Reisners Blick auf die Front: “Es geht darum, einen Keil in die besetzten Gebiete zu treiben”
Politik
Reisners Blick auf die Front"Es geht darum, einen Keil in die besetzten Gebiete zu treiben"
15.06.2026, 19:38 Uhr
Interview: Sebastian HuldArtikel anhören(10:26 min)00:00 / 10:26
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Erneut wird Kiew massiv aus der Luft angegriffen. Oberst Markus Reisner erklärt das auch mit Russlands ungebrochenen Produktionssteigerungen. Dennoch gerate Putins Armee gerade unter Druck.
ntv.de: Ein Ende der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Iran und USA sowie deren Verbündeten rückt näher. Wie blickt Russland auf diese Entwicklung?
Markus Reisner: Eine Befriedung ist nicht im Interesse des Kremls. Erstens muss Moskau einen fallenden Ölpreis befürchten. Im Moment kostet das Barrel Brent rund 80 US-Dollar, lag aber auch schon bis zu 120 US-Dollar. In dieser Zeit haben Russlands Erdölexporte viel Geld in Putins Kriegskasse gespült. Die hohen Weltmarktpreise haben sogar die russischen Produktionsausfälle in Folge der ukrainischen Luftangriffe kompensiert. Zweitens hatte sich US-Präsident Donald Trump über Monate weitgehend vom Krieg in der Ukraine abgewendet. Nach einem Abkommen mit dem Iran könnte die Trump-Regierung auch wieder den Druck auf Russland erhöhen. Hinzukommt die Frage der Fliegerabwehr.
Weil?
Die Ukrainer brauchen mehr einsatzbereite Fliegerabwehrsysteme. Es fehlt hier vor allem an Munition vom Typ PAC-2 und -3 für Patriot-Systeme. Viele dieser Abwehrraketen wurden von den USA und ihren Verbündeten am Golf im Krieg gegen Iran verbraucht. Nach einem Friedensschluss könnten die übrigen Raketen und Systeme an die Ukraine umgeleitet werden.
Braucht Russland den Iran als Technologie- und Öllieferanten?
Das ist so. Der Iran sucht gerade nach neuen Abnehmern und Lieferketten. Noch gibt es keine großen Pipelines, um Öl über Land an China oder Russland abzugeben. Dennoch gibt es Mittel und Wege und Russland hat da gerade gewisse Engpässe.
Aus Kiew erreichten uns am Morgen Bilder vom brennenden und offenbar teilweise zerstörten Höhlenkloster. Wie ist der Vorgang einzuordnen?
Putin hat gesagt, dass Russland seine Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur verstärken wird, um zukünftige Angriffe auf Russland zu verhindern. Bisher haben wir alleine im Juni zwei schwere Luftangriffe gesehen, nämlich in den Nächten zum 2. und zum 15. Juni. Die Folgen sind gravierend, weil ein Teil der Marschflugkörper und ballistischen Raketen in Kiew einschlägt.
Russland hat das bekannte Höhlenkloster getroffen?
Darüber tobt nun ein Kampf um Informationshoheit: Kiew spricht von einem gezielten Angriff der Streitkräfte der Russischen Föderation. Moskau verbreitet hingegen in seinen sozialen Netzwerken, dass es sich um eine fehlgeleitete Fliegerabwehrrakete vom Typ PAC-3 gehandelt habe. Man darf dabei aber nicht vergessen und das muss klar gesagt werden: Der Auslöser des Gesamten ist natürlich Russland mit seinem Angriff auf Kiew.
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Moskau behauptet, dass es sich um eine Patriot-Rakete gehandelt habe, deren Verwendbarkeit schon abgelaufen gewesen sei. Ist eine so konkrete Behauptung kurz nach dem Angriff plausibel?
Da stellt sich die Frage, wie Russland so schnell zu so einer konkreten Aussage kommen kann. Unabhängige Stellen können anhand von Trümmerteilen und Satellitenbildern das Geschehen nachzeichnen. Das Ergebnis muss man nun abwarten.
Haben Abwehrraketen ein Haltbarkeitsdatum?
Um sie sicher einzusetzen, haben Abwehrraketen eine gewisse Verwendungsdauer. Dann muss überprüft werden, ob technisch alles in Ordnung ist. Wenn ja, bleiben sie in der Verwendung. Ich gehe davon aus, dass die Ukraine allen Knappheiten zum Trotz solche Überprüfungen einhält. Aber was wir auf beiden Seiten immer wieder beobachten: Die Abwehr feindlicher Geschosse kann dennoch zu unbeabsichtigten Zerstörungen am Boden führen. Beim russischen Luftangriff am 2. Juni gab es ein spektakuläres Video, in dem ein russischer Marschflugkörper von einer Patriot-Fliegerabwehrrakete getroffen wird. Er gerät daraufhin ins Torkeln und schlägt in ein ziviles Gebäude ein, das ursprünglich nicht anvisiert war.
Wie entwickelt sich das Kräfteverhältnis zwischen der ukrainischen Fliegerabwehr und der russischen Produktion immer neuer Angriffswaffen?
