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“Die Krise wäre größer als 2017”: Deutschland zündet den Windturbo – Reiche würgt ihn ab?

May 31
09:38 2026

Wirtschaft

"Die Krise wäre größer als 2017"Deutschland zündet den Windturbo – Reiche würgt ihn ab?

31.05.2026, 06:45 Uhr DSC8670-Edit-3-7Interview: Christian Herrmann

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Der Windkraftzubau wird in diesem Jahr deutlich zulegen. (Foto: picture alliance / Jochen Tack)

2017 bricht der deutsche Windausbau ein. Die Große Koalition streicht die Förderung zusammen. Strenge Abstandsregeln tun ihr Übriges. Hersteller entlassen Mitarbeiter und schließen Werke. Windkraft – das Fundament der deutschen Energiewende – kollabiert. Zehn Jahre später ist die Krise ausgestanden. Der Zubau wird sich 2026 im Vergleich mit 2025 verdreifachen. Die Bundesländer drängen auf zusätzliche Ausschreibungen, um alle Projekte realisieren zu können. Deutschland zündet den Windturbo. Beim Bundesverband Windenergie jedoch schrillen die Alarmglocken. BWE-Präsidentin Bärbel Heidebroek kritisiert die Pläne von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zur Neuausrichtung der Energiewende als neues Stoppschild für ihre Branche. "Das EEG würde die Wirtschaftlichkeit gefährden, durch das Netzpaket fallen Ausbauflächen weg", sagt sie im Podcast "Das Klima-Labor von ntv". Sie befürchtet eine Krise, die "deutlich größer" wäre als 2017.

ntv.de: Wird 2026 ein gutes Jahr für die Windenergie?

Bärbel Heidebroek: In den vergangenen Jahren waren Genehmigungen das große Problem. Durch die Maßnahmen der Ampel sehen wir dort einen Turbo. Die Ausschreibungen sind gut gefüllt. Wir werden viele Projekte realisieren und dieses oder nächstes Jahr einen Boom bei neuen Windenergieanlagen sehen. Gleichzeitig bereitet uns die politische Situation Sorgen.

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"Das Ministerium hat sich nicht mit unseren Vorschlägen auseinandergesetzt, sondern einfach gesagt: Nee, will ich nicht", sagt BWE-Präsidentin Bärbel Heidebroek. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Zubauzahlen klingen jedenfalls vielversprechend. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hat beim Blick ins Markenstammdatenregister festgestellt: Dieses Jahr sollen dreimal so viele Anlagen in Betrieb genommen werden wie im vergangenen Jahr. Die Windkraft-Delle scheint repariert.

Ja. Die Altmaier-Delle hat 2017 begonnen. Damals hat der damalige Wirtschafts- und Energieminister Peter Altmaier das Vergütungsregime im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geändert. Das hat für einen Einbruch beim Windkraft-Ausbau gesorgt. Die Hersteller mussten Mitarbeiter entlassen und Werke schließen. Die Branche hat bis voriges Jahr gebraucht, um sich zu erholen. Jetzt sind die Auftragsbücher wieder gefüllt und sie schreibt schwarze Zahlen.

Was genau hat Peter Altmaier verändert?

Es wurden komplizierte Ausschreibungen und ein anderes Finanzierungsmodell mit einer niedrigeren Förderung eingeführt. Gleichzeitig begann eine Phase, in der die Abstandsregeln strenger wurden. Das hat die Behörden verunsichert. Durch unsichere Genehmigungen haben sich weniger Projektentwickler bei den Ausschreibungen beworben.

Hatten Sie Gelegenheit, Altmaier zu fragen, ob er die Entscheidung bereut?

Nein, im Nachhinein nicht. Die Delle zeigt aber den Effekt der Politik: 2017 wusste keiner mehr, ob wir Windkraft eigentlich wirklich wollen. Als die Ampel klar "Ja" gesagt hat, tat sich plötzlich etwas.

Robert Habeck hat das Ruder als Wirtschaftsminister herumgerissen?

Es kam einiges zusammen. Der Überfall auf die Ukraine hat der Politik vor Augen geführt, dass wir die Erneuerbaren brauchen – nicht nur, weil sie die günstigste Form der Energieerzeugung sind, sondern auch, weil Abhängigkeit von russischem Gas keine gute Idee ist. Die EU hat eine Menge Erleichterungen für den Ausbau von Erneuerbaren beschlossen. Die Bundesländer mussten Flächen ausweisen, um die Windkraftziele zu erreichen. Die Behörden wussten, der Ausbau ist gewollt. Es konnte sich keiner mehr wegducken. Deshalb sind wir bei den Genehmigungen auf einem guten Weg. Jetzt brauchen wir das notwendige Volumen bei den Ausschreibungen.

Das ist nicht vorhanden?

