News: »Letzte Generation«, Volker Wissing, Michael Kretschmer, Markus Söder, Boris Palmer
Laut
Guten Morgen! Hoffe, Sie hatten ein schönes, verlängertes Wochenende! Ich hatte es!! Aus Gründen von Leidenschaften mir nahestehender Personen habe ich einen Dinosaurierpark vor den Toren der großen Stadt besuchen dürfen. Neben den riesigen Plaste-Dinos auf Blumenwiesen hat mich der rabiate Einsatz von Ausrufezeichen dort beeindruckt.
Schon der »Online-Check-In« am Eingang wies mit »!!!« darauf hin, dass dort der »Online-Check-In« sei. Und so ging es weiter. Im Dinopark war alles, zacki bum backi!, geregelt und gesagt mithilfe dieses doch noch relativ jungen Satzzeichens (gerade mal ein paar hundert Jahre in der deutschen Sprache unterwegs; und es gibt Schreibmaschinen, die haben nicht mal ein Ausrufezeichen).
Den Höhepunkt im Park markierte ein Plakat, das einen furchterregenden Tyrannosaurus Rex zeigte (Maul geöffnet!!!), der seinen Appell direkt an die kleinen Menschen richtete: »Liebe Kinder! Uns bitte nicht mit Steinen bewerfen!« Darunter ein kleines, rotes Schild: »Bitte keine Rehkitze anfassen!«
Es ging also laut zu bei T-Rex und den Rehkitzen und ich fragte mich, ob wir Deutschen in den vergangenen Jahren womöglich die Weltspitze bei der Schreierei in Schriftform übernommen haben? Der Wutbürger (»!!!!1!111!!«) schließlich geht ja auch auf unsere Kappe.
»Verzweifelte Schriftgebärde, die vergebens über die Sprache hinaus möchte«, so nannte Theodor Adorno das Ausrufezeichen. Na ja, thank you, Captain Obvious. In dieser Morgen-Lage werden Sie dennoch Leuten begegnen, die mit dem Ausrufezeichen über die Sprache hinaus Politik zu machen suchen. Es wird laut.
Klebrig
Kurz nach Mittag empfängt heute Bundesverkehrsminister Volker Wissing von der Partei der Autofahrer (die eigentlich FDP sein will) Vertreter der »Letzten Generation« vom Autoblockierer-Kollektiv (die eigentlich Klimaschützer sein wollen).
Ob sie sich im Ministerium vorbereitet haben für den Fall des Klebefalls? Oder ist ein regelbasierter Gedankenaustausch zu erwarten?
Angebahnt hat sich die Zusammenkunft, was man so hört, über Twitter: »Wir sind bereit für ein Treffen«, schrieben die einen. »Über Klimaschutz reden und ringen: ja. Über Blockaden anderen den eigenen Willen aufzwingen: nein!«, schrieb der andere zurück. (Ausrufezeichen, haben Sie gemerkt, gell…).
Und wer redet, der klebt bekanntlich nicht. Ab circa 14 Uhr können Berliner Zahnärzte und Anwältinnen Mittagspause machen und eine schnelle, sorgenfreie Runde über die Stadtautobahn drehen. (Klar, Journalisten und alle übrigen Berufsgruppen auch).
Im Ernst: Für beide Seiten kann das Treffen im besten Fall ein Realitäts-Check sein. Für Wissing und Co., weil sie sich in den vergangenen Wochen doch arg eingeigelt haben in ein Freund-Feind-Denken inklusive schräger historischer Vergleiche – als kämen die frühen Dreißigerjahre mit ihren Straßenschlachten zurück. Und für die »Letzte Generation«, weil Kritik und Protest naturgemäß am besten bei jenen hinterlegt werden, die die Macht haben, auch irgendwas zu entscheiden. Und nicht bei den Leuten im Berufsverkehr.
