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News des Tages: Corona-Impfstoff, Grünen-Parteitag, Wirecard

November 20
21:46 2020

1. Vorbereitschaft

»Wir sind bereit.« Als die SPD mit Gerhard Schröder in den Wahlkampf zog, war Instagram noch nicht erfunden. Die Partei ließ die drei Worte nebst Konterfei des Kandidaten auf Plakate drucken, auf Broschüren und, ganz modern, auf Telefonkarten. (Für die Jüngeren: Mit Telefonkarten konnte man in Telefonzellen bezahlen. In Telefonzellen konnte man… ach egal. Zum iPhone-Test geht's hier entlang.)

»Wir sind bereit.« Mit den Worten werben jetzt die Grünen in Instagram-Videos von Annalena Baerbock und Robert Habeck. Bei ihrem Onlineparteitag wollen sich die Grünen heute und am Wochenende als neue Kraft für eine neue Zeit präsentieren. Die Bundestagswahl und sechs Landtagswahlen stehen 2021 an, darunter Baden-Württemberg, wo bislang der erste und einzige grüne Ministerpräsident regiert.

Wie bereit ist die Partei wirklich, dem pragmatischen Führungsduo zu folgen? Ein neues Grundsatzprogramm soll her, es muss genug Ideale für friedensbewegte Traditionalisten enthalten und genug Pragmatismus für künftige Koalitionen erlauben, idealerweise im Bund. Es darf Genskeptiker wie Homöopathen nicht abschrecken und soll »Fridays for Future«-Aktivisten wie Klimaforscher überzeugen. »Bisher kam der Pro-Regierungs-Kurs von Habeck und Baerbock gut an«, sagt meine Kollegin Valerie Höhne. »Mal sehen, ob sie auch die strittigen Abstimmungen gewinnen – diese Ergebnisse werden das Stimmungsbarometer sein.«

Und wie bereit sind die Wählerinnen und Wähler, die Partei in eine künftige Regierung zu wählen? In Umfragen liegen sie hinter der Union, aber vor der SPD. Schafft es eine Grüne oder ein Grüner vielleicht trotzdem ins Kanzleramt? Immerhin haben es Gerhard Schröder und seine Frau zu Instagram geschafft.

  • Valeries ganze Analyse lesen Sie hier: Zu allem bereit

  • Und hier lesen Sie, wie sich Union, SPD und Linke für einen harten Konkurrenzkampf rüsten: Alle gegen die Grünen

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2. Corona zwischen Lego und »Candy Crush«

Der Corona-Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und des US-Unternehmens Pfizer dürfte tatsächlich in wenigen Wochen verfügbar sein, vielleicht schon ab Mitte Dezember. Heute haben die Firmen eine Notfallzulassung in den USA beantragt. Das Mittel wird also wohl zuerst US-Amerikaner schützen. Wenn alles gut läuft, kann es aber in der zweiten Dezemberhälfte auch in Europa eingesetzt werden.

In Deutschland sollen bis Jahresende Hunderte Impfzentren entstehen, in denen bis zu 20.000 Menschen pro Tag den ersehnten Piks bekommen können. Um die Logistik kümmern sich Leute wie Albrecht Broemme, ehemaliger Chef des Technischen Hilfswerks. Er hat im Frühjahr in den Berliner Messehallen eine Notfallklinik aus dem Boden gestampft. Nun soll er in der Hauptstadt sechs Impfzentren aufbauen. Das Modell dafür hat Broemme aus Lego gebaut, wie er meinem Kollegen Hubert Gude zeigte. (Mehr zu den Vorbereitungen auf die Massenimpfung lesen Sie hier.)

Vorher, voraussichtlich am Mittwoch, entscheiden Kanzlerin und Ministerpräsidenten, wie lange der Shutdown noch dauern soll, ob sie mehr Laxheit wagen können oder mehr Strenge verordnen müssen. Seit März ist diese Runde das Zentrum der Politik gegen die Pandemie in Deutschland. Ein SPIEGEL-Team um meine Kollegen Christoph Hickmann und Dirk Kurbjuweit hat recherchiert, wie es dort zugeht, wie sich die Politiker in dem Kreis verhalten. Wie einer manchmal »Candy Crush« spielt, wenn er sich langweilt. Und wie ein anderer manchmal den Ton ausstellt, weil er das alles nicht mehr hören mag. Es sind Einblicke in den wichtigsten Chatroom der Republik.

