Solingen 30 Jahre nach dem Brandanschlag: Hier geboren, hier verbrannt
Vor 30 Jahren starben fünf Menschen, weil Rechtsextreme ihr Haus anzündeten. Die Täter sind heute frei, die Familie lebt immer noch in Solingen. Regisseur Bassam Ghazi kämpft mit einem Theaterstück gegen das Vergessen.
Durmus Genc: Ich wollte mir eigentlich nur ein paar Groschen zusammenverdienen und dann wieder zurück. Einige aus unserem Dorf sind nach Deutschland gegangen, und als sie ein Jahr später im Urlaub zu Besuch kamen, haben sie es in den höchsten Tönen gelobt, sie fanden überhaupt kein Ende. Ich wurde neugierig, was das wohl für ein Land wäre, das sie »Almanya« nannten.
Mevlüde Genc: Wie ist es in Deutschland?
Durmuş Genc: Gut
Mevlüde Genc: Dann hol mich nach.
1973 bin ich hierhergekommen. Ich bin zu meiner Arbeitsstelle gefahren, hab den Besen in die Hand genommen und angefangen. Sie haben uns trotzdem immer als Fremde behandelt!
Mevlüde Genc: Lass uns ein Haus kaufen.
Durmuş Genc: Wir haben ein Anzeigenblatt durchgeguckt.
Mevlüde Genc: Und da haben wir das Haus gefunden. Wir haben das Haus renoviert. Und die Kinder aus der Türkei hergeholt.*
Tagesschau, 29. Mai 1993:
»Guten Abend, meine Damen und Herren. Sechs Monate nach den Morden von Mölln sind jetzt in Solingen fünf Menschen umgebracht worden. Sie wurden das Opfer von ausländerfeindlichen Mordbrennern. Die unbekannten Täter zündeten in der vergangenen Nacht im Stadtzentrum ein Mehrfamilienhaus an. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Bei den Opfern handelt es sich um zwei türkische Frauen und drei Mädchen im Alter von 4 bis 13 Jahren.«
Gürsün Ince
Hatice Genc
Gülüstan Öztürk
Hülya Genc
Saime Genc
30 Jahre nach dem rassistischen Anschlag von Solingen sind ihre Namen auf weiße Sticker gedruckt. Es ist ein Dienstagabend im Mai 2023. Der Regisseur Bassam Ghazi hat mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus das Theaterstück »Solingen 1993 – Eine theatrale Busreise in die Vergangenheit« inszeniert. Es ist eine Zeitreise, die in einem Bus am Düsseldorfer Hauptbahnhof beginnt und die Teilnehmer mit alten Bravoheften, Spielkonsolen, Songs und Wendegeschichten in die 90er-Jahre versetzt, um sie danach in die Innenstadt von Solingen zu bringen. Dort sollen die Besucher auf vier verschiedenen Routen in jene Vergangenheit geführt werden, die für die Familie Genc nie vergangenen ist.
Die ganze Stadt erinnert an die Namen der Toten
Es ist eine Reise, mit der Ghazi dem Jahrestag des rassistischen Anschlags gedenken will. Die weißen Sticker mit den Namen der Opfer sollen dem Vergessen entgegenwirken. Jeder Besucher bekommt fünf von ihnen in die Hand und soll die Innenstadt von Solingen mit ihnen bekleben.
15 Besucher der Gruppe stehen im Kreis, sie sollen sich kennenlernen, bevor sie gemeinsam auf diese emotionale Reise gehen. Sie sagen sich die Namen ihrer Großmütter, ihre eigenen Geburtsorte, Albstadt, Moskau, sie nennen eine kleine Stadt in Ungarn, Bochum, Berlin.
Dann folgen sie gemeinsam den grünen Pfeilen auf den Straßen, laufen vorbei an Kreidesprüchen auf dem Boden »Hier geboren, hier verbrannt«, folgen den Anweisungen im Chat, um auf Zeitzeugen, Schauspieler und Schauspielerinnen zu treffen, die mit den Erinnerungen der Überlebenden zu ihnen sprechen. Die Routen tragen Titel wie »Stimmen der Stadt«, »Hintermänner und Hintergründe«, »Tatnacht«, »Familienstimmen«.