Womöglich geht es vielen unter Ihnen so wie mir: Ich habe grundsätzlich Sympathie für das Anliegen der Gruppe – also Klimaschutz, logisch – kann aber mit deren Selbstüberhöhung nichts anfangen. Sie hat auch etwas Antidemokratisches. Wer Menschen mitnehmen will, der muss sie überzeugen – und nicht gegen sich (und das Anliegen) aufbringen.
Der CDU-Chef etwa weiß diesen schweren, strategischen Fehler der »Letzten Generation« (und die Sprachlosigkeit und Sprachverwirrung der regierenden Grünen) politisch zu nutzen. Friedrich Merz sucht all jene abzuholen, die sich überfordert und bedrängt fühlen. Das Argument, die Zeit laufe ab, in der Klimaschutzmaßnahmen noch den nötigen Erfolg haben könnten, teile er »ausdrücklich nicht«, versicherte er jüngst der »Zeit«. Und weiter: »Es ist eben gerade nicht so, dass morgen die Welt untergeht. Wenn wir in den nächsten 10 Jahren die Weichen richtig stellen, sind wir auf einem guten Weg.«
Das wirkt wie ein antibürgerliches Sentiment bei Merz, denn wie ging er noch, dieser bei allen Konservativen (während meiner Schulzeit) so beliebte Spruch: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! (Könnte man auch mit zwei Ausrufezeichen machen). Aber mehr noch, das ist Realitätsverweigerung. Es erinnert an Kinder, die sich die Augen zuhalten, wenn sie nicht gesehen werden wollen. Man mag auf diese Weise Stimmanteile maximieren, womöglich sogar die eine oder andere Landtagswahl gewinnen. Aber Politik? Ist das nicht.
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Radikalisierte Kritik an der »Letzten Generation«: Nazis, Taliban, Feinde der Demokratie!?
Provokant
Die Grünen verlieren einen ungeliebten Lautsprecher: Nach dem x-ten selbst provozierten Eklat hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer übers Wochenende offenbar erkannt, dass es nun endgültig vorbei ist mit ihm und seiner Partei.
Wie meine Kollegin Christine Keck berichtet, hat er am Montag der Grünen-Führung in Baden-Württemberg seinen Parteiaustritt mitgeteilt. »Ich möchte damit vermeiden, dass die aktuellen Diskussionen um mich eine weitere lang anhaltende Belastung für die Partei werden, für die ich seit 1996 mit viel Herzblut gekämpft habe«, schrieb er demnach in einer E-Mail.
Was war geschehen? Palmer hatte vor und während einer Migrationskonferenz am Freitag mehrfach das rassistische N-Wort verwendet und sich gegenüber seinen Kritikern noch als Opfer geriert: »Das ist nichts anderes als der Judenstern. … Wenn man ein falsches Wort sagt, ist man für euch ein Nazi.«
In einer weiteren, persönlichen Erklärung schrieb nun Palmer am Montag: »So geht es nicht weiter.« Die wiederkehrenden Shitstorms könne er seiner Familie, seinen Vertrauten und Unterstützern nicht mehr zumuten. Die jüngsten Ereignisse in Frankfurt hätten ihm gezeigt: »Wenn ich mich zu Unrecht angegriffen fühle und spontan reagiere, wehre ich mich in einer Weise, die alles nur schlimmer macht.«
Er wolle nun »professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und den Versuch machen, meinen Anteil an diesen zunehmend zerstörerischen Verstrickungen aufzuarbeiten«.
Das klingt nach einer guten Idee.
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Tübinger Oberbürgermeister: Boris Palmer tritt bei den Grünen aus
Höfisch
Der Reigen geht weiter. Nach dem Besuch des nordrhein-westfälischen CDU-Ministerpräsidenten und möglichen Kanzlerkandidatenkonkurrenten Hendrik Wüst am Hofe Söder reist heute der sächsische CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer samt Landeskabinett zum freundschaftlichen Besuch nach Bayern.
