Marschflugkörper schließen Lücke: Der Tomahawk-Kauf ist ein perfekter Trump-Deal – und ein Signal an Moskau
Politik
Marschflugkörper schließen LückeDer Tomahawk-Kauf ist ein perfekter Trump-Deal – und ein Signal an Moskau
09.07.2026, 15:19 Uhr
Von Markus LippoldArtikel anhören(07:36 min)00:00 / 07:36
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Die Europäer sollen gefälligst für ihre eigene Sicherheit zahlen, lautet das Mantra von US-Präsident Trump. Was das konkret bedeutet, zeigt sich beim deutschen Tomahawk-Kauf. Die Marschflugkörper schließen eine Lücke – bis die Europäer endlich aus dem Knick kommen.
Ein Tomahawk ist eine leichte Streitaxt der indigenen Völker Nordamerikas. Schnell und präzise findet er sein Ziel. Vielleicht wurden die gleichnamigen Marschflugkörper, die Deutschland nun von den USA kauft, deshalb so genannt. Die BGM-109 Tomahawk ist eine schnelle, präzise und mit hoher Reichweite und Sprengkraft ausgestattete Cruise Missile. Ein Lenkkörper also, der – im Gegensatz zu ballistischen Raketen – mit geringer Flughöhe ins Ziel gesteuert werden kann.
"Wir haben am Rande des Nato-Treffens in Ankara mit der amerikanischen Regierung vereinbart, dass amerikanische Tomahawk-Raketen von uns erworben und in Deutschland stationiert werden", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz bei seiner Regierungserklärung im Bundestag. Eine "wichtige strategische Lücke in unserer Verteidigung" werde damit geschlossen, fügte er an. Zudem würden gleichzeitig eigene europäische Systeme entwickelt. Geheim ist bisher die Zahl der Marschflugkörper, die Deutschland erwirbt. Aus Regierungskreisen hieß es lediglich, dass zur Bedienung keine US-Soldaten entsandt würden.
Theoretisch atomwaffenfähigDas kann der US-Marschflugkörper Tomahawk
Der Kauf beendet eine Hängepartie – und erweist sich als sehr guter Deal für die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump. Ursprünglich hatten die USA 2024 unter Präsident Joe Biden in Aussicht gestellt, selbst Tomahawk in Deutschland zu stationieren, daneben auch Raketen vom Typ SM-6 und Hyperschallwaffen. Trump kassierte die Zusage im vergangenen Mai, verbunden mit der Ankündigung des Abzugs von 5000 US-Soldatinnen und -Soldaten aus Deutschland.
Europäer sollen zahlen
Statt also selbst Marschflugkörper samt Truppen in Deutschland stationieren und unterhalten zu müssen, werden sie nun verkauft – für bis zu 2,1 Millionen Euro pro Stück. Das passt perfekt in Trumps Strategie, die Europäer für ihre Sicherheit zahlen zu lassen. Für Deutschland ist das dennoch kein schlechtes Geschäft. Schließlich werden die Mittelstreckenraketen tatsächlich gebraucht. "Die Lieferung von Tomahawk-Systemen steigert das Abschreckungspotential Deutschlands und somit der Nato gegenüber Russland enorm", sagt dazu der österreichische Oberst Markus Reisner ntv.de. "Somit wird eine bis jetzt bestehende Fähigkeitslücke geschlossen. Deutschland setzt somit einen Kontrapunkt zur russischen Drohung mit Iskander-Raketen."
Tomahawks sind eigentlich eine Angriffswaffe. Sie werden mit konventionellem Sprengstoff bestückt, sind aber atomwaffenfähig. Die USA setzen sie seit 1983 ein, etwa in den Kriegen in Afghanistan und Irak oder jüngst gegen den Iran. Sie wurden dabei primär von Kriegsschiffen (als RGM-109) oder von U-Booten (als UGM-109) abgefeuert. Ein Abschuss vom Boden ist auch möglich – Deutschland kauft dafür mehrere mobile Raketenstartrampen vom Typ Typhon.
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Anders als in den Kriegen der USA kommen die Tomahawks in der Nato zur Abschreckung zum Einsatz. Die Cruise Missiles drohen einem möglichen Angreifer mit einem schnellen und präzisen Gegenschlag auf Infrastruktur oder Militäreinrichtungen – und sollen ihn so vom Erstschlag abhalten. Im Militärjargon spricht man von Deterrence by Punishment (Abschreckung durch Bestrafung). Diese Strategie ergänzt das Prinzip Deterrence by Denial (Abschreckung durch Abwehr), bei der feindliche Raketen und Marschflugkörper abgeschossen werden.
