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Türkei: Das Missmanagement der AKP-Regierung mit dem architektonischen Erbe des Landes

January 03
08:46 2021
Galata Turm im Istanbul: Renovierung mit dem Presslufthammer Icon: vergrößern

Galata Turm im Istanbul: Renovierung mit dem Presslufthammer

Foto: MEHMET CALISKAN / REUTERS

»Wenn Sie einen Namen brauchen, dann nennen Sie mich Devrim« – so lautet eine der ersten Nachrichten, die sie oder er schreibt. Denn den türkischen Namen Devrim können sowohl Männer als auch Frauen tragen. »Wie sie sich vorstellen können, fühlt man sich nicht sicher, in einem Land, indem kritische Stimmen offen bedroht und strafrechtlich verfolgt werden«, begründet Devrim den Wunsch, anonym bleiben und nicht einmal das Geschlecht offenbaren zu wollen. Dabei scheint das Anliegen harmlos, fast unpolitisch.

Vor mehr als drei Jahren hat Devrim den Twitteraccount »Cirkin Istanbul« (»Hässliches Istanbul«) erstellt. Dort werden seither Beispiele von Baupfusch und architektonische Fehlleistungen in Istanbul dokumentiert. Fast täglich gibt es neue Fotos von den unzähligen Baustellen der Metropole – und von dem was bleibt, wenn die Arbeiter eingepackt haben. Nämlich riesige Plakatwände, die historisch einzigartige Fassaden verschwinden lassen, Stahl- und Glaskonstruktionen als Überbau jahrhundertealter Moscheen oder schlicht Beton, wo vorher Grünflächen waren.

»Ich bin kein Experte, nur ein normaler Istanbuler, der seine Stadt sehr liebt«, sagt Devrim. Die Veränderungen, die man in den vergangenen Jahren beobachten konnte, seien »skandalös, empörend und wahnsinnig hässlich«. Devrim macht dafür auch die Politik verantwortlich. Großprojekte der Regierung hätten die Stadt ebenso verschandelt, wie der Mangel an baulichen Kontrollen und Vorgaben zum Erhalt des historischen Stadtbildes.

12.000 Jahre alte Siedlung geflutet

Mit dem Twitteraccount trifft Devrim einen Nerv. Fast 100.000 Abonnenten hat »Cirkin Istanbul« mittlerweile. Der Erfolg könnte auch daran liegen, dass die türkische Regierung zunehmend für ihren Umgang mit dem architektonischen Erbe des Landes in die Kritik gerät.

Für jahrelangen Widerstand sorgte beispielsweise das Ilisu-Staudamm-Projekt. Dem Bauvorhaben, das die Regierung als Symbol des Fortschritts verkaufte, sollte eine der ältesten Siedlungen der Menschheit geopfert werden. Lange wehrten sich Anwohner und Kritiker gegen das Projekt. Vergeblich. Am Ende musste die historische Stätte weichen.

Proteste ließ die AKP verbieten, im Mai nahm Präsident Recep Tayyip Erdoğan dann feierlich die Turbinen des Wasserkraftwerks in Betrieb. Das seit 12.000 Jahren besiedelte Hasankeyf wurde geflutet. Mehr als 70.000 Menschen waren in den Monaten zuvor in eine Retortenstadt umgesiedelt worden.

Immerhin: Sieben historische Bauwerke wurden vor den Fluten gerettet. Mit der Schönheit des einstigen Hasankeyf kann der neue Archäologiepark allerdings nicht mithalten. Ankara hat das in Kauf genommen – wohl auch, weil der Osten Anatoliens nicht zu den großen Touristenmagneten des Landes gehört.

Skandale um Hagia Sophia und Galata Turm

Anders ist das mit Istanbul. Die Metropole ist eine der meist bereisten Städte der Welt. Allein im vergangenen Jahr kamen fast 15 Millionen Touristen. Zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören die Hagia Sophia und der Galata Turm, das Wahrzeichen Istanbuls. Ausgerechnet diese beiden Bauwerke haben in den vergangenen Monaten für Skandale gesorgt.

