Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

»Index Palestine«: Haltung zu Gaza aufgelistet – denunziatorische Absicht?

November 28
05:47 2023

Das Google-Tabellendokument trägt die Überschrift »Index of Cultural Institutions & Collectives’ Stance Towards The Current Palestinian Liberation Movement«. Zugänglich über den Instagram-Account index.palestine listet die Tabelle für über tausend Kulturinstitutionen aus aller Welt auf, ob und wie diese sich zum Nahostkonflikt positioniert haben.

Dass diese Auflistung nicht neutral sein will, wird schon in der Überschrift sichtbar: Die Haltung zur »derzeitigen palästinensischen Befreiungsbewegung« wird abgefragt, nicht etwa die zu dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober.

Institutionen, die das Massaker der Hamas deutlich kritisiert haben und sich mit Israel solidarisch erklärt haben, müssen damit rechnen, in dem Index ein rotes Feld mit dem Text »Pro-Zionist« zu erhalten. Wer aus dieser proisraelischen Haltung die Konsequenz gezogen hat, Auftritte oder Texte zu untersagen, wird mit »Censorship« gebrandmarkt. Grün gibt es für »Support« oder, blasser, »Support/No statement«. Es gibt auch die Kategorie »Silent« sowie, wenn Unklarheit über die Haltung herrscht, »Checking«.

»Ein Boykott-Index?«

Die Liste gibt es schon seit 2021, damals berichteten unter anderem die »Welt« und das von der Amadeu Antonio Stiftung getragene Onlineportal »Belltower News«. Belltower-Autor Nicholas Potter, unlängst Mitherausgeber des Buches »Judenhass Underground. Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen«, fragte sich seinerzeit: »Soll das etwa eine schwarze Liste sein? Ein Boykott-Index?«

Der Verdacht, dass die Liste eine Art Manual ergeben soll, welche Institutionen gegebenenfalls zu meiden seien, liegt nahe. Und damit stünde der »Index.Palestine« direkt in der Logik der Bewegung BDS (Boycott, Divestment, Sanctions), die Israel isolieren will, unter anderem auf dem Feld der Kultur.

Nach längerer Pause wurde Mitte Oktober 2023 die Arbeit an der Liste wieder aufgenommen. In einem Instagram-Post war die Rede von der »brutalen Kolonialmaschine, die unsere Leute in Palästina tötet« und von einem »Genozid«, der von Schweigen der Kulturinstitutionen begleitet werde, oder gar der »aktiven Zensur und Einschüchterung unserer Verbündeten«. Die Verursacher müssten »zur Rechenschaft gezogen« werden, schrieben die Initiatoren der Liste. Nutzerinnen und Nutzer wurden aufgerufen, Einträge in der Liste vorzunehmen, die nun mit einer Spalte für 2023 versehen ist.

Zahlreiche deutsche Kulturinstitutionen werden in der Liste als »prozionistisch« bezeichnet. Dazu zählen Klubs wie das »About Blank« in Berlin oder das »Conne Island« in Leipzig, das Fusion- und das Reeperbahn Festival, Hochschulen wie die Berliner Akademie der Künste, die Freie Universität und die Universität der Künste, die Bauhaus-Universität in Weimar und die RWTH Aachen. Außerdem das Maxim Gorki Theater und die Volksbühne in Berlin sowie der Mousonturm in Frankfurt und die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen.

Wegen ihres jüngsten Umgangs mit Kuratoren oder Kommissionsmitgliedern tauchen auch die Biennale für aktuelle Fotografie und die Documenta in der Liste auf. Auch die deutsche Sektion von Fridays for Future darf nach ihrer Distanzierung von Greta Thunbergs Nahostpositionen nicht fehlen.

Zensur wird ausgerechnet dem Berliner Haus der Kulturen der Welt vorgeworfen, das eigentlich gerade postkolonialer, nicht-westlicher Kunst zu größerer Sichtbarkeit verhelfen will. Dem Jüdischen Museum in Berlin, der Städelschule in Frankfurt am Main und dem Essener Museum Folkwang attestieren die Aktivisten ebenfalls Zensur.

»Gruselig, demagogisch und denunziatorisch« – »About Blank«

Der Berliner »Tagesspiegel«, der den Index am Montag aufgegriffen und als »Prangerliste« bezeichnet hat, erfuhr, dass der Berliner Polizei die Liste bekannt sei. Der Datensatz »sei vom Staatsschutz des Landeskriminalamts analysiert und bewertet worden«, daraus folgende Maßnahmen könnten jedoch »aus taktischen Gründen« nicht kommuniziert werden.

Die Zeitung befragte auch einige der verzeichneten Institutionen. Mehrere wollten sich nicht konkret zu der Tabelle äußern und verwiesen auf ihre Erklärungen zum Angriff der Hamas und zu Antisemitismus. Der Berliner Klub »About Blank« nannte die Liste auf »Tagesspiegel«-Anfrage »gruselig, demagogisch und denunziatorisch«. Sie sei »kennzeichnend für das binäre, unterkomplexe und stigmatisierende Weltbild der BDS-Bewegung und ihrer Anhänger*innen«.

»Belltower News« recherchierte 2021, dass ein Multimediakünstler aus Ägypten in der ersten Version der Tabelle als Eigentümer genannt worden sei, der laut »Tagesspiegel« heute in Berlin lebt. Auf die Anfrage der Zeitung, was mit der Formulierung »zur Rechenschaft ziehen« gemeint sei, habe er nicht reagiert, aber die Werbung für den Index von seinem persönlichen Instagram-Account gelöscht.

Neueste Beiträge

20:16 Entschuldigung war nur Anfang: Orbans Lügenpresse bricht in sich zusammen

0 comment Read Full Article