Seit Wochen führen die Schauspieler ihre Zuschauer so durch die Stadt, an diesem Abend findet bereits die zehnte Aufführung statt. Auf dem Weg sieht man immer wieder die weißen Aufkleber mit den Namen der Opfer. Bassam Ghazi versprach der Familie Genc bei der Premiere, am Ende der Aufführung erinnert die ganze Stadt die Namen ihrer Toten.
Aber es scheint nicht allen in der Stadt zu gefallen.
Angekommen an einem Spielplatz überklebt ein Kollege von der taz mit den Namensstickern der Toten zwei Nazi-Aufkleber. Als er die Dramaturgin des Theaterstücks fragt, ob die Nazi-Aufkleber Teil der Inszenierung sei, verneint sie. Bereits bei der Premiere musste Regisseur Ghazi die Polizei rufen, weil sich betrunkene Rechte während des Rundgangs über den Anschlag lustig machten.
Auf dem Spielplatz reicht gerade eine Schauspielerin ein Bild von einem verbrannten Mädchengesicht durch die Reihen und spricht im Namen von Güldane Genc, die als Dreijährige aus dem brennenden Haus geworfen wurde, damit sie überlebt.
Güldane Genc: Die Narben waren immer da. Solange ich denken kann. Ich habe meinen Vater gefragt, was passiert ist. Aber er hat dann immer geweint. Das tut mir weh, meinen Papa so zu sehen. Normalerweise ist mein Vater ein richtig starker Mann. Mein halbes Leben habe ich geglaubt, meine Haut sei durch heißes Teewasser verbrannt.
Baba fühlte sich verpflichtet, schnell wieder zu heiraten. Er wollte eine Familie für mich. Mit der Geschichte wollte er warten, bis ich mit der Schule fertig bin. Aber ich ahnte, dass etwas nicht stimmt. Mein Vater erzählte mir dann von meiner Mutter. Im Bücherregal fand ich einen Aktenordner mit Unterlagen zum Brandanschlag.*
Auch die Ohnmacht und das Schweigen der Familie scheint Regisseur Bassam Ghazi mit seinem Theaterstück weiter aufzubrechen. Bei der Premiere liefen viele der Überlebenden mit ihren Kindern und Enkeln bei Dauerregen mit durch die Straßen und hörten ihre Familiengeschichte, die junge Schauspieler in ihrem Namen sprachen.
Hatice Genc: Eigentlich möchten wir gar nicht daran denken. Aber wenn wir uns abends schlafen legen, läuft natürlich alles wie ein Film vor unseren Augen ab.
Kamil Genc: Zu der Uhrzeit, zum Beispiel. Das ist um halb zwei passiert. Erst nach dieser Uhrzeit… Oder erst eine Stunde später können wir einschlafen. Davor gibt es keinen Schlaf.
Hatice Genc: Seit 30 Jahren kann ich nicht schlafen.
Kamil Genc: Vor halb drei schläft sie auf keinen Fall. Diese Uhrzeit muss verstrichen sein.
Hatice Genc: Weil ich die Erste bin, die das gesehen hat. Alle haben geschlafen, nur ich hab’s gesehen. Deshalb kann ich nicht schlafen, wenn diese Uhrzeit naht.*
Hatice und Kamil Genc haben bei dem Anschlag ihre zwei kleinen Töchter verloren.
Und auch an den Tagen, wo sie nicht dabei sind, erklingen ihre Stimmen in Videobotschaften und in Sprachnachrichten in der Chatgruppe der Besucher. Wenn die Sprachnachrichten dann starten, stehen kleine Gruppen oder Paare beieinander, sitzen auf Eisentreppen und hören gemeinsam diese Stimmen, einige der Besucher wischen sich Tränen von den Augenwinkeln, andere wirken zunehmend wütend.
