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Ukrainischer General über Gegenoffensive: Russen hätten nicht mit Durchbruch gerechnet

September 03
01:26 2023

Die ukrainischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben die erste russische Verteidigungslinie in der Nähe von Saporischschja nach wochenlanger mühsamer Minenräumung entscheidend durchbrochen und rechnen mit schnelleren Fortschritten, wenn sie die schwächere zweite Linie ins Visier nehmen. Das berichtet der General, der die Gegenoffensive im Süden leitet, dem »Guardian« in einem exklusiven Interview .

(Lesen Sie hier die SPIEGEL-Analyse zu den jüngsten militärischen Entwicklungen in der Ukraine).

Brigadegeneral Oleksandr Tarnavskiy schätzte, dass Russland 60 % seiner Zeit und Ressourcen in den Aufbau der ersten Verteidigungslinie und nur jeweils 20 % in die zweite und dritte Linie gesteckt hatte, weil Moskau nicht damit gerechnet hätte, dass die ukrainischen Streitkräfte so weit kommen würden. »Im Zentrum der Offensive schließen wir jetzt die Zerstörung der feindlichen Einheiten ab, die den Rückzug der russischen Truppen hinter ihre zweite Verteidigungslinie decken.«

Ein riesiges Minenfeld hielt die ukrainischen Truppen wochenlang zurück, während die Infanterie langsam zu Fuß eine Angriffsroute freiräumte. Die russischen Truppen »standen einfach da und warteten auf die ukrainische Armee«, indem sie Fahrzeuge mit Granaten und Drohnen beschossen, sagte Tarnavskiy dem »Guardian«.

Doch nun sei diese Barriere überschritten und die Russen würden zu Manövern gezwungen, während die Ukraine mit Panzern vorrücke. Ein Zeichen dafür, dass Moskau den Druck spüre, sei die Verlegung von Truppen von Frontabschnitten innerhalb der besetzten Ukraine – Cherson im Westen und Ljman im Nordosten – und auch von innerhalb Russlands, so Tarnavskiy. »Der Feind zieht Reserven ab, nicht nur aus der Ukraine, sondern auch aus Russland. Aber früher oder später werden den Russen die besten Soldaten ausgehen. Das wird uns einen Anstoß geben, mehr und schneller anzugreifen. Alles liegt vor uns.«

Mühsame Minenräumung bei Nacht

Tarnavskiy kann bereits einige Erfolge im Kampf gegen die russischen Truppen vorweisen, seit diese 2022 die ukrainische Grenze überschritten haben. Im vergangenen September wurde er zum Befehlshaber der Truppen ernannt, die für die Befreiung von Cherson kämpfen; zwei Monate später war die Stadt befreit.

Man hoffte auf ähnlich schnelle Fortschritte bei der Gegenoffensive im Sommer. Doch monatelang ging es nur stockend voran, die Verluste stiegen, die Frontlinien blieben unbeweglich, was zu Unzufriedenheit und Kritik in den westlichen Hauptstädten führte, die Waffen und Ausbildung bereitgestellt hatten.

Tarnavskiy wies diese Kritik nun im Gespräch mit dem »Guardian« mit einem Achselzucken zurück und sagte, er ziehe es vor, eine Aufgabe erst dann zu beurteilen, wenn sie abgeschlossen sei. Er dankte den Verbündeten für ihre Unterstützung in Form von Ausbildung und Waffen. »Als wir mit der Gegenoffensive begannen, verbrachten wir mehr Zeit als erwartet mit der Entminung der Gebiete«, gab er zu. »Leider war die Evakuierung der Verwundeten für uns schwierig. Auch das erschwerte unseren Vormarsch.«

Doch die ukrainischen Streitkräfte hätten die erste Verteidigungslinie durchbrochen, anders als von Russland erwartet. »Meiner Meinung nach glaubten die Russen, dass die Ukrainer diese Verteidigungslinie nicht überwinden würden. Sie hatten sich über ein Jahr lang vorbereitet. Sie haben alles getan, um sicherzustellen, dass dieses Gebiet gut vorbereitet war«, so Tarnavskiy.

Der General berichtet, dass die russischen Truppen sich jenseits des Minenfeldes in Betonunterständen hinter Panzersperren verschanzt hätten. Doch die Ukrainer seien weiter vorgerückt. Infanteriekräfte seien in der Nacht losgezogen, um in mühsamer Kleinarbeit einen Korridor durch die Minen zu räumen, wobei sie sich im Dunkeln Meter für Meter vorwärts bewegt hätten.

Jetzt, da das Minenfeld durchbrochen worden sei, hätten die Russen einen Großteil ihres Vorteils verloren. »Es gibt einen großen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Verteidigungslinie«, sagte Tarnavskiy.

Die zweite Linie sei nicht so gut ausgebaut, sodass die Ukrainer ihre Fahrzeuge einsetzen könnten, obwohl es immer noch Minenfelder gebe.

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