Wohnungsbau: Grüne sind gegen neue Stadtviertel – und widersprechen dem Kanzler
Die Bundestagsfraktion der Grünen steht dem Vorschlag von Bundeskanzler Olaf Scholz, in den angespannten Wohnungsmärkten des Landes 20 neue Stadtteile zu bauen, sehr kritisch gegenüber. Sie plädiert stattdessen für die Nutzung der bestehenden Bausubstanz. »Indem wir umbauen, aufstocken, Dachgeschosse ausbauen, Lücken füllen und Leerstandflächen nutzen, können bis zu vier Millionen neue Wohnungen entstehen«, sagte der Grünen-Bauexperte Kassem Taher Saleh dem »Tagesspiegel«. »Das ist bezahlbarer und klimafreundlicher als die Forderung von Scholz, wie in den Siebzigern nur auf der grünen Wiese zu bauen.«
Taher Saleh sehe die bestehenden Gebäude als die zentrale Stellschraube, wenn es um Investitionsimpulse, Klimaschutz und neuen Wohnraum gehe, schreibt die Zeitung. Die Grünenfraktion habe dazu ein Positionspapier beschlossen, in dem von einer »Bauwende« die Rede sei, »in der die bereits bestehenden Gebäude effizient weiter- und neu genutzt werden«.
Fokus auf den Umbau
Die neue Norm müsse das Bauen im Bestand sein, um Flächenverbrauch zu vermeiden. Hierfür wollen die Grünen die Baunutzungsverordnung ändern, damit Büros oder Gewerbeflächen leichter in Wohnungen umgewandelt werden können. Um einen Umbau-Fokus zu etablieren, bringt die Fraktion eine Primärbaustoffsteuer oder ein CO₂-Schattenpreismodell ins Gespräch. Auch die Pflicht, für eine Abrissgenehmigung eine ökologische Prüfung einzuholen, steht dem »Tagesspiegel« zufolge in dem Thesenpapier.
Kanzler Scholz hatte vor einer Woche ein Umdenken weg von der bloßen Nachverdichtung gefordert. Das Bauen auf der sogenannten grünen Wiese habe man in den vergangenen Jahren nicht gewollt, es sei aber notwendig, sagte der SPD-Politiker. Es brauche eine politische Verabredung, mehr Bauland zur Verfügung zu stellen und auch dort höhere Bauten zuzulassen, wo dies verhindert worden sei.
Auslöser der Debatte ist der massive Einbruch der Aktivitäten im Wohnungsbau. Bis September wurden in Deutschland weniger als 200.000 neue Wohnungen genehmigt, teilte das Statistische Bundesamt mit. Im September waren es nur 19.300, ein Rückgang um 29,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Wohnungsbauunternehmen führen dies auf gestiegene Zinsen zurück. Scholz macht auch fehlendes Bauland verantwortlich.
Ähnlich wie die Grünen lehnt auch die Bundesarchitektenkammer neue Großwohnsiedlungen ab. Die umfangreiche Flächenversiegelung und die hohe CO₂-Belastung seien dafür die entscheidenden Gründe. Verbandspräsidentin Andrea Gebhard fordert stattdessen ein Kataster, das ungenutzte und wiederverwendbare Flächen in Ballungsgebieten ausweist. Bereits erschlossene Gewerbegebiete will sie zu gemischten Wohnvierteln entwickeln.

