WHO wirft Israel Zerstörung von Krankenhaus im Gazastreifen vor
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Israel vorgeworfen, ein Krankenhaus im Norden des Gazastreifens de facto zerstört zu haben. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus äußerte sich am Sonntag im Kurzbotschaftendienst X »entsetzt über die faktische Zerstörung des Kamal-Adwan-Krankenhauses im nördlichen Gazastreifen in den vergangenen Tagen«. Das Krankenhaus sei jetzt nicht mehr einsatzfähig, außerdem seien mindestens acht Patienten ums Leben gekommen.
Berichten zufolge seien zahlreiche Mitarbeiter festgenommen worden, erklärte Tedros weiter, nachdem die israelische Armee einen mehrtägigen Einsatz in dem Krankenhaus beendet hatte. Viele Patienten hätten sich »unter großem Risiko für ihre Gesundheit und Sicherheit« selbst in Sicherheit bringen müssen, weil Krankenwagen das Krankenhaus nicht hätten erreichen können. Mehrere Patienten seien wegen fehlender medizinischer Versorgung gestorben, unter ihnen ein neun Jahre altes Kind.
Israel warf Tedros als Reaktion vor, nicht darauf hingewiesen zu haben, dass sich die islamistische Palästinenserorganisation Hamas in dem Krankenhaus verschanzt habe. Außerdem seien die israelischen Streitkräfte vor dem Eindringen in die Klinik mit dem medizinischen Personal in Kontakt getreten, erklärte die israelische Vertretung bei den Vereinten Nationen in Genf auf X, früher Twitter. Die Armee habe ein »humanitäres Fenster« zugelassen und der Großteil des Krankenhauses sei evakuiert worden.
Hunderte Kämpfer der von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuften Hamas waren am 7. Oktober in israelische Städte und Dörfer eingedrungen und hatten dort Gräueltaten an Zivilisten verübt. Israel wirft der Hamas vor, Krankenhäuser als Waffenlager und Kommandoposten zu missbrauchen.
Bei ihrem Militäreinsatz im Gazastreifen haben die israelischen Streitkräfte eigenen Angaben zufolge das größte Tunnelsystem der islamistischen Hamas freigelegt. Die Anlage sei mehr als vier Kilometer lang, rund 50 Meter tief und liege in der Nähe des Grenzübergangs Erez zwischen Israel und dem abgeriegelten Küstengebiet, teilte das Militär am Sonntag mit (mehr dazu erfahren Sie hier).
US-Verteidigungsminister reist ins Krisengebiet
Unterdessen begann US-Verteidigungsminister Lloyd Austin eine mehrtägige Reise in die Region. Am Sonntag besuchte er zunächst Kuwait und Bahrain, um die militärische Lage im Nahen Osten zu erörtern, wie es aus dem Ministerium in Washington hieß. Dabei sollte es auch um die Bildung multilateraler Koalitionen gehen, um auf »Aggressionen auf See« zu reagieren, die die Schifffahrt und die Weltwirtschaft bedrohten. Die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen greifen Israel seit Ausbruch des Gazakrieges immer wieder mit Drohnen und Raketen an und attackieren Schiffe im Roten Meer.
Deutsche Hamas-Geisel spricht im US-Fernsehen über Gefangenschaft
In der Gefangenschaft der Terrororganisation Hamas haben laut Angaben einer befreiten deutsch-israelischen Geisel vor allem Frauen besondere Ängste durchzustehen. »Als Frau hast du nie die Angst ganz aus dem Kopf bekommen, vergewaltigt oder Teil einer Reihe von Taten zu werden, niemals«, sagte Yarden Romann in einem Interview dem US-Sender CBS.
»Es ist einfach keine Option, weil du so lange du da bist, hoffnungslos bist. Du hast keinen Schutz, du kannst nie widersprechen, es könnte dich dein Leben kosten«, sagte Romann in einem am Sonntag bei der Plattform X vorab veröffentlichten Ausschnitt der Sendung »60 Minutes«. Die Angst sei nicht immer extrem gewesen, aber nie verschwunden, sagte sie. Romann war Ende November freigelassen worden.
Anbieter: Kommunikationsdienste in Gaza werden wiederhergestellt
Die Telekommunikationsdienste in den südlichen und zentralen Gebieten des umkämpften Gazastreifens werden nach mehrtägigem Ausfall nach Angaben des Anbieters derzeit schrittweise wiederhergestellt. Auch an der Wiederherstellung der Dienste in der Stadt Gaza und im Norden des palästinensischen Küstengebiets werde gearbeitet, teilte das im Westjordanland ansässige Unternehmen Paltel auf der Plattform X mit. Die Kommunikations- und Internetdienste waren am Donnerstag ausgefallen.
Was heute wichtig wird
US-Verteidigungsminister Austin will Israel besuchen. Es werde erwartet, dass er mit der dortigen Militärführung auch über ein Zurückfahren der intensiven Bodenoperationen und der Luftangriffe im Gazastreifen sprechen wird, hieß es zuvor aus dem Ministerium. Die »New York Times« berichtete unter Berufung auf Militärkreise, dass Austin dazu Gespräche mit Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Verteidigungsminister Yoav Gallant führen werde.