Die auf iranischer Konstruktion basierenden russischen Geran-2 und Geran-5-Drohnenmodelle kommen bei den großen Luftangriffen zu Hunderten zum Einsatz. Nachdem Russland hiervon im vergangenen 70.000 Stück produziert hatte, sollen es in diesem Jahr schon 130.000 sein. Hinzukommen Marschflugkörper und Raketen, von denen Russland pro Monat etwa 130 produziert sowie Spezialwaffensysteme wie die Mittelstreckenrakete Oreschnik, von der Russland etwa zehn pro Monat fertigstellt. In der Summe ist das enorm viel, weil das die Ukraine alles abschießen muss. Bei einer Abschussquote von 80 bis 90 Prozent bei Geran-Drohnen schlägt immer noch eine relevante Stückzahl auf ukrainischem Boden ein. Vor allem die ballistischen Raketen und Marschflugkörper mit ihren viel schwereren Sprengkörpern kommen in zu hoher Zahl durch.
Beeinträchtigen die vielen ukrainischen Angriffe tief im russischen Hinterland die Drohnen- und Raketenproduktion so gar nicht?
Es gelingt Russland weiterhin, die Produktionskapazitäten für besonders schwer abzuwehrende Raketen zu erhöhen. 2023 schlugen im gesamten Jahr noch 74 ballistische Raketen in der Ukraine ein, 2025 waren es 600 und allein im laufenden Halbjahr zählen wir schon 400 russische Marschflugkörper. Russland produziert dieses Jahr womöglich mehr Marschflugkörper und Raketen, als die USA PAC-3-Abwehrraketen herstellen. Man kann dieses Jahr mit bis zu 900 Marschflugkörper und Raketen rechnen.
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Ist Russlands Produktionssteigerung ohne China erklärbar?
Nein. Ein anderes Beispiel für ein Waffensystem, das auf der gefechtstechnischen, taktischen Ebene momentan dominiert: die glasfasergesteuerte Drohne, die beide Seiten einsetzen. Die Chinesen liefern circa 60.000 bis 70.000 von diesen Glasfaser-Spulen pro Monat plus die Maschinen, um diese Spulen zu produzieren. Und das macht einen Riesenunterschied. Noch trauriger: Wenn man die Bauteile der eingeschlagenen Marschflugkörper und ballistischen Raketen analysiert, findet man immer Teile aus westlicher Produktion. Trotz Sanktionen gelangt Russland weiter an wichtige Bauteile.
Kleiner Themensprung: Mit ihren Drohnen mittlerer Reichweite schränkt die Ukraine erfolgreich die russische Logistik in den besetzten Gebieten ein. Das gilt insbesondere für die Krim sowie für die besetzten Gebiete nordwestlich und nordöstlich der Krim. Wird ein ukrainischer Gegenangriff zur Option?
Das erste und wichtigste Ziel der ukrainischen Luftkampagne lautet, das Narrativ des Kreml zu brechen, demzufolge der Krieg irgendwo weit entfernt stattfindet. Wie schnell dieser Krieg bei ihnen sein kann, lernen die Bewohner von Moskau und St. Petersburg gerade. Zweitens geht es darum, die Verfügbarkeit von Treibstoff einzuschränken. Drittens versucht die Ukraine umzusetzen, was sie schon im Rahmen ihrer gescheiterten Sommeroffensive 2023 versucht hatte.
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Nämlich?
Es geht darum, einen Keil in die besetzten Gebiete zu treiben, um die Versorgung der Krim und der besetzten Gebiete nordwestlich der Halbinsel zu unterbrechen. Die Brücke von Kertsch ist wegen der ukrainischen Angriffe nur eingeschränkt nutzbar. Deshalb braucht Russland für seine Logistik die Straßen und Eisenbahnen durch die besetzten Gebiete entlang des Asowschen Meeres. Die liegen nun aber unter Drohnenbeschuss. Insbesondere Engstellen wie in Tschonhar geraten ins Visier. Die Russen haben deshalb Pontonbrücken errichtet, aber auch die werden angegriffen.
Was passiert, wenn Russland die besetzten Gebiete nördlich und nordwestlich der Krim nicht mehr versorgen kann?
Die Ukraine könnte versuchen, mit amphibischen Kräften in den besetzten Gebieten nordwestlich der Krim anzulanden. Das hat sie bislang vergeblich versucht, doch die russischen Truppen geraten da erkennbar in eine zunehmend prekäre Versorgungslage. Für die Ukraine wäre eine erfolgreiche Landung auf der anderen Seite des Flusses Dnipro vor allem ein Publicity-Erfolg, der ihr internationale Aufmerksamkeit bescheren könnte – und damit weitere Unterstützung.
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Im Donbass hingegen ist kein Nachgeben Russlands zu erkennen. Ist die russische Sommeroffensive in vollem Gange?
Ja, das zeigt sich in den Schwergewichtsräumen entlang des ukrainischen Festungsgürtels, der von Kostjantyniwka über Kramatorsk und Slowjansk hinaufreicht. Vor allem die Kämpfe um Kostjantyniwka werden sehr hart geführt. Die Russen behaupten, dass sie mindestens 60 Prozent der Stadt unter Kontrolle hätten. Die Ukrainer halten dagegen, aber auch in den ukrainischen sozialen Netzwerken kann man erkennen, dass die Situation dort sehr schwierig ist. Russlands Elite-Drohneneinheit Rubikon setzt die ukrainische Logistik schwer unter Druck. Das schränkt die Versorgung der in Kostjantyniwka kämpfenden Ukrainer ein. Russland will dort diesen Sommer erkennbar vorankommen und die Zange vom Süden her enger machen. Die Nordzange um den Festungsgürtel bei Lyman konnte die Ukraine durch begrenzte Gegenangriffe zurückdrängen. Doch auch dort führt Russland neue Kräfte heran und versucht, südwärts in Richtung Slawjansk vorzustoßen. Es steht ein heißer Sommer bevor.
Mit Markus Reisner sprach Sebastian Huld

