News: Regierungserklärung, Olaf Scholz, EU-Westbalkan-Gipfel, Petra Pau
Vier Wochen Unsicherheit
Der Redenschreiber von Olaf Scholz ist nicht zu beneiden. Heute um 13 Uhr hält der Kanzler eine Regierungserklärung im Bundestag. Doch selbst gestern spät am Abend war noch nicht klar, ob der Kanzler eine Lösung im Haushaltsstreit würde präsentieren können.
Offiziell bezieht sich die Regierungserklärung zwar auf den EU-Gipfel, der am Donnerstag in Brüssel beginnt. Dort soll unter anderem über Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine entschieden werden.
Doch natürlich erwarten die Bürger Antworten. Genau vier Wochen ist es mittlerweile her, dass Karlsruhe die Haushaltstricks der Ampel für verfassungswidrig und nichtig erklärte. Wie will die Koalition weitermachen? Wie geht es weiter für das Land, die Industrie? Auch für die Frage der Ukraine-Hilfe ist es relevant, welche finanziellen Spielräume die Bundesrepublik hat.
Zuletzt hatte der Kanzler Ende November eine Regierungserklärung im Bundestag gehalten. Er redete knapp 30 Minuten und sagte im Grunde: nichts. Das kann und sollte er so nicht wiederholen.
Oppositionsführer Friedrich Merz erklärte gestern: Er erwarte, dass der Bundeskanzler spätestens heute klar sage, »wohin er seine Koalition und wohin er dieses Land führen will – wenn er denn die Absicht hat im Amt zu bleiben.« Ja, heute im Bundestag müsste der Kanzler einen Plan präsentieren.
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Perspektive für die Westbalkan-Staaten?
Der nächste Termin in Scholz' Terminkalender heute: der EU-Westbalkan-Gipfel in Brüssel. Auf den ersten Blick scheint der wenig Neues zu bieten: »Es ist die x-te Gesprächsrunde der EU mit den Westbalkanländern, denen schon vor etwa 20 Jahren der Beitritt in Aussicht gestellt wurde«, sagt mein Kollege und Brüssel-Korrespondent Markus Becker.
Doch das Treffen hat diesmal eine besondere Brisanz. Dadurch, dass beim EU-Gipfel der offizielle Start der Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine beschlossen werden soll, steigt der Druck, auch den Westbalkan-Ländern ein Angebot zu machen.
»Allerdings ist die EU dabei gespalten: Einige Staaten sind sehr dafür, andere strikt dagegen. Deshalb wird es wohl auch diesmal wieder keinen Durchbruch geben«, sagt Markus. Interessant: Unter den Befürwortern ist Ungarn, das derzeit beim Ukraine-Beitritt und auch bei den Finanzhilfen für die Ukraine blockiert. »Deshalb hoffen insbesondere Deutschland und andere, Ungarns Regierungschef Viktor Orbán irgendwie mit Zugeständnissen an die Westbalkan-Länder rumkriegen zu können«, meint mein Kollege. Wie genau sei allerdings offen.
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Linkenpolitikerin unter Druck
Wenn Sie regelmäßig Sitzungen des Bundestags verfolgen, dann kennen Sie Petra Pau: Die Linkenpolitikerin mit den kurzen roten Haaren ist seit 2006 Parlamentsvizepräsidentin. Die meisten im Parlament würden sie wohl als integre Persönlichkeit beschreiben.
Doch Pau steht unter Druck, seitdem sich die Linksfraktion im Bundestag aufgelöst hat. Kann sie jetzt noch Bundestagsvizepräsidentin bleiben? Die anderen Mitglieder des Bundestagspräsidiums haben Pau den Rücken gestärkt. Die AfD aber wird sie heute zum Rücktritt auffordern.
Das ist wenig überraschend: Die Kandidaten der AfD für das Bundestagspräsidium sind bislang immer durchgefallen – und gerade die Linke Pau ist den extrem Rechten ein Dorn im Auge. Interessanter ist, dass auch Teile der Union Pau zum Rücktritt drängen wollen, angeführt von Fraktionsvize Sepp Müller aus Sachsen-Anhalt. In einem Antrag fordert die Union, der Bundestag solle die Regel bekräftigten, dass alle Mitglieder des Präsidiums einer Fraktion angehören müssen.
Allerdings sehen die Regeln des Bundestages auch vor, dass die Mitglieder des Präsidiums »für die Dauer der Wahlperiode« gewählt sind. Und Pau hat offenbar nicht vor, ihr Amt aufzugeben.
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Gewinner des Tages…
… sind, zumindest in einigen Punkten, die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland. Deren Lebenssituation hat sich nach anderthalb Jahren in Deutschland deutlich verbessert. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, die heute vorgestellt wird. Für Sie habe ich mir das Papier vorab angeschaut.
Mehrere Indikatoren weisen in eine positive Richtung: Im Spätsommer 2022 gaben noch 17 Prozent der Befragten an, mäßige oder gute Deutschkenntnisse zu haben, mittlerweile sind es schon 50 Prozent. Die besseren Sprachkenntnisse trügen zu einer größeren Zufriedenheit bei, so die Studie.
Nachdem zuletzt die Union die These verbreitet hat, das Bürgergeld halte die ukrainischen Geflüchteten vom Arbeiten ab , fand ich zudem eine weitere Zahl interessant: Von Spätsommer 2022 bis Mitte 2023 ist die Erwerbstätigenquote von 16 auf 23 Prozent gestiegen.
Das liegt zwar noch immer deutlich unter den Quoten manch anderer Länder. Doch einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Empfang von Bürgergeld und der Nicht-Aufnahme einer Beschäftigung sieht die Studie nicht. Vielmehr sei es so, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer derzeit noch Sprachkurse besuchten. Für Geflüchtete mit Kindern ist es zudem schwer, einen Kita-Platz zu bekommen. Unter den Ukrainerinnen mit einem kleinen Kind liegt die Erwerbsbeteiligung nur bei 14 Prozent. Zumindest ist auch diese Zahl in den letzten anderthalb Jahren gestiegen.
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