Israel-Gaza-Krieg: Tod von Hamas-Anführer erschwert laut Katar Geisel-Deal
Die Tötung des Hamas-Topkommandeurs Saleh al-Arouri könnte auch Folgen für die Geiseln haben, die sich seit dem 7. Oktober in der Gewalt der Hamas befinden. So sieht es Medienberichten zufolge das im Nahostkonflikt vermittelnde Golfemirat Katar.
Katars Ministerpräsident Mohammed bin Abdulrahman Al Thani traf erstmals in der katarischen Hauptstadt Doha mehrere Familien israelischer Geiseln. Laut der US-Nachrichtenseite »Axios« sowie dem israelischen Portal »Walla« sagte er den Familien, dass ein neuer Deal angesichts des Todes von Arouri nun schwieriger werde. Die Verhandlungen seien kompliziert. Katar betonte den Berichten zufolge aber noch mal, dass es entschlossen sei, sich weiter für die Freilassung weiterer Geiseln einzusetzen.
Katar und Ägypten hatten zuletzt daran gearbeitet, Gespräche zwischen Israel und der Hamas über die Freilassung weiterer Geiseln wieder in Gang zu bekommen. Die Terrororganisation hatte bei ihrem blutigen Anschlag am 7. Oktober rund 240 Menschen in den Gazastreifen verschleppt. 105 Geiseln kamen zwischenzeitlich im Austausch für in Israel inhaftierte Palästinenser frei, auch dank der Vermittlungen durch Katar . Die israelische Armee schätzt, dass im Gazastreifen derzeit noch rund 135 Menschen festgehalten werden.
Hamas-Topkommandeur Arouri kam am vergangenen Dienstag bei einer Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ums Leben. Die mit der Hamas verbündete Hisbollah-Miliz im Libanon vermutet Israel hinter der Aktion. US-Sicherheitsbeamte sagten Medienberichten zufolge ebenfalls, dass Israel hinter dem Angriff stecke. Nach dem Tod Arouris bestand die Sorge vor einer weiteren Eskalation im Nahostkonflikt .
Tote im Westjordanland
Israel setzt seinen Militäreinsatz derweil fort. In der Nacht zum Sonntag griff die israelische Luftwaffe die Stadt Dschenin im Westjordanland an. Ersten Berichten vom Morgen zufolge gab es dabei mehrere Todesopfer. Sechs Palästinenser seien bei dem Luftangriff auf Dschenin ums Leben gekommen, berichten mehrere Medien unter Berufung auf die palästinensische Gesundheitsbehörde in Ramallah. Der Angriff traf demnach eine Zusammenkunft von mehreren Anwohnern. Laut lokalen Berichten kam es dort zuvor zu Gefechten zwischen Palästinensern und der israelischen Armee.
Israel meldet vollständige Zerstörung der Hamas-Struktur im Norden Gazas
In der Nacht veröffentlichte Israels Armee zudem auf X Videos zu dem Einsatz im Norden des Gazastreifens. Sprecher Daniel Hagari sagte, die Hamas habe vor Kriegsbeginn im Norden über zwei Brigaden mit zwölf Regimentern verfügt. »Insgesamt waren es etwa 14.000 Terroristen«, sagte er. Seitdem seien zahlreiche Kommandeure getötet sowie Waffen und Munition zerstört worden. Die Soldaten hätten unterirdische Tunnel gefunden und zerstört.
Allein im Flüchtlingsviertel Dschabalia wurden laut Hagari acht Kilometer unterirdischer Tunnel sowie 40 Eingänge gefunden. In dem Bereich funktioniere die Hamas nicht mehr auf organisierte Weise. »Es gibt in Dschabalia immer noch Terroristen, aber jetzt agieren sie ohne Rahmen und ohne Kommandeure.« Er erwarte aber weiter sporadische Raketenangriffe auf Israel aus diesem Bereich. Die Armee will sich nach eigenen Angaben nun darauf konzentrieren, die Hamas-Strukturen im Zentrum und Süden des Gazastreifens zu zerstören. Nach Israels Darstellung sind bisher rund 8000 Terroristen getötet worden.
Mögliches Foto von Hamas-Phantom
Im Zuge der Offensive scheint Israel auch neue Erkenntnisse zu einem untergetauchten Hamas-Führungsmitglied erlangt zu haben. Die Armee veröffentlichte ein Foto, das den Chef des bewaffneten Arms der Hamas, Mohammed Deif, zeigen soll. Darauf ist ein grauhaariger, bärtiger Mann zu sehen, der in der linken Hand mehrere Geldscheine und in der rechten Hand einen Plastikbecher mit einer Flüssigkeit hält. Bis Kriegsbeginn hatte Israel nur sehr alte Fotos von dem Mann, der als einer der zentralen Drahtzieher des Terrorangriffs gilt. Im Dezember tauchte ein neueres Bild von Deif auf. Jahrelang galt er als Phantom und überlebte bereits zahlreiche Tötungsversuche Israels.
Weitere Tote laut Hamas-Behörde
Im Gazastreifen sterben bei israelischen Angriffen unterdessen weiter Menschen: Die Zahl getöteter Bewohner stieg auf 22.722, wie die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde mitteilt. Das waren 122 mehr als am Vortag. Zudem seien insgesamt 58.166 Verletzte registriert worden, 256 binnen 24 Stunden. Die israelische Armee setzte ihren Kampf gegen die Hamas in verschiedenen Teilen des nur etwa 40 Kilometer langen und zwischen sechs und zwölf Kilometer breiten Küstenstreifens fort. In der schwer umkämpften Stadt Chan Junis im Süden des Gazastreifens seien eine ungenannte Zahl von Gegnern getötet sowie Eingänge zu Hamas-Tunneln und Waffenlager zerstört worden.
Auslöser des Gazakriegs war die verheerende Terrorattacke der Hamas und anderer extremistischer Palästinensergruppen am 7. Oktober. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive.
Was am Sonntag wichtig wird
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock reist erneut nach Israel. Zum Beginn ihres Besuchs will die Grünenpolitikerin ihren neuen Amtskollegen Israel Katz treffen. Geplant ist auch ein Gespräch mit Präsident Isaac Herzog. Es dürfte darin um Bemühungen um die Freilassung der von der islamistischen Hamas verschleppten Geiseln gehen. Zudem dürften die humanitäre Lage der Menschen im Gazastreifen sowie eine mögliche Zweistaatenlösung nach Ende des Gazakriegs Thema sein. US-Außenminister Blinken befindet sich ebenfalls auf einer Nahostreise und wird in den kommenden Tagen unter anderem auch in Israel erwartet.

