Adania Shibli: Erstes Interview seit Liberaturpreis-Verschiebung bei Buchmesse
Eigentlich hätte die palästinensische Schriftstellerin Adania Shibli bei der Frankfurter Buchmesse mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet werden sollen. Der Preis, mit dem literarische Stimmen »aus dem Globalen Süden« prämiert werden, sollte ihr für den im Berenberg Verlag erschienenen Roman »Eine Nebensache« zuerkannt werden.
Doch nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober und der Veröffentlichung kritischer Stimmen , wonach der Roman »antiisraelische und antisemitische Narrative« bediene, entschloss sich der veranstaltende Verein Litprom, die Preisverleihung zu verschieben – auf einen späteren Zeitpunkt, außerhalb des Messerahmens.
Diese Verschiebung löste scharfe Proteste aus dem internationalen Literaturbetrieb aus. In einem offenen Brief, den unter anderem die drei Nobelpreisträger Annie Ernaux, Abdulrazak Gurnah und Olga Tokarczuk unterschrieben hatten, wurde die Frankfurter Buchmesse aufgefordert, Raum für palästinensische Stimmen zu schaffen.
Die Stimme von Adania Shibli hätte man im Kontext gern vernommen. Doch die Autorin lehnte zahlreiche Interviewanfragen ab. Mit der »Zeit« beispielsweise hätte sie nur gesprochen, wenn sie sich nicht zu ihren BDS-Kontakten oder zum Hamas-Angriff hätte äußern müssen – so berichtete es Feuilletonchefin Iris Radisch.
Nun hatte der englische »Guardian« mehr Glück. Wobei Adania Shibli in dem Gespräch auch nicht viel zur Sache sagt. Sie weist die Kritik an ihrem Roman, der die Preisverschiebung ausgelöst habe, zurück. Nicht nur die israelischen Charaktere seien namenlos, sondern auch die palästinensischen. Auch zahlreiche andere Literaturkritiker hatten den Antisemitismusvorwurf, was den Roman betrifft zurückgewiesen – so auch im SPIEGEL .
Als die vielen Anfragen anlässlich des LiBeraturpreises auf ihrem Tisch gelandet seien, sei sie trotzdem nach Korea gereist. Dort las sie auf einem Literaturfestival und präsentierte eine Übersetzung ihres Buches. Sie habe den Leuten in Seoul vorher zugesagt: »In dem Moment, wo man sagt, man werde etwas tun, muss man es auch tun«, sagte Shibli nun dem »Guardian«. Die ganze Sache mit der Frankfurter Buchmesse habe sie »als Ablenkung vom wahren Schmerz« empfunden, »mehr nicht«.
Zur Situation in Palästina und Israel sagt sie, dass ihr beim Aufwachsen dort klar geworden sei: »Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Kommunikation. Sie versteckt oft mehr als sie artikuliert«. Sprache könne attackiert und missbraucht werden. Dennoch biete sie »die ultimative Freiheit, zu sein und zu lieben, wozu man in der Wirklichkeit keinen Zugang hat«.
Seit dem neuerlichen Krieg in Nahost finde sie allerdings kaum noch Worte, so Shibli: »Ich hatte Angst, eines Tages aufzuwachen und keine Sprache mehr zu haben. Und in den letzten vier Wochen hat mich die Sprache verlassen. Es war, als sei sie fort. Wann immer ich versucht habe, Worte zu finden, scheiterte ich.«
Inzwischen habe sie verstanden, dass dieser Verlust der Sprache mit dem Schmerz zu tun habe: Einerseits »dem nicht verstehbaren Schmerz derer in Palästina-Israel, gegen die ein neues Maß an Grausamkeit entfesselt« worden sei. Andererseits aber auch ihrem »persönlichen Schmerz, einen Traum zu verlieren, in dem wir es wagen könnten, uns eine neue Form der Gemeinsamkeit vorzustellen – in der wir uns gestatten würden, aus dem Schmerz zu lernen, anstatt ihn auf andere loszulassen«.
Aus den vielen Medienanfragen der letzten Zeit und der Kritik an ihrem Stillschweigen habe sie gelernt, Literatur sei »der einzige Ort, der das Schweigen akzeptiert.«