»Man stellt sich Politik ja gern als kühl funktionierende Maschine vor, hochprofessionell, auf Effizienz getrimmt, gerade in diesen Zeiten«, sagt Christoph. »Und man weiß zwar, dass es nicht so ist, weil da Menschen am Tisch sitzen, die auf ihren Vorteil schauen und einfach auch gern recht behalten.« Überrascht hat ihn aber, wie sehr diese Runde von Emotionen und Befindlichkeiten getrieben ist: »Wie oft die eine genervt und der andere gekränkt ist, wie stark die Gruppendynamik insgesamt an eine Klassenfahrt erinnert.«

  • Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Angela Merkel und die wilde 16

3. Der Wireclan

Als aufmerksamer SPIEGEL- und Lage-Leser wissen Sie: Der Name Wirecard steht für den größten Wirtschaftsskandal der vergangenen Jahrzehnte. Meine Kollegen Tim Bartz und Martin Hesse hatten bereits den wundersamen Aufstieg des Finanzdienstleisters bis in den Deutschen Aktienindex mit Skepsis verfolgt.

Nun haben sie recherchiert, wie weit der Kreis der Verschwörer und Komplizen mutmaßlich reicht. Sie sind dabei auf skurrile Details gestoßen: Viele Millionen Euro verschwanden auf mysteriöse Weise, ein Topmanager bleibt wie vom Erdboden verschluckt, ein Geschäftspartner der Firma starb – dafür spielen plötzlich Söldner und das Treiben in einer Münchner Villa eine Rolle. Immer deutlicher wurde für Tim und Martin auch, dass der untergetauchte Jan Marsalek im Zentrum des Betrugs steht. (Die ganze Geschichte lesen Sie hier.)

Schon vor drei Jahren bemerkte eine Aufsichtsrätin, dass bei Wirecard etwas nicht stimmte. Sie schrieb damals einen Brandbrief, der erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangte. »Sie ist die verspätete Heldin des Skandals – und zugleich eine tragische Figur«, kommentiert Tim. Offensichtlich hatte sie seinerzeit nicht den Mut oder die Möglichkeit, die Missstände transparent zu machen. »Ihr Schicksal zeigt, was in den deutschen Chefetagen falsch läuft.«

  • Den ganzen Kommentar lesen Sie hier: Die verspätete Heldin des Wirecard-Skandals

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Weitere Strafzahlung für die AfD – diesmal über 72.000 Euro: Erst gestern erhielt die AfD wegen illegaler Parteienfinanzierung Sanktionsbescheide über 500.000 Euro. Nun folgt die nächste Strafzahlung. Nach SPIEGEL-Informationen geht es um einen dubiosen Unterstützerklub.

  • »Angriff auf das freie Mandat«: Am Mittwoch hatten AfD-Gäste im Bundestag Abgeordnete bedrängt und beschimpft. Nun beschäftigt sich das Parlament mit den Vorfällen. Vertreter der anderen Parteien greifen die Rechtspopulisten scharf an.

  • Verzweiflung in Tigray: Im Norden Äthiopiens verschärfen sich die Kämpfe, Experten warnen vor einem Zerfall des Riesenlandes. Die Zivilbevölkerung leidet immer mehr unter dem Krieg. Und niemand darf den Menschen helfen.

  • Udo Walz gestorben: Er coiffierte Angela Merkel und zahlreiche weitere Prominente. Der Starfriseur ist im Alter von 76 Jahren verstorben. Das teilte sein Ehemann mit.

