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Reisners Blick auf die Front: “Der Druck auf die russische Wirtschaft ist messbar und schmerzhaft”

June 01
22:16 2026

Politik

Reisners Blick auf die Front"Der Druck auf die russische Wirtschaft ist messbar und schmerzhaft"

01.06.2026, 19:32 Uhr verstlInterview: Lea VerstlArtikel anhören(10:12 min)00:00 / 10:12

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Im US-Fernsehen wirbt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj für Friedensgespräche, weil der Zeitpunkt für die Ukraine günstig ist. Vor allem die Angriffe auf Öldepots setzten die Russen unter Druck, sagt Oberst Markus Reisner. Im Luftkrieg komme entscheidende Hilfe für Kiew aus Deutschland und Schweden.

ntv.de: Selenskyj hat sich in einem US-Fernsehinterview für Friedensgespräche mit Russland vor dem Winter ausgesprochen. Er verwies auf eine verbesserte strategische Lage der Ukraine. Zwingt die Situation an der Front Wladimir Putin jetzt tatsächlich zu Friedensgesprächen?

Markus Reisner: Selenskyj sagt damit offen, dass der Krieg im Herbst oder Winter zumindest in einen Waffenstillstand, wenn nicht in Verhandlungen münden sollte. Wir haben in den vergangenen Wochen mehrere Indikatoren gesehen, die darauf hindeuten, dass beide Seiten grundsätzlich zu einem länger anhaltenden Waffenstillstand und möglicherweise auch zu Friedensverhandlungen bereit sein könnten. Putin hat bereits rund um den 9. Mai durchblicken lassen, dass der Krieg aus seiner Sicht bis Ende des Jahres zu Ende gehen könnte – das ist an sich schon bemerkenswert.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Hat Putin dafür militärische Gründe?

Auf strategischer Ebene sehen wir eine deutliche Eskalation des Luftkriegs auf beiden Seiten. Auf operativ-taktischer Ebene hat die Ukraine ein Patt erreicht. Mit einem regelrechten Drohnenwall, indem sie intelligent und sehr überlegt autonome Systeme einsetzte, konnte sie die russischen Offensiven stoppen. Russland rückt zwar punktuell vor, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, das man sich in Moskau wohl erhofft hatte. Und die russischen Truppen erleiden dabei schwere Verluste. Hinzu kommt der wachsende Druck auf die russische Logistik im Süden: Treibstoff wird im Großraum Krim, in den besetzten Teilen von Cherson und Saporischschja bereits reduziert oder rationiert.

Wirtschaftliche Gründe fallen also stärker ins Gewicht?

Der Druck, den die ukrainischen Angriffe inzwischen auf die russische Wirtschaft ausüben, ist messbar und schmerzhaft. Am Wochenende attackierte die Ukraine wieder drei russische Einrichtungen: erstens die Raffinerie in Saratow, fast 600 Kilometer von der Grenze entfernt, zweitens das große Öldepot Kurgan in der Region Rostow, circa 150 Kilometer von der Front entfernt, und drittens die Pipeline Lazarevo in der Region Kirow in einer Entfernung von über 1000 Kilometer von der Front. Das hat eine Wirkung auf die russische Seite. Das Kalkül der russischen Führung ist, so vermute ich, Verhandlungen nicht deshalb zuzulassen, weil sie militärisch am Rand einer Niederlage stünde, sondern weil sie erkennt, dass die eigene Wirtschaft auf lange Sicht schwer beschädigt werden könnte.

Deutschland hat ein weiteres Iris-T Fliegerabwehrsystem geliefert- Die Ukraine fordert mehr Munition und zusätzliche Systeme. Die Ukraine hat mit Schweden eine Vereinbarung zur Beschaffung von schwedischen Kampfflugzeugen des Typs JAS 39 Gripen getroffen. Machen Iris-T und Gripen einen entscheidenden Unterschied für die Ukraine?

Wenn wir uns die Luftkriegsführung der letzten Woche ansehen, wird klar, warum Iris-T und der Gripen für die Ukraine so wichtig sind. Russland hat in wenigen Tagen der letzten Woche rund 2.300 Angriffsdrohnen, dazu über 100 Raketen und Marschflugkörper sowie mehr als 1.500 Gleitbomben gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt. Genau hier setzt Iris-T an: Dieses Luftverteidigungssystem ermöglicht der Ukraine, sich vor allem gegen Raketen und Marschflugkörper deutlich besser zu schützen. Jede zusätzliche Fliegerabwehrsystem bedeutet, dass mehr kritische Infrastruktur, Städte und Frontabschnitte überhaupt verteidigt werden können.

Und Gripen?

Beim Gripen-Paket aus Schweden geht es nicht nur um das Flugzeug selbst, sondern vor allem um die Waffen, die es mitbringen könnte – insbesondere um Lenkwaffen wie die Meteor. Solche Luft-Luft-Abstandswaffen ermöglichen es der Ukraine, russische Kampfflugzeuge aus großer Entfernung anzugreifen – in einem Bereich von bis zu 200 Kilometern. Das ist entscheidend, weil Russland seine Jets derzeit weit hinter der Front einsetzt und von dort aus Gleitbomben abwirft, die selbst große Distanzen überwinden können. Mit den Gripen-Jets kann die Ukraine die russische Luftwaffe auf Abstand halten und Gleitbombenangriffe stören.

