Historiker Moshe Zimmermann: Was der Fußball über Israels Gesellschaft verrät
Moshe Zimmermanns Leidenschaft fällt sofort ins Auge: Hinter seinem Schreibtisch steht, gut sichtbar, ein Fähnchen des Hamburger SV, im Wohnzimmer füllen Wälzer zur Fußballgeschichte und dem jüdischen Sport im Nationalsozialismus die Regalreihen. Aber Gespräche über Fußball sind abseits seiner Freizeitkicks jeden Freitag derzeit selten.
Zimmermann zählt zu den renommiertesten Historikern Israels. Von 1986 bis 2012 hat er Neuere Geschichte an der Hebrew University Jerusalem gelehrt. Derzeit ist der 80-Jährige, dessen Eltern einst vor den Nazis aus Hamburg flohen, vor allem als Erklärer für den Krieg und die Entwicklungen in Israels Gesellschaft gefragt. Er spricht über das Scheitern des Zionismus und Perspektiven. Aber auch das lasse sich mit Fußball verbinden, sagt er in seiner Wohnung nahe Tel Aviv: Im Sport könne man viel über Gesellschaften lernen.
SPIEGEL: Herr Zimmermann, Israel befindet sich seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober im Krieg. Nach einer Unterbrechung haben die Profiligen im Basketball und im Fußball den Spielbetrieb wieder aufgenommen. Welche Rolle spielt Sport für eine Gesellschaft im Krieg?
Zimmermann: Zunächst einmal ist Sport die beste Ablenkung. In einer Zeit, in der das normale Leben völlig durcheinandergeraten ist, bedeutet er Normalität, ein Stück Alltag, das man sich bewahrt oder zurückholt. Das war schon in der Pandemie so. Und selbst im Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland bis 1944 eine Fußballliga.
SPIEGEL: Zugleich spielt der Krieg auch im Sport eine Rolle. Fußballfans erklären sich mit den Opfern solidarisch, Spieler beteiligten sich an Kampagnen für die Freilassung der Geiseln.
Zimmermann: Das ist die andere Seite. Sport war einmal so gedacht, dass er den Krieg ersetzen sollte. Heute betrachten wir ihn oft nicht nur als Kriegsersatz, sondern auch als Ersatzkrieg. Sobald es tatsächlich zum Krieg kommt, funktioniert die Unterscheidung nicht mehr, jedenfalls nicht hier in Israel. Auch, weil die Präsenz von Arabern im israelischen Sport stärker ist als in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. Das macht es gefährlich.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Zimmermann: Nehmen wir Maccabi Haifa und seinen Spieler Dia Saba. Saba ist ein sehr talentierter Stürmer, er hat auch schon im Ausland gespielt. Es hat den Klub viel Mühe gekostet, ihn für sich zu gewinnen. Am Anfang des Krieges äußerte Sabas Frau auf Instagram ihr Mitgefühl für die Kinder in Gaza. Eigentlich ist das ja selbstverständlich. Aber in der aktuellen Situation reichte es aus, um mit dem Ehemann »abzurechnen«. Auf die Mannschaft wurde so viel Druck ausgeübt, dass er nicht mehr spielen konnte.
SPIEGEL: Dabei galt die Stadt Haifa lange als Beispiel für eine funktionierende Koexistenz. Der Klub ist auch bei arabischen Fans sehr beliebt.
Zimmermann: Im Hebräischen haben wir ein Sprichwort: Wenn schon die Zedern in Brand gesteckt werden, was passiert dann mit den Mauermoosen? Wenn selbst Maccabi Haifa schon einen Spieler deshalb ausgrenzt, was wird dann erst mit den anderen? Denken Sie zum Beispiel an Beitar Jerusalem.
SPIEGEL: Fans von Beitar machen mit Rufen wie »Tod den Arabern« und Hetzjagden immer wieder Schlagzeilen. Die Zeitung »Haaretz« nannte Beitar mal einen der rassistischsten Klubs der Welt.
Zimmermann: Beitar war schon immer streng nationalistisch. Er hat auch eine direkte politische Beziehung zu den Revisionisten und zum Likud, der nationalkonservativen Partei von Ministerpräsident Netanyahu. Bei Beitar gab es ein Transparent, »Beitar, auf ewig rein«. Rein von Arabern, sollte das heißen, rein von Muslimen. Das ist purer Rassismus, getragen von der Fangemeinschaft »La Familia«. Sie ist nicht nur auf den Rängen präsent, sondern auch auf der Straße. Bei Demonstrationen gegen Netanyahu und seine Justizreform hat diese Truppe Protestierende eingeschüchtert und auf sie eingeschlagen. Der Zusammenhang von Sport und Politik macht sich noch mehr bemerkbar in einer Zeit, wo Krieg die Gesellschaft ohnehin spaltet. Wenn nach dem 7. Oktober selbst ein Klub wie Maccabi Haifa wankt, bedeutet das: Hier ist die Grundlage für unser Zusammenleben akut in Gefahr geraten.