Mit einer Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz darf man Windenergieanlagen bauen und betreiben. Das betrifft den Lärm und Artenschutz. Die Anlage nützt aber nichts, wenn mir niemand Strom abnimmt und vergütet. Für die Einspeisung braucht man zusätzlich einen Zuschlag in den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur. Das Ausschreibungsvolumen wird von der Bundesregierung festgesetzt. Für dieses Jahr sind zehn Gigawatt geplant. Es wurden aber bereits mindestens 20 Gigawatt genehmigt. Die Hälfte der Projekte wird bei den Ausschreibungen also keinen Zuschlag bekommen, egal zu welchem Preis.

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Fehlende Ausschreibungen … daran scheitert der Windturbo?

Genau. Die Bundesregierung hat es in der Hand. Manchmal wird gesagt, dass wir bereits zu viel Erneuerbare hätten und nur noch "Wegwerfstrom" erzeugen. Da sträuben sich mir die Nackenhaare. In diesem Jahr werden wir vermutlich für 99 Milliarden Euro fossile Energieträger importieren. Das würden wir nicht tun, wenn wir genügend Energie hätten. Das Problem ist: Strom ist häufig zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber wenn ich im August zu viel ernte, baue ich im nächsten Jahr doch nicht weniger Getreide an, sondern errichte Silos, um es zu speichern.

Bei den Erneuerbaren ist es dasselbe?

Wir brauchen Möglichkeiten, um Strom zu speichern oder direkt zu verbrauchen. Wo ein Windpark steht, müssen also Rechenzentren, Speicher oder Elektrolyseure hin. Das ist die Botschaft unserer Branche: Alles ist besser, als das Windrad abzustellen. Bisher wird aber nicht die Einspeisung abgeregelt, sondern die Erzeugung.

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Diese Botschaft richtet sich an die schwarz-rote Bundesregierung?

Sie betrifft die Vorschläge des Bundeswirtschaftsministeriums für die Überarbeitung des EEG und für das Netzpaket. Darin stehen Dinge, die den Koalitionsvertrag nicht erfüllen: Die Koalition hat sich zum Ausbau der Erneuerbaren bekannt, um die Klimaziele zu erreichen.

Die lautesten Beschwerden betreffen bisher die Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen. Die soll wegfallen. Es wird ein Einbruch beim Solarausbau befürchtet. Beim Windausbau ist es ähnlich?

Solar auf dem Dach ist für viele Eigenheimbesitzer eine Art Einstiegsdroge in die Energiewende. Habe ich eine PV-Anlage, denke ich über einen Speicher nach – und dann über E-Auto und Wärmepumpe. Wir sollten die Elektrifizierung im Eigenheimbereich deshalb nicht bremsen, sondern beschleunigen. Bei der Windenergie ist aber auch eine Veränderung geplant: Die EU gibt vor, dass für Wind und PV Contracts for Difference (CfD) eingeführt werden müssen. Im jetzigen EEG ist es so: Wenn ich eine Ausschreibung mit einem Gebot von 5,5 Cent gewinne, erhalte ich zum Schutz vor niedrigen Strompreisen für jede erzeugte Kilowattstunde 5,5 Cent. Das Projekt muss sich ja rechnen. Verkauft man den Strom am Markt zu höheren Preisen, darf man die zusätzlichen Einnahmen behalten. Mit den Differenzverträgen wird eine Obergrenze für diese Einnahmen eingeführt.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

Sie haben eine Frage an uns? Schreiben Sie E-Mail an klimalabor@ntv.de.

Alles darüber müssen die Betreiber abgeben?

Alles über der Grenze müssen sie dem Staat erstatten. Das geht auf die Energiekrise nach dem Überfall auf die Ukraine zurück. Damit möchte man verhindern, dass Strompreise durch die Decke gehen. Diese Abschöpfung der Übergewinne ist in Ordnung, wenn die Betreiber nach unten ebenfalls abgesichert sind.

Aber?

Der untere Wert entspricht im derzeitigen Entwurf dem oberen Wert. Damit gibt es keinen Spielraum, am Markt zusätzliche Erlöse zu erwirtschaften – und damit auch keinen Anlass, bei der Ausschreibung ein niedrigeres Gebot abzugeben. Schafft man einen Korridor zwischen Ober- und Untergrenze, können die Betreiber mehr Geld verdienen. Durch niedrigere Gebote bei den Ausschreibungen spart die Allgemeinheit aber auch Kosten.

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Das klingt wie bei vielen anderen Themen der Energiewende: Wir befinden uns in einer Art Schwebezustand. Das ist der Schlechteste von allen, weil niemand weiß, woran man in Zukunft ist.

Genau. Wenn ich als Unternehmerin nicht weiß, wie die Rahmenbedingungen sind, weiß ich auch nicht, ob sich eine Investition lohnt. Also investiere ich im Zweifelsfall gar nicht. Dieser Schwebezustand ist schlecht für Deutschland.

Wer oder was ist schuld daran?

Diese Vorschläge stammen aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Der Erste wurde im Januar an die Öffentlichkeit durchgestochen. Danach haben wir als Branche viele Vorschläge gemacht, merken aber: Der zweite Entwurf sieht genauso aus. Das Ministerium hat sich damit also nicht auseinandergesetzt, sondern einfach gesagt: Nee, will ich nicht. Wir als Branche wünschen uns, dass die Wirtschaftsministerin mit uns redet. Die Ampel hat sicherlich nicht alles richtig gemacht, aber es gab zumindest eine Diskussion.