Während aber Wüst noch pompös in der Münchner Residenz empfangen wurde, empfängt CSU-Regent Markus Söder den Sachsen im Landratsamt (!) von Wunsiedel (!!). Das liegt in Oberfranken (!!!), ist also nur Beutebayern, das sich Söders Vorgänger im Zusammenspiel mit Napoleon 1806 einverleibt haben.
Aber egal, erstens ist Söder ja selbst Franke und zweitens würde Michael Kretschmer wohl eher russischer Honorarkonsul als Kanzlerkandidat.
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K-Frage in der Union: Und plötzlich hat Friedrich Merz einen neuen Rivalen
Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:
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Mehr als 20.000 Russen seit Dezember bei Bachmut getötet: In den vergangenen fünf Monaten sind nach Informationen der USA 100.000 russische Soldaten bei Kämpfen um Bachmut verletzt oder getötet worden. Trotz der hohen Verluste habe Russland dabei kein »strategisch wichtiges Territorium« erobert.
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Ukraine sieht »alles bereit« für Frühjahrsoffensive: Der Gegenschlag der Ukrainer kann laut offiziellen Aussagen jederzeit losgehen. Man werde entscheiden, »wie, wo und wann« man zuschlage, sagte Verteidigungsminister Resnikow – und nannte eine Forderung für die Zeit nach der Rückeroberung.
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Warum die Ukrainer Alexander Puschkin vom Sockel holen: Seit Kriegsbeginn bauen Ukrainer russische Denkmäler ab und benennen Straßen um. Nun verbietet Kiew Symbole des russischen Imperialismus per Gesetz. Das gefällt nicht allen, aber zerstreiten wollen sich die Ukrainer deshalb nicht.
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Die Startfrage heute: Zum Geschäftsbereich welches Ministeriums gehört das Bundeskriminalamt?
Gewinnerin des Tages…
… ist die Kunst. Denn wenn die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter komplett überwunden wird, dann entsteht etwas Neues. Oder es verschwindet etwas. So wie die Banane im Kunstwerk »Comedian« von Maurizio Cattelan, das derzeit in Seoul ausgestellt wird. Letzte Woche verleibte sich der Kunststudent Noh Huyn-soo die Frucht ein.
Nachher sagte der Mann: Er habe sich gefragt, ob man es nicht auch als Kunstwerk interpretieren könnte, wenn man ein »modernes Kunstwerk zerstört«? Tja. Und mit dem Fragezeichen endet diese Morgen-Lage.
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Einfach nur hungrig? Student pult Kunstwerk von der Wand und isst es auf
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Zahlungsunfähigkeit der USA droht bereits am 1. Juni: Ohne eine höhere Grenze für staatliche Kredite könnten die USA schon in wenigen Wochen zahlungsunfähig sein, warnt Finanzministerin Yellen. Die Republikaner wollen den Druck nutzen, um Präsident Biden zu Einsparungen zu zwingen.
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24-Jähriger erliegt Schussverletzung – zwei Festnahmen: Im nordrhein-westfälischen Lüdenscheid ist auf einen Mann geschossen worden, er starb im Krankenhaus. Die Polizei nahm zwei Tatverdächtige fest, sie sind 15 und 18 Jahre alt. Eine Mordkommission ermittelt.
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Polizei nimmt betrunkenen »Boris Johnson« fest: Polizisten in Groningen haben das Auto eines Betrunkenen durchsucht: Sein »Führerschein« war auf den Namen Boris Johnson ausgestellt, bis ins Jahr 3000 gültig und mit einem Foto des britischen Ex-Premiers versehen.
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Vom Erdloch bis zur Luxusvilla: Bauern, Bettler, Edelleute: Wie jemand sozial aufgestellt war, erkannte man von jeher schon daran, wie er oder sie wohnte. Im Prinzip ist das heute noch so – wenn auch weniger eindeutig als früher.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Sebastian Fischer, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

