News: Prag, Donald Trump, Jens Lehmann
Attacke in Prag
Die Nachrichten aus Tschechien sind schrecklich: Ein Schütze hat an der Karls-Universität in Prag mindestens 14 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Auch der Täter sei tot, teilte der Polizeipräsident mit.
Wer ist der Mann? Es soll sich um einen 24-jährigen Studenten der Hochschule handeln. Der Polizei zufolge wurde David K. bereits vor den Schüssen gesucht, da sein Vater westlich von Prag tot aufgefunden worden war. K. habe sich auf den Weg in die tschechische Hauptstadt gemacht und gesagt, er wolle sich selbst töten, so der Polizeipräsident. Die Beamten hatten zuvor vermutet, dass der Schütze seinen Vater getötet habe. Der mutmaßliche Täter soll angeblich auf Telegram ein Tagebuch geführt haben, in dem er über Amokläufe im Ausland geschrieben habe.
Tage länger, Nächte kürzer
Sie haben es geschafft. Heute ist die dunkelste Zeit des Jahres, oder wie die Profis sagen: Wintersonnenwende. Heißt: Es geht aufwärts. Ab morgen werden die Tage auf der Nordhalbkugel wieder länger, die Nächte entsprechend kürzer.
Eine liebe Kollegin empfahl mir just eine Sonnenstunden-App. Da schaue sie jeden Morgen bis zum März und feiere fortan, wie der Tag die Nacht Woche für Woche weiter zurückdrängt. Habe ich gestern auch heruntergeladen. Und erinnern Sie sich noch an diese Büchlein mit den Bullshit-Bingo-Sprüchen, die man dort für seine Schulfreunde in Schönschrift hineinmalte? Mach’ es wie die Sonnenuhr, zähl’ die heiteren Stunden nur. Der Spruch war allgegenwärtig. Pech nur, dass es damals noch keinen Mobilfunkapparat mit integrierter Sonnenuhr gab. Wie heiter hätte es sein können, das Leben.
Wobei: Im Januar sind die Tage dann zwar schon wieder einen Ticken länger, aber wirklich heiter? Eher nicht. Bei der Bahn drohen Streiks (immer nur drei bis fünf Tage, sucht uns Claus Weselsky vom Lokführerstreikkollekiv zu erheitern), die Grippe wird voll mobilisiert haben und die Bauern protestieren sicherlich immer noch gegen dieses Dieseldings.
Aber gut: Am 20. März ist Frühlingsanfang. Seien Sie gewiss.
Kampf um Amerikas Demokratie
Parlamentarisch ist in diesen Tagen Pause. Der Bundestag kommt erst Mitte Januar wieder zusammen (dann geht’s weiter mit dem Haushalt). Der US-Senat startet am 8. Januar neu und ringt weiter um ein 110-Milliarden-Dollar-Paket, in dem auch die Ukrainehilfen enthalten sind. Werden die Republikaner weiter bocken und blocken? Es sind bereits die Schatten, die eine mögliche Präsidentschaftskandidatur Donald Trumps auf Amerika werfen.
In einem Washingtoner Antiquariat habe ich ein US-Geschichtsbuch aus dem Jahr 1947 gefunden. »The March of Freedom« heißt es. Ein wenig pathetisch, aber darin die schöne Beobachtung, dass man keinen Pass vorzeigen müsse, um durch dieses so unterschiedliche Amerika zu reisen. Nur Achtgeben aufs »ideologische Gepäck« solle man schon. Versöhnliches Fazit: »We are a country of strange bedfellows – but the bed ist huge.«
Ein Dreivierteljahrhundert später stellt sich die Frage: Ist wirklich genug Platz für all die auseinanderstrebenden Ansichten – oder sind die Vereinigten Staaten womöglich auf dem Weg ins autokratische Trumpistan? Nun ist glücklicherweise die amerikanische Republik nicht ohne Grund bald 250 Jahre alt und hat dabei sogar einen Bürgerkrieg überstanden. Wenn einer Alleinherrscher werden will, kann er das nicht so einfach. Das alte demokratische Gemäuer hat ein paar gute Stützpfeiler.
Das Problem für die US-Demokratie ist deshalb nicht zuallererst Trump. Das wahre Problem sind die Republikaner. Denn wenn die Partei das willfährige Instrument dieses Mannes bleibt, wenn ihm niemand in den Arm fällt, dann ist das Gemäuer in Gefahr.
Ist dieses drohende Szenario hinreichend für Joe Bidens Wiederwahl im kommenden Jahr? Stand heute: leider nicht.
Stress am Weihnachtsbaum
Vielleicht kommt jetzt ein bisschen Nutzwert für Sie. Sollten Sie an Weihnachten politisch heikle Gespräche mit Verwandten fürchten, dann empfehle ich Ihnen den Artikel meines Kollegen Levin Kubeth.
Levin hat an einem digitalen Workshop vom »Kulturbüro Sachsen« teilgenommen, das ist ein Verein, der sich gegen rechtsextremistische Strukturen einsetzt. So viel vorab: Drei Schritte werden dort gelehrt für den Fall menschenfeindlicher Vorwürfe am Tannenbaum.
