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AfD-Geheimtreffen: Rund 2000 Menschen demonstrieren in Hamburg gegen rechts

January 13
01:16 2024

Früher, vor vielen Jahren, hat Dieter Uhlig gegen Atomkraftwerke demonstriert. Danach sei er lange Zeit nicht mehr auf die Straße gegangen. An diesem nasskalten Freitagabend aber steht der 67-Jährige vor der Parteizentrale der Hamburger AfD und sagt: »Das alles berührt mich sehr.«

Die Berichterstattung der vergangenen Tage habe ihn persönlich, gar körperlich betroffen gemacht. »Ich habe das Gefühl, ich muss rausgehen, aktiv werden, ein Zeichen setzen. Ich will zeigen, dass es Leute gibt, die das nicht hinnehmen wollen.«

Seit am Mittwoch erste Berichte über ein mutmaßliches Treffen von AfD-Politikern mit Rechtsextremen öffentlich wurden, rufen Bündnisse in verschiedenen deutschen Städten zu Kundgebungen auf. Die Veranstaltung in Hamburg scheint bundesweit bislang die größte: Zwischen 1700 und 2500 Teilnehmende zählen Polizei und Veranstalter am Speersort in der Hamburger Innenstadt. Zweimal müssen die Organisatoren den Lautsprechertransporter verrücken, weil immer mehr Menschen von der Mönckebergstraße zur Kundgebung drängen. Einige gehören zum üblichen Demopersonal, Vertreter von Antifa, Linkspartei, Jusos und den »Omas gegen rechts« etwa. Ab und an stimmen Einzelne »Alerta, Alerta, Antifaschista«-Rufe an, auch die Internationale schallt zwischenzeitlich über den Platz.

Mit dem »Masterplan« der AfD nicht einverstanden

Doch viele andere sind ohne Fahnen oder Schilder gekommen. Für manche, so wie Dieter Uhlig, ist es die erste Kundgebung seit vielen Jahren oder überhaupt. Nach den Berichten der vergangenen Tage wollen sie zeigen, dass sie mit dem »Masterplan« der AfD nicht einverstanden sind – und vielleicht auch, dass die schweigende Mehrheit nicht länger schweigen wird.

Inmitten der Menge, in der Nähe des Lautsprecherwagens, stehen Fanny, 15, und Finja, 17. Seit fünf Jahren gehen die beiden auf Demonstrationen, wie sie sagen, vor allem zu Fridays for Future. Die Kundgebung heute ist ihre erste Demo gegen rechts.

»Wenn wir nichts machen, sind irgendwann Rechte an der Macht«, sagt Fanny. »Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt laut sind, dass wir zeigen: Wir sind hier. Wenn alle denken: ›Es ist kalt, ich wäre lieber zu Hause, irgendjemand geht schon hin‹, dann geht niemand auf die Straße.«

Finja: »Ich habe Angst vor einem Rechtsruck. Wenn irgendwann etwas passiert, will ich wissen, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden habe.«

Fanny: »Ja, ich will es versucht haben.«

Finja: »Vor allem, weil wir noch nicht wählen dürfen.«

»Man kann nicht immer nur etwas auf Instagram teilen«

Überrascht habe sie die Correctiv-Recherche nicht, sagen die Schülerinnen. »Ich habe erwartet, dass so etwas passiert«, so Finja. Fanny ergänzt: »Ich bin überrascht, dass es jetzt erst rauskam.«

Die Hamburger AfD distanziert sich mittlerweile von dem Treffen in Potsdam, bei dem AfD-Politiker gemeinsam mit Rechtsextremen beraten haben sollen, wie sie sie Menschen mit Migrationshintergrund massenhaft aus Deutschland abschieben oder verdrängen können – auch deutsche Staatsbürger. Im NDR Hamburg Journal verkündete Landes- und Fraktionschef Dirk Nockemann am Donnerstagabend: »Für mich ist es komplett irrsinnig, zu einer Veranstaltung zu gehen, auf der jemand spricht, der wie Herr Sellner eben – ich sag’ mal – bestimmte Volksbegriffe vertritt, das ist für mich indiskutabel.«

Für die Demonstranten vor der Parteizentrale macht das jedoch keinen Unterschied. »Ganz Hamburg hasst die AfD«, skandiert die Menge immer wieder, und: »Nazis raus«. Am Rand der Veranstaltung, direkt vor der abgesperrten und polizeilich gesicherten AfD-Parteizentrale, stehen Johanna Pinkepank, 38, und André Hofmeister, 47. »Es braucht schon eine gewisse Brisanz, um mich auf die Straße zu bringen«, sagt Hofmeister, der seine fünfjährige Tochter auf den Schultern trägt. »Aber wenn wir das jetzt unkommentiert lassen, erweckt das den Eindruck, als interessiere es niemanden. Wir müssen das Signal setzen: Das geht mit uns nicht. Und zeigen, dass weite Teile der Bevölkerung nicht mitmachen.«

Dass es draußen nur vier Grad hat und der Boden voller Schnee und Eis ist, spielt für die beiden keine Rolle. »Man kann nicht immer nur etwas auf Instagram teilen, auch wenn das bequem und schnell geht. Man muss wirklich etwas tun«, sagt Pinkepank. Hofmeister ergänzt: »Jetzt hat man vielleicht noch die Möglichkeit, mit ein bisschen Unbequemlichkeit etwas zu ändern. In zehn Jahren aber kommt man vielleicht in den Knast oder wird ausgewiesen.«

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