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Antisemitismus-Experte: »Was wir jetzt mit Bin Laden auf TikTok sehen, ist nur ein Vorgeschmack«

November 18
00:25 2023

»Jeder sollte es lesen!«, sagt eine junge Amerikanerin im weißen Kapuzenpulli in die Kamera, »das hat mir viele Illusionen genommen«. Eine andere meint: »Ich werde das Leben und dieses Land nie wieder anschauen wie zuvor.« Ein junger Mann blickt theatralisch auf sein Handy: »Er hatte recht.«

Tausende junge Menschen teilen plötzlich diese Videos, in denen es um eine 21 Jahre alte Hetzschrift von Osama Bin Laden geht. Das plötzliche Interesse führte dazu, dass die britische Tageszeitung »Guardian« das Dokument kurzfristig von ihrer Internetseite nahm – was die Aufmerksamkeit mutmaßlich nur weiter erhöhte. Der »Guardian« hatte 2002 über den auf Arabisch verfassten »Brief an das amerikanische Volk« des früheren Chefs der Terrororganisation al-Qaida berichtet und ihn in englischer Übersetzung komplett veröffentlicht.

In dem Dokument erklärt Bin Laden sein Weltbild, unterstellt dem Judentum heimliche Macht und ruft zu neuen Terroranschlägen auf. Im Zuge des aktuell zugespitzten Nahostkonflikts wurde der Brief von jungen Nutzern wiederentdeckt und verbreitet. TikTok hat inzwischen reagiert und angekündigt, die Verwendung des Hashtags #lettertoamerica sowie die Verbreitung von Videos zum Thema einzuschränken. Das Unternehmen ergänzte, es habe nur »eine geringe Anzahl« der Videos gegeben – und sie verstießen ganz klar gegen die Regeln der Plattform. Bis Donnerstagnachmittag seien Videos mit dem entsprechenden Hashtag mehr als 15 Millionen Mal angesehen worden.

SPIEGEL: Seit Wochen beobachten wir, wie Elite-Studenten in den USA und Klimaaktivistinnen, darunter Greta Thunberg, einseitig Israel kritisieren oder den Hamas-Terror relativieren. Jetzt diskutieren junge Amerikaner auf TikTok begeistert über ein Bin-Laden-Pamphlet, seinen Brief an das amerikanische Volk. Was ist da los?

Mattsson: Ich tue mich schwer, das so eindeutig zu erklären. Verschwörungstheorien werden aber offenbar von vielen Menschen nicht mehr erkannt. Und sie schämen sich auch nicht mehr, solche Meinungen zu äußern. Dieses Pamphlet wirkt wie Dünger für etwas, das schon länger wächst.

SPIEGEL: Der Brief wird von begeisterten TikTokern gewissermaßen als eine Art Erweckungserlebnis beschrieben.

Mattsson: Dieser »Letter to America« wurde 2002 veröffentlicht. Für viele junge Menschen ist er offensichtlich alt und damit auch besonders authentisch. Sie sehen ihn jetzt als historische Vorahnung, die ihre Gefühle bestätigt – ohne dabei die eigenen Ressentiments zu erkennen.

SPIEGEL: Wie kommt es, dass junge Menschen glauben, sie hätten eine gemeinsame Weltanschauung mit islamistischen Terroristen?

Mattsson: Der Brief ist bewusst in einer Sprache geschrieben, die an westliche Verschwörungstheorien anknüpft. Er appelliert an das Gefühl, nicht die Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben. Der Antisemitismus ist in diesem Dokument nicht religiös formuliert, sondern so, dass er gängige Erzählungen aufgreift: Israel übt heimlich Einfluss aus, die USA werden von einer kleinen Elite und von außen kontrolliert. Dann heißt es: Es braucht eine Revolution. Das ist sehr einfach und spricht viele in ihren Gefühlen an, wie man in vielen der Videos dazu sieht.

SPIEGEL: Schrecken die Gräueltaten der Terroristen nicht ab?

Mattsson: Schon in der Friedensbewegung der Sechzigerjahre war es kein Widerspruch, dass man Frieden forderte und gleichzeitig Gewalt als Widerstand legitimierte. In unserer Forschung sehen wir das immer wieder, aus psychologischer Sicht ist es nicht ungewöhnlich, dass wir so selektiv sind.

SPIEGEL: Wie schnell breitet sich Judenhass bei jungen Menschen derzeit aus?

Mattsson: Es gibt einen verdeckten Antisemitismus, der immer da ist und sonst nicht geäußert wird. Viele erkennen ihn auch nicht, davon bin ich überzeugt. Aber wenn es bei Fridays for Future jetzt heißt, die Medien manipulierten und es würde heimlich Stimmung für Israel gemacht, ist die antisemitische Botschaft schon recht klar. Viele Menschen haben sich in den vergangenen Wochen auch selbst radikalisiert.

SPIEGEL: Woran merken Sie das?

Mattsson: Hier in Schweden schreibt man Zionismus mit einem S: Sionism. Viele junge Menschen schreiben es jetzt aber mit Z – so, wie sie es in den vergangenen Tagen auf Instagram und TikTok aufgeschnappt haben.