Erstens Einschätzung der Situation: Will die Person einfach nur Dampf ablassen oder inhaltliche Auseinandersetzung? Zweitens Setting berücksichtigen: In großer Runde sind Auseinandersetzungen schwieriger. Drittens das eigene Ziel festlegen: Möchte man eine Diskussion anfangen oder etwa lieber einzelne Aussagen hinterfragen?
Man könne aber auch das Gespräch einfach unterbinden.
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Und nun die guten Nachrichten: Die Welt ist in einem schlechten Zustand. Aber wann, wenn nicht zur Weihnachtszeit, sollte man sagen, was gut ist. Um zu wissen, was es zu bewahren gilt.
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Die Startfrage heute: Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Wo wurde er geboren?
Gefallener Star des Tages…
…ist Jens Lehmann. In Boulevardmedien ist er der »WM-Held von 2006« (Sommermärchen, Elfmeterschießen gegen Argentinien, Spickzettel im Stutzen, ja ja). Im realen Leben ist er ein Mann, der heute unter anderem wegen einer mutmaßlichen Kettensägenattacke auf die Garage seines Nachbarn ein Urteil vorm Amtsgericht Starnberg erwartet (das ist an dem schönen See). Es geht noch um ein paar andere Sachen, am Ende stehen Vorwürfe im Raum zu Hausfriedensbruch, Beleidigung, Sachbeschädigung, versuchtem Betrug.
Lehmanns Erklärung zu der Sache mit der Kettensäge geht übrigens so, wie meine Kollegin Julia Jüttner in ihrer lesenswerten – und unter uns: sehr unterhaltsamen – Gerichtsreportage berichtet: »Warum ging er mit einer Kettensäge zu seinem Nachbarn? ›Ich wollte einfach mal schauen, was er vorhat.‹ Kurze Stille. ›Zu welchem Zweck führen Sie da eine Kettensäge mit?‹ – ›Die hatte ich noch in der Hand.‹ Eigentlich habe er nur seine Hecken ›trimmen‹ wollen – und die des Nachbarn.«
Nachrichten und Hintergründe zum Israel-Gaza-Krieg finden Sie hier:
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»Wir greifen Schiffe an – die Verantwortung liegt bei den USA«: Die Huthi-Milizen beschießen Schiffe im Roten Meer – angeblich aus Solidarität mit den Palästinensern. Ein Sprecher der Gruppe verteidigt die Gewalt und droht den Vereinigten Staaten.
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WHO berichtet von dramatischer Hungerkrise in Gaza: Die Weltgesundheitsorganisation hat alarmierende Zahlen veröffentlicht. 93 Prozent der Menschen in Gaza sind demnach von Hunger betroffen. Und Hunderttausende Infektionen werden wohl zu noch mehr Toten führen.
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Die Stadt unter der Stadt: Meter für Meter deckt die israelische Armee das Tunnelnetz der Hamas auf – und lässt die Welt daran teilhaben. Neue Videos sollen zeigen, wie sich die Terrororganisation unter Gaza eingerichtet hat.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
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Sturmflutwarnungen, Feuerwehreinsätze, Verletzte – Sturmtief zieht über den Norden: Mit Wucht fegt das Sturmtief »Zoltan« vor allem über Norddeutschland. Im Zugverkehr gab es bereits massive Auswirkungen. Für den Vormittag werden schwere Sturmfluten erwartet.
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Russisches Militär wird laut Selenskyj immer langsamer: Wolodymyr Selenskyj spricht von verringerten russischen Aktivitäten im Krieg gegen sein Land. Ukrainische Stellen sehen außerdem Belege dafür, dass unter den Kremltruppen das »Mäusefieber« grassiert.
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»Das Lehrerzimmer« und Film von Wim Wenders auf der Shortlist: In Beverly Hills hat die Akademie die Shortlist für den Auslands-Oscar bekannt gegeben. Ein deutscher Film und der Film »Perfect Days« von einem deutschen Regisseur haben eine weitere Hürde im Rennen gemeistert.
Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute
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Fröhliches Weihnachtsshopping auf Pump: Das Geld ist knapp, daher setzen Amerikaner zunehmend auf »Kauf jetzt, zahl später«. Die US-Finanzaufsicht warnt vor Risiken: Häufig fallen überhöhte Zinsen an, betroffen sind oft jüngere Käufer .
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Präsident mit Narrenkappe: Walter Scheel war Ende 1973 als Außenminister beliebt, nun wollte er Bundespräsident werden. Ein Genussmensch mit Hang zum Karneval und einem Charts-Hit: »Hoch auf dem gelben Wagen« .
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Schöner Schenken: In Japan und Südkorea werden besondere Geschenke mit Stofftüchern eingewickelt. Eine jahrhundertealte Tradition, die nicht nur Präsente veredelt – sondern Müll vermeidet .
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Waass, ihr gebt euer Kind schon/nicht in die Kita??? Mit einem Jahr ist mein Kind am besten in der Kita aufgehoben. Oder? Nein, das ist eine politische Entscheidung. Und sie fällt von Land zu Land anders aus. Wie Eltern gut damit umgehen können.
Öffnen Sie hier das nächste Türchen unseres Adventskalenders! 24 der meistgelesenen Artikel von SPIEGEL+. Heute: Die erstaunliche Fähigkeit des Knorpels, sich zu verjüngen
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Sebastian Fischer, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

