Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

News des Tages: ChatGPT, Heinrich August Winkler, Afghanistan

November 03
23:08 2023

1. AI or not AI?

Neulich habe ich mir von einem 15-Jährigen erklären lassen, wie er künstliche Intelligenz (KI oder auch AI, in der Praxis derzeit gerne ChatGPT) in der Schule nutzt, etwa für das bequeme Zusammenschreibenlassen von Zusammenfassungen und dergleichen, und dabei alle Spuren dieser dann doch allzu bequemen Tätigkeit verwischt. Um Nachahmungen keinen Vorschub zu leisten (und weil 15-Jährige das sowieso besser wissen als ich), gehe ich hier nicht auf Einzelheiten ein. Mein Gewährsjugendlicher schloss seinen Bericht jedenfalls mit: »Am Ende schreibe ich noch ein paar Fehler rein – fertig!«.

Beim politischen Gipfeltreffen der weltweiten Prominenz aus der Branche (»AI Safety Summit«) in England ging es nicht um Hausaufgaben, sondern das Ende der Menschheit . Immer geht’s um das Ende der Menschheit. Angereist waren Mahner und Warner, ehemalige KI-Entwickler von Google oder auch Elon Musk (»Wir werden kein universelles Grundeinkommen haben, wir werden ein universelles Großeinkommen haben«). Er sprach mit Initiator Rishi Sunak, dem britischen Premier. US-Vizepräsidentin Kamala Harris war in England, desgleichen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Robert Habeck ließ sich, immerhin fand der Gipfel in Bletchley Park statt, die legendäre Chiffriermaschine Enigma zeigen.

In den Gesprächen ging es nicht nur um künftige »Terminator«-Szenarien, sondern auch um soziale Verwerfungen im Alltag, in dem Algorithmen heute schon manchen Menschen das Leben schwerer machen, als es ohnehin ist. Darüber hinaus ging es wohl auch Sunak darum, sein Vereinigtes Königreich wieder als globalen Player ins Spiel zu bringen – und auch China am Tisch zu haben. Dessen Gesandter, notierte mein Kollege Gerald Traufetter in Bletchley Park, betonte »das gleiche Recht« jeder Nation, »KI zu entwickeln und zu nutzen«. Was man über Atomkraft auch immer gesagt hat.

Es ist also durchaus Hoffnung auf das Ende der Menschheit. Auch wenn mir der 15-Jährige mit dem Hinweis widersprechen würde, dass eine künstliche Intelligenz sooo bedrohlich nicht sein kann, die nicht eingreift, wenn sie in Ketten gelegt werden soll.

  • Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Wie Elon Musk, Robert Habeck und Rishi Sunak künstliche Intelligenz einhegen wollen

2. Was lernt der Historiker aus der Historie?

Nicht eingeladen in Bletchley Park war der Historiker Heinrich August Winkler, 83. Das war vielleicht auch besser so. Im SPIEGEL-Gespräch über sein Leben und die Geschichte selbst, spricht er von einem »realistischen Menschenbild«, das ihm die jahrzehntelange Beschäftigung mit der Geschichte vermittelt habe. Besonders optimistisch klingt das nicht. Aber halt auch nicht besonders einfältig, im Gegenteil. Am Tag des Mauerbaus, dem 13. August 1961, unterbrach Winkler seinen Urlaub an der französischen Atlantikküste »in der Annahme, dass ich einberufen werde«. So ein Leben war das, so eine Geschichte.

Im Interview geht es in erster Linie um Deutschland, etwa um die Migrationsfrage. Winkler: »Wir dürfen nicht mehr versprechen, als wir halten können«. Interessanterweise unterscheidet er in der politischen Debatte hierzulande den »kontroversen« vom »nichtkontroversen« Sektor. Die Kontroverse ist beispielsweise die parlamentarische Streitkultur, das Nichtkontroverse eine Einigung auf – und Verständigung über – das Grundgesetz und die Verfassung. Die ist nämlich auch nicht in Marmor gemeißelt, wie Winkler (»Erlauben Sie noch eine historische Bemerkung?« – »Gerne«) erläutert.

