Gazastreifen: Israel postiert offenbar Panzer vor Kliniken in Chan Junis
Israelisches Militär durchkämmt in seinem Kampf gegen die Hamas offenbar die Großstadt Chan Junis im Süden des Gazastreifens. Es soll Angriffe aus der Luft, von Land und See gegeben haben, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Augenzeugen. Demnach handelte es sich um die schwersten Attacken seit Beginn des Krieges im Oktober.
Den Angaben zufolge sollen die israelischen Streitkräfte auch die Zufahrten zu zwei Kliniken in der Stadt mit Panzern blockiert haben. Patienten soll damit der Weg in die Notaufnahme versperrt gewesen sein. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. In einem weiteren Krankenhaus – dem einzigen, zu dem es noch Zugang geben soll – sind laut Zeugenberichten die Zustände katastrophal. Verletzte würden in Fluren und auf dem Boden behandelt.
Videoaufnahmen zeigen laut Reuters Rauchwolken über der Stadt, immer wieder waren Schüsse zu hören. Versprengte Zivilisten sind in der zerstörten Stadt unterwegs.
Israel hatte seine Offensive in Chan Junis in der vergangenen Woche intensiviert. Die Stadt ist laut Armeeangaben ein Hauptquartier der Terrororganisation Hamas. Die Hamas und andere extremistische Gruppen aus dem Gazastreifen hatten am 7. Oktober bei Angriffen in Israel rund 1140 Menschen getötet und 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Mehr als hundert Geiseln befinden sich demnach noch immer in dem Palästinensergebiet.
EU-Außenbeauftragter Borrell warnt, Israels Vorgehen schüre »Hass für Generationen«
Als Reaktion greift Israel den Gazastreifen aus der Luft und mit Bodentruppen an, erklärtes Kriegsziel ist die Zerschlagung der Hamas. International wachsen jedoch die Zweifel, ob dieses Ziel erreichbar ist. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sagte am Rande des EU-Außenministertreffens vor Journalisten, mit dem derzeitigen Vorgehen Israels werde »Hass für Generationen« geschürt. Die Art und Weise wie die Zerstörung der Hamas vorangetrieben werde, sei »nicht der Weg«.
»Wir müssen aufhören, über den Friedensprozess zu sprechen, und anfangen, konkreter über den Prozess der Zweistaatenlösung zu reden«, so Borrell weiter. Zu Details seines Konzepts äußerte sich Borrell zunächst nicht. Es sollte am Montag aber als Grundlage für die Beratungen dienen. Zu den Gesprächen in Brüssel wurden der Generalsekretär der Liga der Arabischen Staaten, Ahmed Abul Gheit, sowie die Außenminister aus Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien erwartet.
Außenministerin Annalena Baerbock übte indirekt Kritik an der ablehnenden Haltung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu gegenüber einer Zweistaatenlösung. »All diejenigen, die davon nichts wissen wollen, haben bisher keine andere Alternative auf den Weg gebracht«, sagte sie in Brüssel.
Die Hamas lehnt eine Zweistaatenlösung ab, wonach ein unabhängiger, demokratischer und entmilitarisierter Palästinenserstaat friedlich an der Seite Israels existieren soll. Die Terrororganisation strebt stattdessen eine Zerstörung des Staates Israel an.
Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörden sind bei den Angriffen mehr als 25.000 Menschen gestorben. Allein innerhalb der vergangenen 24 Stunden seien bei israelischen Angriffen im Gazastreifen 190 Palästinenser getötet und 340 weitere verletzt worden, teilte ein Behördensprecher mit. Diese Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen, erwiesen sich in vergangenen Gazakriegen aber als glaubwürdig.