Es gibt keinen Austausch?

Sehr wenig. Das sagt nicht nur unser Verband über Katherina Reiche, sondern viele andere Verbände und Konzerne auch. Wenn die Gesetzentwürfe so kommen, wie jetzt vorgeschlagen, wäre das ein Stoppschild für den Ausbau der Erneuerbaren: Das EEG würde die Wirtschaftlichkeit gefährden. Durch das Netzpaket würden Ausbauflächen wegfallen. Es würde niemand mehr investieren. Das wäre eine deutlich größere Krise als 2017. Wenn das so kommt, würden viele Arbeitsplätze verloren gehen.

Aber die Wirtschaftsministerin und auch der Kanzler betonen doch, dass sie den Ausbau der Erneuerbaren nicht abwürgen, sondern lediglich mit dem Netzausbau "synchronisieren" wollen.

Synchronisierung kann man auf zwei Wegen erreichen: Die Erneuerbaren können auf die langsamen Netze warten oder wir können den Netzbau genauso beschleunigen wie den Windkraftausbau. Wenn ich nur an den Austausch eines Leiterseils denke …

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Ein Leiterseil?

Das ist das Hochspannungsseil einer Freileitung. Eine Trasse wird leistungsfähiger, wenn man es austauscht. Aber dafür ist ein komplett neues Genehmigungsverfahren mit artenschutzfachlichen Gutachten nötig. Das dauert fünf oder sechs Jahre, obwohl sich nichts ändert. Es wird ja bereits Strom transportiert …

In wessen Aufgabengebiet fallen die Genehmigungsverfahren?

Das wäre erneut das Wirtschaftsministerium. Wir landen immer an derselben Stelle.

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Die Übertragungsnetzbetreiber sind keine Hilfe?

Doch. Wir sind uns nicht in allen Punkten einig, aber vor zwei Wochen gab es in Niedersachsen einen Netzgipfel mit den Netzbetreibern, dem Landesumweltminister, Unternehmensverbänden und uns als Erzeugern. Dort haben wir uns auf ein Papier geeinigt, wie man Genehmigungsverfahren für den Netzausbau beschleunigen kann.

Bayern ist das bekannteste Beispiel für einen zögerlichen Windkraftausbau. Jetzt setzt sich der Freistaat im Bundesrat mit Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein für eine Sonderausschreibung für Windenergie an Land im Umfang von fünf Gigawatt ein.

Auch Bayern hat erkannt, dass die Industrie nicht nur Solarstrom, sondern auch Windstrom braucht. Aber natürlich hat Süddeutschland nicht so viel Windpotenzial wie Norddeutschland. Bei Ausschreibungen kommen Bayern und Baden-Württemberg deshalb kaum zum Zug. Damit Ausbau im Süden stattfinden kann, brauchen wir mehr Volumen. Im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung sind sogar zusätzliche Ausschreibungen für zwölf Gigawatt angekündigt.

Dann ist doch alles geklärt, oder?

Es fehlt leider das Gesetz, mit dem das umgesetzt werden müsste. Das wäre das neue EEG. Im Entwurf dafür steht aber nichts von zusätzlichen Ausschreibungen. Wie soll das funktionieren?

Gibt es dazu einen Kommentar des Ministeriums?

Auf Nachfragen hieß es häufig: Die Hausspitze entscheidet. Aber es gibt keine logische Erklärung dafür, zwölf Gigawatt anzukündigen, im Gesetz aber nicht umzusetzen.

Was sagen die Länder dazu?

Die fordern doch die zusätzliche Ausschreibung und machen Druck. Die wissen: Wertschöpfung findet bei ihnen vor Ort statt. Das Ruhrgebiet ist nicht als Wirtschaftsraum entstanden, weil es dort so schön war. Dort gab es Energie. Es ist immer das Beste, Energie dort zu verbrauchen, wo sie erzeugt wird. Deshalb sagen auch viele CDU-Politiker aus den Ländern: Wir brauchen mehr Windenergie vor Ort. Denn die Wirtschaft elektrifiziert bereits und kann nicht mehr zurück. Deswegen möchten wir gerne investieren, den Windturbo zünden und Arbeitsplätze schaffen. Darüber sollte sich eigentlich auch eine Wirtschaftsministerin freuen. Ihre Gesetzentwürfe erreichen leider das Gegenteil.

Mit Bärbel Heidebroek sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv".

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.

Ist Deutschland ein Strombettler? Rechnen wir uns die Energiewende schön? Vernichten erneuerbare Energien Arbeitsplätze oder schaffen sie welche? Warum wählen Städte wie Gartz die AfD – und gleichzeitig einen jungen Windkraft-Bürgermeister?

Das Klima-Labor von ntv: Jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert, Spaß macht und aufräumt – ohne Streit, in ausführlichen Gesprächen mit führenden Köpfen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.

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