Lesenswert auch, wie Winkler gewisse relativierende Theorien des Postkolonialismus vom Tisch wischt: »Die Kolonialmächte zielten nicht auf die Ausrottung einer vermeintlichen Rasse, einschließlich einer großen Gruppe von Menschen, die zum eigenen Volk gehören.« Das Schlegel’sche Bonmot, Historiker seien »rückwärts gekehrte Propheten«, mag Winkler auf sich selbst nicht zur Anwendung bringen. Zustimmend zitiert er aber Gustav Heinemann: »Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland.«

  • Lesen Sie hier die ganze Geschichte: »Ich hoffe, dass Deutschland auch aus einer schweren Krise nicht wieder als Diktatur hervorgeht«

3. Über den Khyber?

Ein schwieriges Vaterland ganz anderen Typs ist Pakistan, und für viele vor den Taliban und dem üblichen Elend geflüchtete Afghaninnen und Afghanen will es überhaupt kein Vaterland sein. Die Regierung in Islamabad hatte kürzlich angekündigt, Schutzsuchende ohne Aufenthaltsstatus abzuschieben, wenn sie nicht bis Ende Oktober freiwillig das Land verlassen haben. Die Maßnahme zielt auf mindestens 1,7 Millionen von insgesamt etwa 4,4 Millionen afghanischen Geflüchteten, die sich ohne Papiere in Pakistan aufhalten.

Nun ist das Land zwischen Hindukusch, Indus und Indischem Ozean nicht eben die Schweiz. Neben einer Wirtschaftskrise kämpft es mit einem Erstarken der afghanischen Taliban (TTP), wofür – man ahnt es – die Schwächsten der Schwachen verantwortlich gemacht werden. Deshalb kommt es dieser Tage an der Grenze zu einer Völkerwanderung, die diesen alarmistischen Namen auch verdient. Wobei »Völkerflucht« treffender wäre.

Die meisten Menschen haben in Afghanistan keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren könnten. Und es steht ein Winter vor der Tür. Schon teilt das Welternährungsprogramm mit, dass es 400 Millionen Euro bräuchte, um entwurzelte afghanische Familien durch die Krise zu bringen.

Da kann man sich in Deutschland natürlich seufzend zurücklehnen und freuen, dass immerhin »wir« alle »ehemaligen afghanischen Ortskräfte« bereits bei uns aufgenommen haben. Oder nicht? War das was?

  • Lesen Sie hier mehr: Stau am Grenzübergang – Zehntausende Afghanen verlassen Pakistan

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in Nahost finden Sie hier:

  • Ein Krieg, der nur Verlierer kennt: Die israelische Armee hat Gaza-Stadt eingekreist. Bei Luftangriffen sterben viele palästinensische Zivilisten. Wie weit kann Israel gehen? Und wie lässt sich dieser Krieg beenden? Die SPIEGEL-Titelstory .

  • Innenministerien registrieren mehr als 170 Attacken auf israelische Flaggen: Es geht um Diebstahl und Zerstörung bis hin zur Brandstiftung: Israelische Flaggen in Deutschland sind nach SPIEGEL-Informationen seit den Terrorattacken der Hamas immer wieder das Ziel von Angriffen.

  • Warum sich Deutschland bei der Gaza-Resolution enthielt: Im Ringen um die Gaza-Resolution der Uno gab es für die Deutschen keine einfache Lösung. Am Ende entschieden sich der Kanzler und die Außenministerin für das kleinere Übel – der politische Preis ist dennoch hoch .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

  • US-Repräsentantenhaus geht auf Konfrontation zum Senat bei Israel-Hilfen: Im US-Kongress haben die Republikaner einen Gesetzentwurf für die Israel-Unterstützung vorgelegt. Bei den Demokraten stößt der Entwurf auf Ablehnung – und soll nicht einmal zur Abstimmung zugelassen werden.

  • Kabel-Internet macht mehr Ärger als DSL oder Glasfaser: Gerade im Homeoffice nervt wenig so sehr wie ein Internetausfall. Eine Befragung im Auftrag eines Tarifvermittlers legt nun nahe, mit welchem Anschlusstyp deutsche Verbraucher am ehesten Probleme haben.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Verpasst Deutschland den Boom der Wunderpflanze? Kiffen wird in Kürze legal, Nutzhanfbauern aber berichten von verstärkter Strafverfolgung. Dabei ist ihr Cannabis hilfreich gegen die Klimakrise und Hoffnungsträger für den Bau. Deutschland aber macht den Problemlöser zum Problem .

