Weg frei für Andy Burnham: Keir Starmer kündigt Rücktritt als Premier und Labour-Chef an
Politik
Weg frei für Andy BurnhamKeir Starmer kündigt Rücktritt als Premier und Labour-Chef an
22.06.2026, 10:36 Uhr Artikel anhören(01:01 min)00:00 / 01:01
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Der britische Premierminister beugt sich dem seit Monaten steigenden Druck aus seiner eigenen Partei. Am Morgen erklärt er dem König seinen Rückzug, danach in aller Öffentlichkeit. Starmer blieb kaum eine Wahl.
Der britische Premierminister Keir Starmer hat seinen Rücktritt angekündigt und damit den Weg für Andy Burnham aus dem linken Spektrum geebnet. Er gebe den Posten als Chef der Labour-Partei ab, sagte der 63-Jährige in einer Ansprache vor dem Regierungssitz 10 Downing Street. Bis ein Nachfolger gewählt sei, werde er als Regierungschef noch im Amt bleiben, so Starmer. Ein Nachfolger solle bis zum Ende der Sommerpause des Parlaments im September feststehen. Nur Stunden später kündigte Burnham seine Kandidatur für die Nachfolge an.
Starmer sagte, er habe am Morgen mit König Charles gesprochen. Er werde den nationalen Exekutivausschuss seiner Labour-Partei bitten, einen Zeitplan für die Regelung seiner Nachfolge aufzustellen. Seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin sicherte Starmer seine volle Unterstützung zu. Er reagiert mit seinem Rücktritt auf die anhaltend schlechten Zustimmungswerte.
Der Druck auf den Premierminister war seit Monaten gewachsen, da seine Zustimmungswerte auf historische Tiefststände gefallen sind. Der Druck auf Starmer aus der eigenen Partei nahm am Freitag weiter zu, als Burnham, Bürgermeister von Greater Manchester, eine Nachwahl zum Parlament in Westminster gewann und damit eine Voraussetzung schuf, den Regierungschef an der Labour-Spitze herauszufordern. Der Labour-Politiker setzte sich dabei gegen einen Kandidaten der rechtspopulistischen Partei Reform UK von Nigel Farage durch, die seit mehr als einem Jahr die landesweiten Umfragen anführt. Der Sieg Burnhams, der ein kommunikationsstarker Berufspolitiker ist, weckte in der Labour-Fraktion Hoffnungen auf eine politische Wende.
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Das Verfahren zur Wahl eines neuen Vorsitzenden der Labour-Partei werde im Juli gestartet, sagte Starmer. Kandidiert außer Burnham kein anderer Bewerber, könnte dieser dem "Guardian" zufolge um den 17. Juli herum neuer Premier werden. Ob sich ein weiterer Kandidat für die Nachfolge an der Labour-Spitze aus der Deckung wagt, ist noch offen. Ambitionen hatte zuletzt der als Gesundheitsminister zurückgetretene Wes Streeting gezeigt. Dieser teilte jedoch nach Starmers Erklärung mit, er werde Burnham unterstützen. Dafür könnte mit einem Kabinettsposten belohnt werden.
Burnham war in seiner Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester zum charismatischen Liebling des moderat-linken Parteiflügels geworden. Britische Medien bezeichnen ihn in Anspielung an die Fantasy-Serie "Game of Thrones" als "König des Nordens". Seit Langem wird er als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Starmers gehandelt. Ohne Parlamentsmandat waren ihm aber die Hände gebunden – einen früheren Versuch, nach Westminster zurückzukehren, hatte die Labour-Führung im Februar noch verhindert.
In seiner Fraktion steht Starmer schon länger massiv unter Druck, zuletzt kehrten ihm auch immer mehr Kabinettsmitglieder den Rücken. Mehrere Minister traten zurück. Auslöser der jüngsten Zuspitzung war eine schwere Niederlage für Labour bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai zugunsten der Rechtspopulisten von Reform UK. Bereits unmittelbar im Anschluss der Wahlschlappe war Starmer von etlichen Abgeordneten zum Rücktritt aufgefordert worden – doch der Premier hielt mit Verweis auf seinen Wahlsieg von 2024 lange an seinem Amt fest. Auch kurz vor und nach der Makerfield-Wahl hatte sich Starmer noch kämpferisch gegeben und angekündigt, sich in jedem Fall einer Führungswahl stellen zu wollen.
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Während des Wochenendes auf seinem Landsitz Chequers änderte Starmer seine Meinung. Medienberichten zufolge sollen Außenministerin Yvette Cooper und einige Abgeordnete Starmer zum Rückzug gedrängt haben. Am Freitag hatte das Team von Burnham erklärt, man gebe Starmer das Wochenende Zeit, um seine Lage zu überdenken und hoffe auf eine geordnete Machtübergabe. Umfragen unter Parteimitgliedern hatten darauf hingedeutet, dass Burnham eine Kampfabstimmung gewinnen würde.
Zuletzt hangelte er sich von einer Krise zur nächsten. Zu Beginn des Jahres hing sein Posten schon einmal am seidenen Faden. Da ging es in erster Linie um die Berufung des Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum Botschafter in den USA. Dabei stand im Fokus, wie viel Starmer von dessen Verbindungen mit dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein wusste.
Abschied mit brüchiger Stimme
"Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen habe, ging es darum, das Land, das ich liebe, an die erste Stelle zu setzen", sagte Starmer. Seine Partei habe gesprochen und dem wolle er Gehör schenken: "Aus diesem Grund werde ich als Parteichef der Labour-Partei zurücktreten." Er werde sich jetzt Zeit nehmen für seine Familie, sagte Starmer mit brüchiger Stimme und umarmte kurz darauf seine Frau Victoria, die mit ihm vor die 10 Downing Street getreten war.
Starmer hatte das Amt des Premierministers nach dem Wahlsieg seiner sozialdemokratischen Labour-Partei im Juli 2024 übernommen. Die britische Politik ist in den letzten zehn Jahren zunehmend instabil geworden, seit der Brexit-Abstimmung im Jahr 2016, die neue Konfliktlinien bei Themen wie Globalisierung und Einwanderung aufzeigte und die traditionelle Dominanz von Labour und den Konservativen im vergangenen Jahrhundert ins Wanken brachte. Eine Reihe von Schocks – der Brexit, die Pandemie, der Krieg in der Ukraine – sowie schwaches Wirtschaftswachstum und ein Anstieg der Einwanderung haben bei vielen Wählern zu Enttäuschung geführt.
Wer auch immer die Nachfolge antritt, wird der siebte britische Premierminister seit dem Brexit-Referendum vor genau zehn Jahren sein. Diese in der jüngeren britischen Geschichte beispiellose Instabilität spiegelt die Unzufriedenheit der Wähler mit sinkenden Lebensstandards, maroden öffentlichen Diensten und illegaler Einwanderung wider.