»Meine Schwestern habe ich nie kennenlernen dürfen, weil ein Anschlag auf meine Familie ausgeübt wurde. Leider kann und konnte ich nie mit meinen Eltern darüber sprechen, wie soll das denn auch gehen? Meine Eltern haben zwei Kinder verloren. Ich möchte meine Eltern nicht noch mehr belasten. Das geht einfach nicht. Mein Name ist Cihat Genc. Ich bin der Sohn von Kamil und Hatice Genc. Meine Schwestern habe ich nie kennenlernen dürfen.«
An diesem Abend laufen die Besucher aber auch vorbei an Nachbarn, die mit verschränkten Armen an ihren Zäunen stehen, an Männern, die mit brummenden Motorrädern durch eine dicht zusammenstehende Besuchermasse aus ihrer Einfahrt rasen. Sie lassen die Theaterbesucher spüren, sie wollen nicht erinnern. Nicht in ihrer Straße, nicht auf ihrer Einfahrt.
Eine der Schauspielerinnen sagt, dass es immer wieder Ärger gab in den vergangenen Wochen. Sie sagt, sie erkläre den Menschen dann, der Bordstein gehöre nun mal ihnen allen, das sei ihre Geschichte, deutsche Geschichte. Regisseur Ghazi hat bewusst Schauspieler ausgesucht, die alle nach 1993 geboren sind. Die sich wochenlang in die Ereignisse von damals einlasen, selbst die Interviews mit der Familie Genc führten, Zeitzeugen trafen und den Psychologen der Familie. Viele der Darsteller sind selbst Kinder von Eltern mit Migrationsgeschichte, einige haben selbst eine. Ghazi will, dass auch diese Generation ihren eigenen Weg der Erinnerung findet.
Es gibt türkischen Tee und Rapsongs
An dem Ort, wo einst das Haus stand, sind Bilder der fünf Toten aufgestellt, davor liegen rote Rosen. Seit die Aufführung läuft, wirkt der Ort wieder so, als ob die Tat neu geschehen sei. Nur die fünf hochgewachsenen Kastanienbäume erinnern an die 30 Jahre, die vergangenen sind.
Die vier Routen führen alle Zuschauer am Ende durch einen Wald, in dem eine Stimme erklingt, die das bekannte türkisches Lied »Ayrilik« singt, Trennung.
Die Sonne geht unter, oben am Bärenloch sind jetzt alle Schauspieler versammelt, es gibt türkischen Tee und Rapsongs. Aus der Box erklingt die Stimme von Serpil Temiz Unvar, sie ist die Mutter von Ferhat Unvar, der mit acht weiteren Menschen am 19. Februar 2020 bei dem Anschlag von Hanau von einem Rassisten ermordetet wurde. Sie sagt, sie sei in Gedanken bei den Angehörigen in Solingen. Und sie sagt, ihr Leben vor der Tat könne ihr nie wieder jemand zurückgeben.
Hatice Genc, die Namensvetterin der an jenem Maiabend 1993 verstorbenen 18-jährigen Hatice Genc, überlebte den Anschlag, aber sie verlor ihre zwei kleinen Töchter Saime und Hülya. Die Besucher bekommen auch eine Videosequenz von ihr zu sehen auf diesem Spaziergang, sie wird in der kurzen Aufnahme von einer der Schauspielerinnen interviewt.
Hatice Genc: »Einer der Täter wurde wegen guter Führung nach 7,5 Jahren entlassen. Er läuft jetzt da draußen rum, wir wissen nicht, wo er rumläuft, aber er läuft rum. Einer der Täter war 15 Jahre im Gefängnis, aber was sind denn 15 Jahre? Ein Wimpernschlag. Die Toten kommen nie wieder.«
Schauspielerin: »Haben sie den Tätern verziehen?«
Hatice Genc: »Niemals. Nein, ich habe ihnen nicht verziehen. Sie töten meine Kinder und ich soll ihnen verzeihen? Niemals! Sie bleiben für immer meine Feinde. So einfach ist das nicht.«
*Auszüge aus Dialogen des Theaterstücks »Solingen 1993 – Eine theatrale Busreise in die Vergangenheit«