  • Ein Bruch, ein Scherbenhaufen: Vor der WM jubelte der DFB über die Vertragsverlängerung mit Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Wenige Monate später sprechen beide Seiten nur noch über Anwälte miteinander. Rekonstruktion eines Zerwürfnisses .

  • Würgen Polens Grenzer die ukrainische Wirtschaft ab? Viele Unternehmen in der Ukraine trotzen bemerkenswert den russischen Angriffen. Nun aber bedroht ein Zwist mit Polen die Produktion. Manche vermuten, dass der Nachbar seine Grenzer mit Absicht trödeln lässt .

Was heute weniger wichtig ist

Al Pacino, 83, lässt seine Fans rätseln – zumindest jene Fans, die sich für sein Privatleben interessieren. Darin hat es sich der Schauspieler (»Der Duft der Frauen«) so eingerichtet, dass er offenbar gleichzeitig mit der Mutter seines Sohnes zusammen ist und nicht zusammen ist. Es handelt sich also um eine Beziehung auf quantenmechanischer Grundlage.

Einerseits gibt es einen Unterhalts- und Sorgerechtsstreit um den gemeinsamen Sohn Roman, 0, aus dem hervorgeht, dass Pacino der 54 Jahre jüngeren (Alter der Frau bitte selbst ausrechnen!) Noor Alfallah monatlich 30.000 Dollar für Windeln, Rutschautos, Kleider und Kindergartengebühren überweisen muss.

Andererseits ließ Pacino durch einen Sprecher betonen, er lebe keineswegs von Alfallah getrennt. Also sprach der Sprecher: »Sie sind zusammen«. Gleichwohl sind Pacino und Alfallah nicht verheiratet, weil Pacino dem heiligen Bund offensichtlich abhold ist. Umso besser, Grundsätzliches auch ohne Trennung kurzerhand vor Gericht klären zu lassen, wie es hier offenbar geschehen ist.

Es könnte ein Modell auch für weniger prominente Paare sein, ihre Meinungsverschiedenheiten noch vor deren Aufkommen ganz belastbar durch Anwälte klären zu lassen. Damit es hinterher keine Scherereien gibt.

Mini-Hohlspiegel

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Und heute Abend?

Wer ein albtraumhaftes Viertelstündchen zu erübrigen hat, kann sich heute am Abend einen Kurzfilm anschauen , den Till Lindemann (bekannt aus Funk, Fernsehen, dem örtlichen Stadion, dem Jugendzimmer des wild pubertierenden Sprösslings sowie der Berichterstattung der Qualitätspresse) anlässlich seines neuen Soloalbums von einem russischen Regisseur hat drehen lassen. Zu drei neuen Liedern wird folgende Geschichte erzählt: Lindemann, ganz in Rot gekleidet, besteigt als einziger Mann ein Flugzeug voller hübscher russischer Frauen (und einem Knaben, der Lindemann hört). Lindemann schluckt bunte Pillen und gerät auf einen Horrortrip. Alle hübschen russischen Frauen tragen plötzlich rote Lindemann-Masken. Lindemann irrt durch das Flugzeug und stellt fest, dass es von hübschen russischen Frauen geflogen wird. Folglich stürzt es in die arabische Wüste. Dort muss Lindemann, um an Wasser zu kommen, dem ebenfalls überlebt habenden Knaben in den Hals beißen. Lindemann bedauert das sehr und schlägt sich in eine russische Beduinenstadt durch. Dort gerät er in eine Orgie mit hübschen russischen Frauen, in deren Verlauf er es mit einem hübschen russischen Bären zu tun bekommt. Dann – jetzt kommt’s! – wacht er auf und merkt, dass das alles nur ein Horrortrip war, auf den ihn die bunten Pillen geschickt haben.

So, für das Lesen dieses Textes dürften Sie eine knappe Minute gebraucht haben. Tut mir leid, diese Zeit wird Ihnen niemand ersetzen. Immerhin können Sie sich nun die lindemännliche Viertelstunde sparen und etwas Angenehmes tun, beispielsweise die Lars-von-Trier-Retrospektive in der Mediathek von Arte gucken.

Einen sicheren Abend wünscht Ihnen Ihr

Arno Frank, Autor

Neueste Beiträge

13:56 Zitat aus Angreifer-Manifest: Trump fährt aus der Haut: “Ich bin kein Vergewaltiger”

0 comment Read Full Article