Mein Lieblingsvideo heute: Lach- und Sachgeschichten

Humor, schwierige Sache. Soundeffekte in Videokonferenzen – alberne Zumutung oder willkommener Stimmungsaufheller? Wie ist es mit vermeintlich lustigen Hintergrundbildern? Ich frage für jemanden, dessen Humorverständnis vielleicht nicht nur von Tucholsky und Loriot geprägt ist, sondern Spuren von Hallervorden enthalten kann.

Weitgehende Einigkeit dürfte herrschen bei der These, dass es nicht schwer ist, über Micky Beisenherz zu lachen. Das würden wohl Freunde wie Feinde über den Gag-Autor sagen. Er ist der Mann hinter den feuilletongefeierten Dschungelcamp-Moderationen und für Gags bei Atze Schröder und Rüdiger Hoffmann verantwortlich. Außerdem präsentiert Beisenherz noch diverse TV-Sendungen und Podcasts.

Weitgehende Uneinigkeit herrscht bei der Frage, wie lustig die Corona-Werbespots der Bundesregierung »besonderehelden« sind. Mein Kollege Jonas Leppin hat darüber mit Beisenherz in unserem Videotalk »DER SPIEGEL fragt« gesprochen – und Beisenherz hat geantwortet. »Außerdem ging es auch um Cancel Culture und Dieter Nuhr«, sagt Jonas. Nicht uninteressant, schließlich hat Beisenherz mal für Nuhr Gags geschrieben.

Das ganze Video sehen Sie hier: »Die Briten feiern die Deutschen für ihren Humor – absurd«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Für Schwanensee war sie nicht weiß genug: Chloé Lopes Gomes war die erste schwarze Ballerina des Staatsballetts Berlin. Nächstes Jahr hört sie auf. Jetzt hat sie nichts mehr zu verlieren und macht öffentlich, worüber sie lange geschwiegen hat.

  • So kämpft Europa gegen Ungarn und Polen: Mit ihrem Widerstand gegen den EU-Haushalt stürzen Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński die Union in eine Krise und setzen Angela Merkel unter Druck. Werden die Blockierer von den Corona-Hilfen ausgeschlossen?

  • Was Negativzinsen für Sparer bedeuten: Viele Banken verlangen mittlerweile Geld von ihren Kunden, wenn diese zu viel Guthaben auf ihrem Konto bunkern. Wie kann man das verhindern?

Was heute nicht so wichtig ist

  • »The Crown«, vielleicht Staffel 11: Die britische Königin Elisabeth II., 94, und ihr Gemahl Prinz Philipp, 99, haben an ihrem 73. Hochzeitstag ein Foto von sich bei Instagram veröffentlichen lassen, das zeigen soll, wie sehr sie sich über eine Glückwunschkarte freuen, die ihre Urenkel George, 7, und Louis, 2, sowie ihre Urenkelin Charlotte, 5, gebastelt haben.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Wer mit 92 Jahren voller Tatendrang von einer Volksverhetzung zur nächsten schreitet, wird wohl auch noch rüstig genüg sein, dafür Verantwortung zu tragen.«

Cartoon des Tages: Drohung…

Und am Wochenende?

Könnten Sie, wenn Sie »The Crown« und »Babylon Berlin« und all die anderen guten Serien schon durchhaben, eine neue anfangen, nämlich den schwedischen Achtteiler »Liebe und Anarchie«. »Es geht um die Medienwirtschaft der Gegenwart, um Dichtkunst und sexuelle Obsessionen«, schreibt mein Kollege Wolfgang Höbel. Die Heldin ist eine ehrgeizige Unternehmensberaterin, die im Haurucktempo einen Traditionsverlag modernisieren und reif für die Übernahme durch einen weltweit operierenden Streamingkonzern machen soll. »Als kulturkritischer Dreh- und Angelpunkt für eine Netflix-Serie schon mal nicht schlecht«, findet Wolfgang. »Nebenbei ist ›Liebe und Anarchie‹ ein Lehrstück über den Kapitalismus, in dem – das ist originell – die Schurkenrollen nicht festgelegt sind.« (Die ganze Rezension lesen Sie hier. Die Serie läuft bei Netflix.)

Ihnen ein schönes Wochenende, herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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