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Wirtschaft und Infekte: Interview mit Claus Michelsen über hohen Krankenstand

January 26
21:06 2024

SPIEGEL: Herr Michelsen, nach Ihren Berechnungen würde Deutschland nicht in einer Rezession stecken, wenn nicht so viele Beschäftigte krank wären. Sie verstehen schon, dass wir Journalisten erst einmal skeptisch sind, wenn es sich um eine Studie der Pharmaindustrie handelt?

Michelsen: Das ist einerseits verständlich, andererseits bestätigt unsere Studie bereits vorliegende Befunde unabhängiger Institute. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel macht regelmäßig auf den Zusammenhang zwischen dem Krankenstand und der Wirtschaftsleistung aufmerksam. Und alle unsere Berechnungen sind transparent. Sie können Sie gern überprüfen.

SPIEGEL: Wie groß ist der Effekt der Krankmeldungen denn Ihren Berechnungen nach?

Michelsen: Der Effekt ist erheblich. Konservativ geschätzt hat uns der hohe Krankenstand im vergangenen Jahr 0,8 Prozentpunkte an Wachstum gekostet – anders ausgedrückt: Mit einem durchschnittlichen Krankenstand wäre die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr nicht um 0,3 Prozent geschrumpft, sondern um 0,5 Prozent gewachsen. Wären wir nicht so krank, würde die Diskussion über den »kranken Mann« Deutschland vielleicht anders geführt.

SPIEGEL: Ihr Ausgangspunkt ist ja ein ungewöhnlich hoher Krankenstand. Was hat es damit auf sich?

Michelsen: Für die Krankentage liegen uns Daten seit 1990 vor. Tatsächlich waren sie in den vergangenen beiden Jahren weit über dem historischen Durchschnitt. 2022 gab es 50 Prozent mehr Krankentage als 2015, im vergangenen Jahr sogar 57 Prozent mehr. Vor allem das Jahr 2023 ist im internationalen Vergleich auffällig: In den USA, Kanada, Australien und auch in Schweden ist der Krankenstand nach der Coronapandemie deutlich gefallen, in Deutschland dagegen sogar noch gestiegen.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Michelsen: Wir sind Ökonomen, keine Epidemiologen. Aber wir wissen aus den Daten des Robert Koch-Instituts, dass die Inzidenz bei Atemwegserkrankungen sehr hoch ist. Dazu zählt selbstverständlich auch Corona, dazu kommen grippale Infekte, die echte Grippe – und offenbar machen uns vor allem RSV-Infekte stark zu schaffen.

SPIEGEL: Aber bedeuten Arbeitsausfälle automatisch weniger Wirtschaftsleistung? Wenn ich heute krank wäre, könnten wir dieses Interview nicht führen – aber der SPIEGEL würde wohl nicht weniger Umsatz machen.

Michelsen: Richtig, es gibt da Flexibilitätspuffer. Oft springen etwa Kolleginnen und Kollegen ein und machen Überstunden. Oder die Qualität des Produkts kann angepasst werden – wenn zum Beispiel eine Servicekraft im Restaurant ausfällt, müssen die Gäste vielleicht nur ein bisschen länger auf ihr Essen warten. Das heißt, der Krankenstand überträgt sich nicht eins zu eins auf die Produktion. Wäre das der Fall, hätte uns der hohe Krankenstand im vergangenen Jahr sogar 1,7 Prozent an Wachstum gekostet. Er überträgt sich aber mit einem geringeren Faktor, den wir Ökonomen Elastizität nennen.

SPIEGEL: Wie groß ist dieser Faktor?

Michelsen: Wir haben verschiedene Informationen etwa des Bundesgesundheitsministeriums oder des IAB-Forschungsinstituts verwendet und kommen zum Schluss, dass das Verhältnis etwa bei zwei zu eins liegt: Ein Prozentpunkt mehr Krankenstand dämpft die Produktion ungefähr um ein halbes Prozent. Somit ergibt sich konservativ geschätzt das um 0,8 Prozentpunkte geringere Wirtschaftswachstum – das bedeutet übrigens für die Jahre 2022 und 2023 zusammengenommen einen Gesamtverlust von rund 50 Milliarden Euro.

SPIEGEL: Wie stark schlägt das in einzelnen Wirtschaftszweigen durch?

Michelsen: Die Industrie ist aus zwei Gründen besonders stark betroffen: Erstens kann sie Arbeitsausfälle in geringerem Maß durch ein Absenken der Qualität ausgleichen – wie es etwa ein Restaurant kann. Zweitens ist der Krankenstand insbesondere in Zweigen wie der Metallbearbeitung oder der Chemie überdurchschnittlich hoch.

SPIEGEL: Diese Branchen leiden derzeit aber ohnehin wegen der schwachen Weltwirtschaft, viele Betriebe laufen weit unter ihrer vollen Kapazität. Da dürfte es doch kein Problem sein, wenn Beschäftigte krank sind, die ohnehin gerade nicht ausgelastet sind.

Michelsen: Das haben wir in unsere Berechnungen einbezogen. Wir haben die konjunkturelle Lage berücksichtigt. Die Ergebnisse haben unsere Befunde bestätigt. Allein der Autobranche sind in den vergangenen beiden Jahren 3,5 Milliarden Euro an Wertschöpfung durch den hohen Krankenstand verloren gegangen, im Maschinenbau waren es 3,1 Milliarden Euro.

SPIEGEL: Wir sind also tatsächlich aufgrund von Krankheit der viel zitierte kranke Mann?

Michelsen: Na ja, auch bei 0,5 Prozent Wachstum wären die strukturellen Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft offenkundig. Daran ändern unsere Befunde wenig. Dennoch ist es auch volkswirtschaftlich wichtig, die hohen Krankenstände zu senken – insbesondere angesichts des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels: Umgerechnet bedeutet der hohe Krankenstand ein Minus von 350.000 Arbeitskräften, die dringend benötigt werden.

SPIEGEL: Was muss nun passieren?

Michelsen: Es ist auch volks- und betriebswirtschaftlich wichtig, sich um die Gesundheit zu kümmern. Das ist auch Aufgabe von Gesundheitspolitik. Aber Unternehmen können ebenfalls Prävention betreiben, wie sie das in der Coronapandemie gelernt haben: Hygienekonzepte, die die Belegschaft vor Ansteckungen schützen. Sinnvoll ist zum Beispiel auch – und das sage ich nicht, weil ich bei einem Pharmaverband arbeite –, wenn Betriebsärzte Grippeimpfungen anbieten.

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