Eine russische Drohne ist in ein Wohnhaus in Rumänien eingeschlagen. Die Nato spricht klar von einer russischen Drohne. Was steckt dahinter?

Der Vorfall hängt mit den russischen Angriffen auf die ukrainischen Donauhäfen Reni und Ismajil zusammen. Beide Häfen liegen direkt an der Grenze zu Rumänien. Wenn eine Drohne durch Flugabwehr oder elektronische Störung getroffen und abgelenkt wird, kann sie ihren Kurs verlieren und auf rumänisches Gebiet geraten. Das haben wir bereits mehrfach gesehen. Besonders an diesem Fall: Die Drohne hat dieses Mal ein Wohnhaus getroffen und zwei Zivilisten verletzt. Anhand der Trümmer der Drohne ließ sich der russische Ursprung erkennen. Alles spricht dafür, dass es sich nicht um einen geplanten Angriff auf Rumänien, sondern um eine ungewollte Folge der Luftkämpfe im Grenzgebiet handelt. Der Vorfall zeigt, wie die Eskalation des Luftkriegs das Risiko für an die Ukraine grenzende Nato-Staaten erhöht.

Sie haben vergangene Woche beschrieben, dass die Ukraine versucht, spiegelbildlich russische Versorgungswege abzuschneiden, ohne die eigene Front auszudünnen. Wie gut gelingt Kiew diese Balance aktuell?

Die Ukraine hält diese Balance seit Wochen bemerkenswert gut. Zum Einsatz kommt dabei ein neuer Typ ukrainischer Drohnen, "Hornet" genannt. Sie fliegen aus dem zentralen ostwärtigem Teil der Ukraine in die besetzten Gebiete und sind mit künstlicher Intelligenz ausgestattet. Sie können im Endanflug Ziele erfassen, sich auf einzelne Fahrzeuge oder Konvois aufschalten und diese gezielt zerstören. Russische Kanäle berichten seit einiger Zeit von Angriffen auf Nachschubkolonnen und einzelne Fahrzeuge, und ukrainische Drohnenvideos bestätigen, dass Versorgungsrouten effektiv unterbrochen oder zumindest massiv gestört werden.

Brigadegeneral Bilezkyj spricht davon, Städte wie Luhansk, Starobilsk oder Altschewsk stünden nun unter "Drohnenkontrolle" der Ukrainer. Wie belastbar schätzen Sie solche Angaben ein?

Man muss hier etwas differenzieren. Grundsätzlich stehen heute fast alle größeren Städte im Kriegsgebiet unter "Drohnenkontrolle" – aber von beiden Seiten. Russische Drohnen greifen regelmäßig ukrainische Städte in Frontnähe an, etwa Charkiw, Sumy, den Festungsgürtel von Slowjansk bis nach Kostjantyniwka. In Saporischschja und Cherson wird die ukrainische Bevölkerung von der gegenüberliegenden Flussseite aus mit Drohnen terrorisiert.

Und die Ukraine?

Die Ukraine versucht, das spiegelbildlich in den besetzten Gebieten zu tun: Städte wie Melitopol oder eben Luhansk und Starobilsk werden zunehmend von ukrainischen Drohnen angegriffen. Damit geraten wichtige russische Versorgungsrouten unter wachsenden Druck. Russland reagiert darauf unter anderem mit der Drohneneinheit Rubikon, die mit Abfangdrohnen ukrainische Systeme bekämpft. Bisher ist deren Wirkung aber überschaubar.

Rund um Kostjantyniwka meldeten russische Quellen Teilerfolge und Einkesselungen, während die ukrainische Versorgung offenbar weiter in die Stadt hinein funktioniert. Gibt es dort neue Entwicklungen?

Kostjantyniwka entwickelt sich zu einem Brennpunkt, wie wir ihn in diesem Krieg an anderen Orten schon mehrfach gesehen haben. Trotz des generellen Patts an vielen Frontabschnitten rücken russische Truppen im urbanen Raum langsam vor. Russland versucht dort ein Muster, das sich seit der ukrainischen Kursk-Offensive abzeichnet: Städte sollen nicht nur frontal angegriffen werden. Sie werden auch durch Drohnen- und Artillerieeinsatz systematisch abgeriegelt, sodass kaum noch Versorgung hineinkommt und die Verteidiger quasi ausbluten. Die Ukraine hält dagegen und nutzt teilautonome Systeme – etwa Bodenroboter oder größere Drohnen, die Nachschub abwerfen -, um die Versorgung aufrechtzuerhalten.

Und sehen Sie noch weitere Hotspots der Kämpfe?

Es gibt verstärkte russische Aktivitäten im Norden bei Charkiw und Sumy sowie im Süden im Raum Cherson und Saporischschja. Hintergrund ist, dass die russische Frühjahrsoffensive ihre Ziele nicht erreicht hat, man aber dennoch an der Idee festhält, 2026 eine Sommeroffensive zu führen. Das Kalkül: Durch Druck im Norden und Süden soll die Ukraine gezwungen werden, Kräfte aus dem Mittelabschnitt abzuziehen. Die Ukraine wiederum hat bei Saporischschja zuletzt eine kleine, lokal begrenzte Offensive gestartet und den Russen wieder etwas Gelände abgenommen – etwa im GroßraumTokmak. Der Schwerpunkt bleibt derzeit aber eindeutig der Raum Kostjantyniwka, den Russland als "Türöffner" in den Festungsgürtel über Kramatorsk bis nach Slowjansk sieht.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

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