Schon 2024, nach der Stationierungs-Zusage aus den USA, betonte das deutsche Verteidigungsministerium, wem die Abschreckung gilt: Russland. Verwiesen wurde etwa auf die Stationierung nuklearfähiger Iskander-Raketen und von Hyperschallraketen vom Typ Kinschal in der russischen Exklave Kaliningrad, die lediglich gut 500 Kilometer von Berlin entfernt ist. Schon davor hatte Russland seine Einheiten mit neu entwickelten Mittelstreckenraketen ausgestattet, woraufhin Nato und USA Moskau einen Bruch des INF-Vertrags aus den 1980er Jahren vorwarfen, der solche Entwicklungen verbietet.
Unklar ist bisher, wie der Kreml auf Merz' Ankündigung reagiert. Nach der Absage der Stationierung durch die USA berichtete das Nachrichtenportal Politico, die sei geschehen, um Russland nicht zu verärgern. US-Regierungsvertreter seien besorgt, dass Russland die Stationierung der Präzisionswaffen als Eskalation betrachten und Vergeltung üben könnte, hieß es unter Berufung auf zwei europäische und einen US-amerikanischen Beamten. Russlands Machthaber Wladimir Putin hatte bereits 2024 angekündigt, auf eine Stationierung der Tomahawks "spiegelgerecht" reagieren zu wollen. Noch allerdings hat sich der Kreml nicht geäußert.
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Die jetzt erfolgte Freigabe für Deutschland könnte also auch als Signal an Moskau gesehen werden. "Bis jetzt waren die USA bei diesem Thema zurückhaltend", sagt Reisner. "Trump möchte jedoch den Ukrainekrieg beenden und muss dazu Druck auf Russland ausüben." Dies sei durch die direkte Unterstützung der Ukraine bei der Zielaufklärung sowie durch die indirekte Unterstützung mit für Russland bedrohlichen Waffenlieferungen an Europa erfolgt. "Das Ziel ist eine 'kontrollierte Eskalation', um Russland zum Einlenken und zu einem Waffenstillstand zu zwingen", erklärt Reisner mit Blick auf die Formulierung von US-Außenminister Marco Rubio auf dem Nato-Gipfel in der Türkei.
Tomahawks schließen Fähigkeitslücke
Tomahawks haben eine Reichweite von bis zu 2500 Kilometern, würden also von Deutschland aus bis tief ins russische Hinterland reichen. Zum Vergleich: Berlin ist etwa 1600 Kilometer von Moskau entfernt. Die Tomahawks würden dabei die Marschflugkörper Taurus aus deutsch-schwedischer Produktion ergänzen. Diese haben eine Reichweite von 500 Kilometern, werden aber ausschließlich von Kampfjets abgeschossen.
Die Tomahawks wiegen 1,5 Tonnen und können Sprengkörper mit einem Gewicht von bis zu 450 Kilogramm transportieren – womit auch schwer befestigte Militäranlagen zerstört werden könnten. Der große Vorteil aber ist die Kombination aus Geschwindigkeit und geringer Flughöhe. Die Marschflugkörper erreichen bis zu 880 Kilometer pro Stunde. Weil sie nur wenige Dutzend Meter über dem Erdboden fliegen können, sind sie schwer zu orten und zu bekämpfen.
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Doch warum will die Bundesregierung solche Waffen nun aus den USA beziehen? Ganz einfach: Weil weder Deutschland noch seine europäischen Nato-Partner über ein ähnliches System verfügen. Die Tomahawks schließen also eine Fähigkeitslücke der Bundeswehr. Dennoch sind sie nur als Übergangslösung gedacht. Denn Europa will eigene Mittelstreckenraketen entwickeln.
Schon 2024 wurde, als Ergänzung zur Tomahawk-Stationierung, das Projekt Elsa gegründet, das für "European Long-Range Strike Approach" (Europäischer Ansatz für Langstreckenangriffe) steht. Beteiligt sind Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Polen, Italien und die Niederlande. Viel ist seitdem nicht passiert.
Europäische Entwicklungen
Doch es gibt Hoffnung: "Drei Entwicklungen in rascher Folge im Zusammenhang mit Marschflugkörpern geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus hinsichtlich der Zukunft der europäischen Fernkampfkapazitäten", schrieb der Experte Fabian Hoffmann im Mai. Er nennt geplante Waffen des niederländischen Herstellers Destinus, des europäischen Herstellers MBDA sowie des norwegischen Rüstungsunternehmens Kongsberg. Das MBDA-Projekt kommt demnach den Tomahawk am nächsten.
Außerdem verweist Hoffmann auf den deutsch-britischen Plan, einen Hyperschall-Marschflugkörper mit 2000 Kilometern Reichweite zu entwickeln. Frankreich hat inzwischen Interesse an einer Beteiligung bekundet. Was jedoch alle Projekte eint: Bis zur Inbetriebnahme wird es noch etliche Jahre dauern. Da hilft es auch wenig, dass europäische Staaten auf dem Nato-Gipfel in Ankara versichert haben, mit Hochdruck entsprechende Fähigkeiten voranzutreiben. Bis dahin bleiben nur die Tomahawks. Und für die hat Deutschland mit Trump einen Deal abgeschlossen.

