Ukraine: Debatte zu deutscher Medien-Berichterstattung – Überfordert durch die Wirklichkeit
Man muss den SPIEGEL nicht lesen. Man muss sich auch nicht für die russische Invasion in der Ukraine interessieren, es gibt da keine rechtlichen Verpflichtungen.
Nur wenn man mit großer Geste die deutsche Berichterstattung zu diesem Krieg unter den Generalverdacht besinnungsloser Parteilichkeit stellt, wäre es hilfreich zu wissen, worüber man spricht.
»Amtlich beglaubigte Russenhasser«
»Experten der Betroffenheit« und nichts mehr seien jene, die in Deutschland über Russlands anhaltenden Versuch schreiben, die Ukraine zu erobern und zu zerschlagen, schreibt der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer in seiner SPIEGEL-Kolumne: »Wichtigster Baustein« sei »das Gefühl« der Reporter, die wahlweise »vor Ort« sowie mit ganzer Kraft »Ukrainer des Herzens« oder »amtlich beglaubigte Russenhasser« seien.
Als Kolumnist des SPIEGEL wäre es naheliegend, bei einer Generalabrechnung mit der Ukraine-Berichterstattung etwas davon zur Kenntnis genommen zu haben, was im SPIEGEL dazu so steht. Angesichts von mehreren Tausend Nachrichten, Analysen, Reportagen, Interviews und Meinungsbeiträgen zum Krieg ist genügend Anschauungsmaterial vorhanden. Leider kommt da nichts, die gesamte Kolumne kommt bis auf drei knapp erwähnte und nicht weiter verfolgte Beiträge gänzlich ohne Belege für die gefühlte Russenhasserei deutscher Medien aus. Mit den Argumenten der Texte setzt Fischer sich nicht auseinander, er karikiert sie nur im Vorübergehen.
Ansonsten genügt Geraune. »Unter der Hand« habe sich »nach meiner Ansicht« eine »gewisse Neuorientierung des Journalismus vollzogen«, allseits hin zum Gefühl, zur Betroffenheit als einzig legitimer Perspektive.
Eine Argumentation wie eine Western-Schlägerei
Wie eine Branche, deren Wesenskern die Veröffentlichung ist, sich fundamental derart diskret, unter der Hand, verändern soll, dass dafür nicht einmal Beispiele aufzutreiben sind, sei dahingestellt.
Auch mit den anderen Annahmen, der »embedded journalism« der Amerikaner im Irak vor 20 Jahren habe »seinen Lauf in die Welt des Richtigen und Wahren« angetreten, die Debatte der Waffenlieferungen hierzulande bewege sich »auf Sandkastenniveau«, bläst der Autor einen Popanz auf, um ihn anschließend niederzumachen. So wie bei Schlägereien in alten Westernfilmen der Gegner mit der einen Hand am Hemdkragen emporgezogen und mit der anderen zu Boden gestreckt wird.
Aber vielleicht geht es im Kern um etwas ganz anderes als die anvermutete Betroffenheitsbesessenheit. Kurz vor ihrem Schluss steht in der Kolumne: »Die einfallslos-repetitive Parteilichkeit der deutschen Publizistik in der Frage des Ukrainekonflikts ist überaus langweilig und widerspricht journalistischen Prinzipien und Freiheiten, auf die wir zu Recht stolz sein und die wir deshalb auch praktisch verteidigen sollten.«
Langweilig?
Wer die Spannungsdramaturgie des RTL-Dschungelcamps oder die Kurzweil eines Bundesliga-Fußballspiels gewohnt ist, mag den journalistischen Umgang mit der russischen Invasion in der Tat langweilig finden: immer derselbe Angreifer, dieselbe, überaus klare Positionsverteilung zwischen Invasoren und Opfern, die sich wehren. Möglich, dass die Wirklichkeit manchmal die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers überfordert.
Mancher mag die Realität langweilig finden
Hinter einer Enttäuschung der eigenen dramaturgischen Gewohnheiten gleich die allumfassende Preisgabe journalistischer Prinzipen zu erfühlen, ist ein ziemlich überdrehter Trugschluss. Klarheit und Konstanz in der Berichterstattung gibt es auch ganz ohne Kartellbildung. Als Queen Elizabeth II. starb, reportierten alle Medien tagelang in erschöpfender Uniformität über diese Tatsache. Ähnlich läuft es bei schweren Erdbeben, Tsunamis. Russlands seit 14 Monaten anhaltender Überfall aufs Nachbarland ist in seiner nachrichtlichen Klarheit wenig anders, strapaziert nur das Publikum bedeutend länger.
Das Lamento ist nicht neu, dass deutsche Medien praktisch alle gleich und regierungsfreundlich berichten würden. Nur macht die Wiederholung die Behauptungen nicht wahrhaftiger. Eine Vergleichsanalyse des Mainzer Kommunikationswissenschaftlers Marcus Maurer, der gemeinsam mit Pablo Jost und Jörg Haßler knapp 4300 Beiträge untersuchte, kam zu ganz anderen Schlüssen, was Einheitlichkeit und Bewertung einzelner Kabinettsmitglieder anging.
Bis auf eine Ausnahme: »In einigen Fällen haben die von uns untersuchten Medien tatsächlich sehr einheitlich über den Krieg berichtet. Das betrifft insbesondere die Zuschreibung der Kriegsverantwortung an Russland und die Bewertung der beiden Kriegsparteien. Dieses Berichterstattungsmuster ist aber wenig verwunderlich, weil Russland – bei allem möglichen Verständnis für eine dort vielleicht als bedrohlich wahrgenommene Ost-Erweiterung der Nato – einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, der wenig Spielraum für andere Bewertungen lässt.«
Wie mit dieser Tatsache aber nach vorn gerichtet umzugehen sei, ob und welche Waffen geliefert werden sollten, wann und wie verhandelt werden könnte, dazu gibt es in Deutschland durchaus eine breite Debatte. Aber wer wen angegriffen hat, wer Täter ist und wer Opfer – das lässt sich nun mal eindeutig feststellen.
»Wenig Spielraum für andere Bewertungen«
Das mag, wer mehr Abwechslung in den von ihm »besuchten Rundfunk- und Fernsehprogrammen« sucht, still bedauern. Aber wer darüber einen Verrat an journalistischer Ethik herbeifabuliert, sollte sich vorher an den elementaren Grundsätzen dieser Ethik orientieren: und lesen, recherchieren, prüfen, belegen, was er anschließend beurteilen möchte.
Dann könnte man zum Beispiel auch feststellen, dass die deutsche Presse, die laut Fischer angeblich so uniform ist, durchaus verschiedensten Meinungen Raum gibt zur Frage, wie Deutschland mit diesem Krieg umgehen soll – auch der SPIEGEL. Und dass viele Medien, insbesondere der SPIEGEL, mit zahlreichen eigenen Experten aus der Ukraine, aber auch aus Russland berichten. Zu verstehen, was vor Ort passiert und gedacht wird, mag nicht die einzige Voraussetzung sein, um über ein Thema zu schreiben. Es hilft allerdings ungemein.
Darin, dass nicht »emotional-demonstrative Verschmelzung mit einem Anliegen« die journalistische Arbeit leiten sollte, stimme ich mit dem Kolumnisten Fischer ja vollkommen überein.
Nur warum er die »heutigen Welterklärer und Kriegsberichterstatter« partout »400 Kilometer hinter der Front« weiß, bleibt rätselhaft: Was wollen die denn alle in der ukrainischen Stadt Poltawa?