Im Juli entschied ein Gericht, dass die Hagia Sophia in eine Moschee zurückgewandelt werden darf. Den Museumsstatus hat das Bauwerk verloren, ebenso wie mehrere Millionen Euro an Eintrittsgeldern jährlich. Denn der Zugang zu Gotteshäusern in der Türkei ist frei. Doch nicht nur die finanziellen Auswirkungen der Entscheidung sorgten für Kritik. Wichtiger ist die politische Dimension.

Der Status der Hagia Sophia ist bereits seit Jahren ein Politikum, regelmäßig vor wichtigen Wahlen wurde von islamisch-konservativen Politikern mit der Umwandlung in eine Moschee geworben. Präsident Erdoğan hat den symbolträchtigen Schritt tatsächlich vollzogen – und dafür Kritik aus dem In- und Ausland, aber auch Beifall seiner Anhänger geerntet.

Nach der medienwirksamen Öffnung der Hagia Sophia für das Freitagsgebet ist die Aufregung mittlerweile verebbt. Einen langfristigen Plan für das Gebäude hat die AKP wohl nicht. Noch vor wenigen Tagen waren die Mosaike im Innenraum mit Tüchern verhängt. Das wirkte wie eine Übergangslösung und machte den Besuch für Touristen wenig attraktiv.

Mittlerweile sind die Mosaike und damit das christliche Erbe wieder sichtbar. Dahinter vermuten Experten Kritik der Unesco. Den Status als Kulturerbe der Istanbuler Altstadthalbinsel, zu der die Hagia Sophia gehört, will die Regierung wiederum wohl nicht gefährden.

Verwaltung der türkischen Kulturgüter ist »politisch und wirtschaftlich« getrieben

»Es sieht so aus, als wüsste die Regierung nicht, was sie eigentlich mit der Hagia Sophia vorhat«, sagte Alexandra Vukovich von der Oxford Universität dem SPIEGEL. Sie ist Expertin für den Umgang mit historischen Bauten.

Vukovichs Beobachtungen zufolge verfolgt die türkische Regierung derzeit vor allem zwei Ziele im Umgang mit dem historischen Erbe des Landes. Sie bezeichnet die Verwaltung der türkischen Kulturgüter als »politisch und wirtschaftlich zweckmäßig«. Beachtung finden dabei vor allem Bauwerke, »mit denen die Regierung ihr Image aufbessern kann oder die auf Touristen besonders anziehend wirken und mehr Geld einbringen könnten«, sagt Vukovich.

Vor allem letztere Punkte dürften die treibende Kraft hinter dem Streit um den Galata Turm gewesen sein. Eigentlich hat die Stadt Istanbul, regiert von CHP-Bürgermeister Ekrem Imamoğlu, die Verwaltungshoheit über das Bauwerk. Im Sommer aber hat das Ministerium für Kultur und Tourismus die Oberaufsicht an sich gerissen. Kurze Zeit später tauchte ein Video auf, das für Entsetzen sorgte.

Ausschreibungen der Stadt laufen bereits

Zu sehen waren Restaurationsarbeiten am Galata Turm, Handwerker bearbeiteten die historischen Mauern mit Presslufthammern. Nach anhaltender Kritik wurde die Firma für ihr rabiates Vorgehen von der Regierung gerügt. Oppositionellen Medien zufolge soll sich das Bauunternehmen allerdings in Besitz eines AKP-nahen Architekten befinden. Nun hoffen Kritiker von Erdoğans Regierung, dass Bürgermeister Imamoğlu die Gestaltung Istanbuls künftig anders angeht.

Damit würde er auch ein Wahlversprechen einlösen. Mehrere Ausschreibungen der Stadt laufen derzeit bereits, öffentlich stellt Imamoğlu sich zudem umstrittenen Großprojekten der Regierung entgegen. Bei der Bevölkerung kommt das gut an.

Und auch Devrim hat die Hoffnung noch nicht komplett aufgegeben. Der Twitter-Account »Cirkin Istanbul« hat mittlerweile einen »schönen Bruder« bekommen. »Güzel Istanbul« veröffentlicht fast genauso regelmäßig Nachrichten und Bilder aus der Stadt wie der Partner-Account. Zu sehen: Ausstellungen, Restaurationsprojekte der Stadt, neue Verkehrskonzepte oder auch Zukunftsvisionen junger Architekten für Istanbul.

Icon: Der Spiegel

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