SPIEGEL: Der Soziologe Tamir Sorek hat den Fußball mal als integrative Enklave Israels bezeichnet. Das Nationalteam wurde oft als Vorzeigemodell des Miteinanders gefeiert, zuletzt erst bei der erfolgreichen Olympiaqualifikation der U21. Ist das vorbei?
Zimmermann: Man ist im Sport bereit, ein Miteinander zu schaffen, das auf Erfolg, auf Exzellenz baut. Das begann aber auch relativ spät. Der erste arabische Nationalspieler kickte erst in den Siebzigerjahren für Israel, das heißt als israelischer Staatsbürger in der israelischen Nationalelf. Das gehört seitdem zur Normalität. Von da an konnte man das gut verkaufen: Seht her, wir sind in der Integration erfolgreich. Wenn man genau hinschaute, dann stimmte das nur teilweise. Die Araber stehen immer unter besonderer Beobachtung durch das Publikum. Sie können sich keine Fehler erlauben, auf dem Platz ebenso wie abseits davon.
SPIEGEL: Hat man sich mit der Einheit etwas vorgemacht?
Zimmermann: Sie spiegelt, was die Gesellschaft insgesamt praktiziert: ein Nebeneinander. Schauen Sie sich Munas Dabbur an…
SPIEGEL: …Israels wohl erfolgreichster arabischer Spieler, der auch für die TSG Hoffenheim in der Bundesliga spielte…
Zimmermann: Dabbur hat Tore geschossen für die Mannschaft. Er hat Spiele gewonnen. Und wurde trotzdem ausgepfiffen – einfach, weil er Araber ist. Als es vor etwa zwei Jahren in israelischen Städten Unruhen gab, hatte er eine Bemerkung in den sozialen Medien gemacht, in der er einen Koranvers zitierte. Er musste sich daraufhin rechtfertigen, dass das nicht bedeute, er sei Anhänger der Hamas. Trotzdem begleitet ihn das seither. Ein Nationalspieler Israels – ausgebuht von den eigenen Fans. Inzwischen ist er aus dem Team zurückgetreten.
SPIEGEL: Wofür steht das Ihrer Meinung nach?
Zimmermann: Beim Sport schwindet der dünne Firnis der Zivilisation rasch. Im Wettkampf sieht man, was die Leute wirklich im Bauch tragen. Was etwa Beitar Jerusalem zum Vorschein bringt, entspricht weit eher dem Durchschnitts-Israeli als die Linken, Aufgeklärten von Hapoel Katamon oder Tel Aviv. Wir sind ein jüdisches Land, und die anderen haben hier eigentlich nichts zu suchen, das ist ungefähr die Haltung. Deswegen ist es gut, auf den Sport zu schauen. Im Sport gibt es die Elemente, die essenziell sind, um eine Gesellschaft zu verstehen.
SPIEGEL: Warum sind arabische Israelis im Fußball präsenter als in anderen Sportarten?
Zimmermann: Es beginnt damit, dass Sport in Israel insgesamt unterfinanziert ist. Die Araber sind noch mal mehr benachteiligt. Deswegen suchen sie sich Sportarten, die ökonomisch und infrastrukturell wenig voraussetzungsvoll sind. Fußball können Sie auf der Straße spielen. Sie gehen dorthin, wo man nicht investieren muss. Weil die Familien es oft nicht können und die Gesellschaft, die Politik nicht investieren will.
SPIEGEL: Wieso ist der Sport in Israel so explizit politisch?
Zimmermann: Das hängt mit der Herkunft der Vereine zusammen. Es gab hier in Israel historisch drei Dachverbände: Makkabi für die Bürgerlichen, Hapoel für die Arbeiter, Beitar für die Nationalisten. Die Parteien haben anfangs auch alles finanziert. Auch wenn sich die Klubstrukturen mit der Privatisierung verändert haben, ist die Erinnerung an diese Vergangenheit noch immer wach.
SPIEGEL: Geht es im israelischen Sport also auch um das Verhandeln der Frage, welche Gesellschaft man will?
Zimmermann: Die Grundsatzfrage Israels ist seit jeher dieselbe: Was bedeutet die Floskel »jüdischer Staat«? Der Staat wurde als Judenstaat gegründet. Ein Judenstaat verträgt eine Minderheit, die nicht jüdisch ist. So war das in der Vision Theodor Herzls. In dem Moment, wo man aber »jüdisch« sagt, wird es komplizierter. Meint Jüdischsein dann die Herkunft der Staatsbürger, den Charakter des Staates? Die Einstellung zur Nation oder die Zugehörigkeit zur Religion? Und wenn Religion, welche Art – liberal, ultraorthodox? Die jeweilige Antwort hat Konsequenzen auch für den Umgang mit allem Nichtjüdischen. Darum geht es auch im Sport, um Zusammenhalt oder Zerrissenheit – und seit dem Krieg macht sich das umso mehr bemerkbar.
