verbracht werden müssten. Etwa ein Drittel von ihnen braucht ein Krankenhausbett. In Deutschland haben wir fünf Bundeswehrkrankenhäuser, aber das militärische medizinische Personal wäre natürlich auch an der Ostflanke gebunden. Damit die Kapazitätsvorgaben erreicht werden, müssen das militärische und das zivile Gesundheitswesen als Einheit agieren. Diese Zusammenarbeit muss fest etabliert sein, um im Bedarfsfall unmittelbar und effektiv abrufbar zu sein. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr kooperiert und hält Verträge mit zivilen Krankenhäusern, mit großen Universitäts- und Unfallkliniken. Im Rahmen von Quadriga wurde auch jetzt schon die Versorgung von Verwundeten geübt. Auch das ist Teil der Abschreckung.
Nochmal zum ersten Szenario, wenn Truppen zur Abschreckung an die Ostflanke verlegt würden: Die Zivilbevölkerung spielt da noch keine Rolle? Erste Bürgerpflicht wäre, cool zu bleiben?
Cool in der Krise ist immer gut. Es gibt auch keinen Grund, wegen Truppenverlegungen den restlichen Betrieb in Deutschland einzustellen. Es ist ja noch nichts passiert – außer vielleicht hybride Angriffe, verstärkte Rhetorik. Unsere Wirtschaft muss normal weiterlaufen, ich gehe davon aus, dass es weiterhin Fußballspiele geben wird, Konzerte, das normale Leben geht einfach weiter. Trotzdem ist es wichtig, vorbereitet zu sein. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat hierfür erstklassiges Informationsmaterial und Empfehlungen für Bevölkerung und Wirtschaft.
Man muss es sich allerdings aus dem Netz herunterladen.
Ich würde mir auch wünschen, dass diese Infos an alle Haushalte versandt werden, oder sie im Discounter ausliegen. Da dies in die Federführung des Innenministeriums fällt, entzieht es sich unserem direkten Einflussbereich. Wir bekommen Anfragen von Verbänden, Behörden, aus der Wirtschaft, ganz unterschiedlich. Die Belegschaft eines Unternehmens ist ja auch Bevölkerung. Ich war bei den Landfrauen in Niedersachsen. Viele Unternehmen bieten Incentives an – für eine Sanitätsausbildung zum Beispiel. Eine Firma muss auch personell resilient sein.
Europas künftige Spitzen-Armee?Bundeswehr-Pläne – "Da kommt eine große Hausnummer"
Wer kommt denn noch zur Arbeit, wenn die Krise da ist?
Da sind Mitarbeitende vielleicht gleich mehrfach verplant – beim Technischen Hilfswerk, in der Reserve der Bundeswehr. Verpflichtend abfragen kann man das nicht, aus Datenschutzgründen. Aber wenn die Betriebsräte mit an Bord sind, weil es darum geht, den Betrieb krisenfest zu machen, lässt sich ein gutes Lagebild erstellen. Denn keiner hat Interesse daran, dass das Unternehmen in der ersten Krise pleitegeht.
Dazu kann die Bundeswehr beraten?
Ja, wir informieren. Und ich bin positiv überrascht, wie aufgeschlossen Unternehmen an dieses Thema herangehen. Wir sprechen mit den Führungskräften auf Top Level Ebene, mit den Vorständen. Unsere Expertise ist letztlich aufzuzeigen, was aus militärischer Sicht auf Deutschland mit Blick auf Desinformation und Fake News, im Cyberspektrum, mit Spionage und Sabotage zu kommt. Diese vier Bedrohungslinien muss jedes Unternehmen für sich in den eigenen Betrieb übersetzen. Was heißt es zudem, wenn die Firma viele ausländische Mitarbeitende, zum Beispiel LKW-Fahrer, beschäftigt, die im Ernstfall als Wehrpflichtige von den heimischen Streitkräften eingezogen werden? Müssten sensible Bereiche des Unternehmens gesondert geschützt werden? Meine Erfahrung ist: Wenn man da ein paar Impulse gibt, kommen ganz schnell gute Ideen und Maßnahmen, die erstmal oft auch nicht viel kosten.
Was haben Sie den Landfrauen gesagt?
Wir sprachen unter anderem darüber, was in einem Milchviehbetrieb passiert, wenn der Strom weg ist. Wir hatten das 2005 im Münsterland, als unter einer Eislast Strommasten zusammenbrachen. Da war sofort klar: Wenn die Tiere zwei Tage lang nicht gemolken werden, gibt es Milchfieber, dann sind sie nicht mehr zu retten. Mit Riesenaufwand wurden Stromerzeugeraggregate zu den Betrieben gefahren. Nach dem Gespräch hat mir eine Landwirtin gesagt, sie liege ihrem Mann seit Jahren in den Ohren, dass sie ein Aggregat für den Notfall brauchen. Nach meinem Vortrag legte sie fest: "Morgen fahren wir los und kaufen eins." Da hat sich die Runde für mich schon gelohnt.
Mit Armin Schaus sprach Frauke Niemeyer