SPIEGEL: Und nicht nur dort. In der schwedischen Facebookgruppe »Pink Wall« diskutieren normalerweise bis zu 180.000 Menschen über Frauenrechte, Gleichberechtigung und alltägliche Erfahrungen. Doch seit Kriegsbeginn herrscht ein anderer Sound. »Fast alle schwedischen Medien sind im Besitz von Zionisten«, heißt es da. Oder: »Nur Israel kann das tun und warten, bis es die Weltherrschaft übernimmt.« Die Rede ist vom Blutdurst der Israelis, für den Zivilisten und Kinder getötet wurden.

Mattsson: Ein jahrhundertealtes Stereotyp. Ein schrecklicher Antisemitismus wie bei Joseph Goebbels. Das ist wirklich Nazi-Sound. Wir sehen derzeit Antisemitismus, wie wir ihn seit dieser düsteren Epoche in der Weltgeschichte nie wieder erlebt haben.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Mattsson: 25 bis 30 Prozent aller Schulklassen in Schweden besuchen heute allein die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Das sind enorm viele! Auch in Deutschland ist die Erinnerungskultur ja sehr ausgeprägt und Teil des Lehrplans. Aber was damals passiert ist, verstehen immer weniger. Für viele besteht die Lehre aus dem Holocaust darin, dass man gegen Rassismus und Gewalt einstehen muss. Antisemitismus wird dabei nur als historisches Problem erfasst. So werden Muslime und Minderheiten in den Augen junger Leute schnell zu den neuen Opfern – auch der Israelis. Dabei darf man sich wenig Illusionen machen: Sie sagen Zionismus, aber es geht gegen Jüdinnen und Juden.

SPIEGEL: Was macht diesen Zorn aus?

Mattsson: Es hat auch damit zu tun, dass Israel als sehr stark und überlegen wahrgenommen wird. Viele haben derzeit den Eindruck, dass man diese Leute nicht auch noch verteidigen muss, weil sie sich ohnehin zu wehren wissen und im Zweifel schamlos ihre Macht ausnutzen – was wiederum selbst ein sehr klassisches antisemitisches Motiv ist.

SPIEGEL: In vielen Kommentaren und Videos ist auch die Rede vom Kampf gegen Kolonialismus und westliche Ausbeutung. Wie wichtig ist die postkoloniale Theorie in dieser Diskussion?

Mattsson: Man sollte den Einfluss von akademischer Arbeit auch nicht überschätzen. Aber tatsächlich hat die postkoloniale Theorie einen Einfluss. Vor allem deshalb, weil sich damit einfache Weltbilder entwerfen lassen. Es gibt die Kolonialherren und die Kolonisierten, die Unterdrücker und die Unterdrückten. Der Nahostkonflikt hat eine sehr komplizierte Geschichte. Aber wenn man ihn durch die Linse der postkolonialen Theorie simplifiziert, wird alles sehr eindeutig und leicht. Und die Unterdrückten haben in dieser Logik das Recht, sich gewaltvoll zu wehren, um das Unrecht zu beenden. Es ist eine Legitimation der eigenen Wut.

SPIEGEL: Woher kommen diese ständige Gereiztheit und der Wunsch nach moralischer Absolutheit?

Mattsson: Ich erzähle gern ein Gedankenexperiment des Soziologen Zygmunt Bauman: Die gegenwärtige Gesellschaft, die er liquide nennt, befindet sich demnach gewissermaßen in einem Flugzeug. Jeder weiß, wie er an seinen Platz gekommen ist, kennt aber kaum jemanden um sich herum und weiß auch nicht, wer am Steuer sitzt. Und dann stellen sie sich vor: Es kommt die Durchsage, dass niemand lenkt. Für viele Menschen ist das unerträglich. Sie können diese Art von Unsicherheit nicht ertragen. Daher ist es leichter, sich vorzustellen, dass wir von den falschen Menschen gelenkt werden als von gar niemandem. Viele radikalisieren sich lieber, als diese Unwägbarkeit zu akzeptieren.

SPIEGEL: Offensichtlich wird diese Entwicklung durch soziale Netzwerke und die Neuen Medien noch befeuert.

Mattsson: Unsere Welt hat sich in wenigen Jahren drastisch verändert. Es gibt heute keine Differenz mehr zwischen unserem Auftreten vor und hinter der Bühne. Was wir früher im kleinen Kreis privat diskutiert haben, äußern wir heute oft öffentlich im Netz und beeinflussen damit auch andere. Wir sagen dort Dinge, die wir früher für uns behalten hätten und die in einem redaktionellen Medium keinen Platz und keine Verbreitung gefunden hätten. Diese Entwicklung wird noch über Generationen verändern, wie wir unsere Realität wahrnehmen.

SPIEGEL: Wie blicken Sie in die Zukunft?

Mattsson: Ich bin sehr pessimistisch. Was wir jetzt mit Bin Laden auf TikTok sehen, ist meiner Meinung nach nur ein Vorgeschmack. Warten Sie einmal ab, was passiert, wenn künstliche Intelligenz voll funktionsfähig unseren Alltag beeinflusst. Ich sitze im Safety Advisory Council von Spotify. Podcasts sind nicht unbedingt das zentrale Medium für Verschwörungstheorien. Aber es wird auch dort immer leichter, Inhalte zu fälschen. Und es gibt Akteure, die bereit sind, dafür zu bezahlen. Schon jetzt ist die Angst groß, wie solche Entwicklungen die US-Wahlen im kommenden Jahr und auch weitere Wahlen in Europa beeinflussen werden.

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