SPIEGEL: »Wir gegen die anderen«, das wohnt dem Sport wie dem Krieg inne.
Zimmermann: Sehen Sie, ich bin aufgrund der Herkunft meines Vaters HSV-Fan. Ich »weiß«, wie ich mich bei einem Spiel gegen Werder Bremen oder St. Pauli zu verhalten habe. Die Frage ist doch, wie weit die Rivalität reicht. In Deutschland versucht man, die Fans derart zu erziehen, dass die Gegnerschaft nicht in Feindschaft übergeht. In Israel gibt es diese Hoffnung auf Zurückhaltung nicht. Hier geht es immer bis zum bitteren Ende.
SPIEGEL: Der Sport ist auch international immer wieder Schauplatz des Nahostkonflikts geworden, auch durch Boykotte gegen israelische Sportler, im Judo etwa oder im Ringen. 1972 in München ermordeten palästinensische Terroristen elf Mitglieder von Israels Olympiamannschaft . Warum taugt der Sport so gut als Bühne?
Zimmermann: Sport ist, gerade weil er so populär ist, eine ideale Plattform, um Konflikte auszutragen. Sie können dort auf echte Israelis treffen und Ihre Kritik oder Ihren Hass direkt adressieren.
SPIEGEL: Bei der Fußball-WM in Katar 2022 nahmen weder Israel noch das palästinensische Nationalteam teil. Dennoch waren palästinensische Flaggen in den Stadien und Straßen Dohas omnipräsent . Wie passt das zusammen?
Zimmermann: Das passt genauso wie der Anschlag auf die Olympiamannschaft 1972. Israel ist abstrakt immer anwesend. Es schauen ja Millionen, vielleicht sogar eine Milliarde bei einer WM zu. Wo könnte man eine politische Botschaft besser in die Welt tragen? In Katar konnten arabische Fans ihre Sympathien für die Palästinenser zeigen . In diesen Gesellschaften gibt es immer noch großen Rückhalt für die palästinensische Sache, selbst wenn Israel sich mit einigen Nachbarn wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Marokko oder zuletzt auch Saudi-Arabien auf politischer Ebene angenähert hat. Die Pro-Palästina-Bekenntnisse waren möglich, weil das Turnier in der arabischen Welt stattfand. Bei einer WM in Deutschland oder England wäre das – jedenfalls vor dem 7. Oktober – schwierig gewesen.
SPIEGEL: Im israelischen Sport herrscht seit dem Krieg in Gaza große Sorge um die Sicherheit bei internationalen Wettkämpfen . Sogar von der Angst vor einem zweiten Attentat wie bei Olympia 1972 ist die Rede.
Zimmermann: Das Trauma von München beschäftigt Israel bis heute. Zum einen weil dort elf Israelis ermordet wurden – dazu noch als Repräsentanten des israelischen Stolzes. Von den Palästinensern und vor aller Welt. Der Staat Israel hatte sein Versprechen, Juden vor solchen Massakern zu schützen, nicht halten können. Das sitzt tief in der kollektiven Erinnerung. Und es verbindet das Olympia-Attentat auch mit dem 7. Oktober. Angesichts der aktuell sehr antiisraelischen Stimmung in der Welt ist es da eine akute Frage, wie Sicherheit bei Olympia und EM gewährleistet sein kann. Es gibt aber noch eine Parallele, weshalb der Überfall der Hamas Erinnerungen an München weckt .
SPIEGEL: Welche?
Zimmermann: Auch damals spielten die Geheimdienste eine wesentliche Rolle. Zunächst, weil das Attentat nicht verhindert werden konnte. Aber auch als es im Nachgang um die Verfolgung und »Eliminierung« der Täter ging. Damals hat der Mossad über Jahre die Drahtzieher auf der ganzen Welt verfolgt und ausgeschaltet. Das hat mit Sport wenig zu tun. Aber die Botschaft ist dieselbe: Wer uns so etwas antut, wird dafür mit seinem Leben bezahlen.
SPIEGEL: Hat der Sport die Chance, nach dem Krieg zu einer Perspektive beizutragen?
Zimmermann: Der Sport kann eine Brücke sein. Er kann eine Pionierrolle übernehmen für das Zusammenleben von Juden und Arabern. Aber es kann auch in genau die entgegengesetzte Richtung kippen. Über die Richtung wird die Politik bestimmen. Die Zukunft Israels wird davon abhängen.

