Rechte Geheimtreffen: AfD-Chef Tino Chrupalla kann sich angeblich »an nichts erinnern«
Der Bundesvorsitzende der »Alternative für Deutschland«, Tino Chrupalla, kann sich angeblich nicht erinnern, ob er an einem Geheimtreffen rechter Netzwerker im Oktober 2021 teilgenommen hat oder nicht. Auf Fragen zu dem Treffen, das intern »5. Düsseldorfer Runde« genannt wurde, sagte Chrupalla dem »Redaktionsnetzwerk Deutschland« : »Ich kann mich an nichts erinnern«. Eine ähnlich lautende Stellungnahme gab der AfD-Chef gegenüber »Zeit online« ab: »Ich bin wie Scholz, ich erinnere mich an nichts mehr.«
Am Freitag hatte der SPIEGEL über interne Unterlagen berichtet, die Aktivisten des Anonymous-Kollektivs im Internet veröffentlicht hatten. Die Dokumente legen den Verdacht nahe, dass Chrupalla kurz nach der Bundestagswahl 2021 an einem bislang unbekannten Ort mit Vertretern eines geheimen Netzwerks zusammengetroffen war, in dem rechte Politiker offenbar Kontakte zu vermögenden Unternehmern knüpfen konnten.
Laut der geleakten Dokumente sollten an der Zusammenkunft am 9. Oktober 2021 »rund 25« einflussreiche Personen teilnehmen, »darunter extrem potente Menschen in Finanzdingen«. Die – namentlich nicht genannten – Finanziers seien bereit, in »sinnvolle Projekte« zu investieren, etwa den Aufbau eines rechten Medienportals.
In den Unterlagen findet sich zudem der Entwurf eines Dankschreibens, das an die Teilnehmer jener »5. Düsseldorfer Runde« gerichtet ist. Wörtlich heißt es darin: »Dass sich – unmittelbar nach einem anstrengenden Bundestagswahlkampf – der Bundessprecher der AfD, Tino Chrupalla, selbst ins Auto setzt, um vor einem kleinen privaten Kreis völlig unkompliziert und glaubwürdig ›Rede und Antwort‹ zu stehen, um am nächsten Morgen in aller Frühe wieder über Görlitz nach Berlin zu fahren, ist wahrlich nicht selbstverständlich gewesen!«
Organisator des Treffens soll Gernot Mörig gewesen sein, ein früherer Düsseldorfer Zahnarzt, der sich seit Jahrzehnten in der rechtsextremen Szene engagiert und als junger Mann den völkischen »Bund Heimattreuer Jugend« leitete. Mörig soll auch maßgeblich in die Organisation jener Geheimkonferenz in Potsdam eingebunden gewesen sein, die kürzlich von der Rechercheplattform »Correctiv« öffentlich gemacht wurde.
Vor Politikern der AfD und anderen Gästen soll der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner einen Plan für eine groß angelegte »Remigration« präsentiert haben – die massenhafte Abschiebung oder Verdrängung von Zuwanderern und Menschen mit Migrationshintergrund aus Deutschland. Laut »Correctiv« wurde der geheime Gesprächskreis intern als »Düsseldorfer Forum« bezeichnet.
Die AfD schweigt zu Geheimtreffen
Zu der zwei Jahre zuvor anberaumten »5. Düsseldorfer Runde« hat der SPIEGEL seit Mittwoch vergangener Woche sowohl Chrupalla als auch die AfD-Bundespartei und die AfD-Bundestagsfraktion um Stellungnahmen gebeten. Trotz mehrfach wiederholter Anfragen blieb eine Antwort auf die Frage, ob Chrupalla an der Veranstaltung teilgenommen habe, bislang aus. Auch Gernot Mörig ließ eine SPIEGEL-Anfrage zu dem Treffen im Oktober 2021 und der mutmaßlichen Teilnahme Chrupallas im Jahr 2021 unbeantwortet.
Den Vortrag von Martin Sellner zur »Remigration« bei dem Treffen 2023 in Potsdam, so teilte Mörig unterdessen »Correctiv« mit, habe er »anders in Erinnerung«. Hätte er solche Aussagen bewusst wahrgenommen, wären sie »nicht ohne Widerspruch von mir geblieben«, insbesondere im Hinblick auf die Ungleichbehandlung deutscher Staatsbürger.
Rechtsextremist Sellner erklärte via Telegram, dass er »niemals ›Vertreibungen‹ gutgeheißen« habe. Die AfD legte in einer Pressemitteilung Wert auf die Feststellung, dass sie »nicht verantwortlich für Vorträge oder sonstige Inhalte« sei, »die von Privatpersonen auf privaten Veranstaltungen« gehalten würden.

