Dieser Krieg ist gefährlicher als alles, was wir erlebt haben
Der Videoreporter Armand Soldin starb am Dienstag nahe Bachmut. Wir Journalisten, die wir aus dem Donbass berichten, schützen uns alle so gut wir können. Doch gegen russische Raketen helfen Helm und Weste nicht.
Nach allem, was wir bislang wissen, hat Armand Soldin entsetzliches Pech gehabt. Der 32 Jahre alte Videojournalist der französischen Agentur AFP starb am Dienstag, als er mit seinem Kollegen in Chassiv Yar recherchierte, dem Nachbarort der seit Monaten schwer umkämpften Stadt Bachmut. Eine russische Grad-Rakete traf ihn tödlich, die anderen blieben unverletzt.
Pech ist eine relative Größe, wenn man als Journalist über Kriege berichtet. Aber dieser Krieg ist anders als die meisten, die er und andere, darunter auch ich, in den vergangenen Jahren erlebt haben. Im Irak, in Syrien, Afghanistan, im Jemen, in Libyen, früher im Kosovo griffen jene, die auch auf uns schossen, mit leichteren und mit weniger Waffen an. Die häufigste und größte Gefahr für Journalisten bestand darin, mit Kalaschnikows, uralten Anti-Panzerraketen beschossen zu werden oder über einen vergrabenen Sprengsatz zu fahren.
Aber all dies existierte vor allem nahe der Front, die Kugeln reichten nicht weit, das Risiko wurde mit ein paar hundert Metern Distanz kalkulierbarer.
Niemand geht ohne Helm und Weste nach Bachmut
Nicht so in der Ukraine, jedenfalls nicht im Donbass, wohin Wladimir Putin das Gros der Männer, Geschütze und Granaten schickt, um diesen Teil der Ukraine zu erobern. Oder einzuäschern, wo das Erobern misslingt.
Täglich gehen manchmal Tausende Artilleriegranaten der russischen Truppen auf Bachmut und Umgebung nieder, dazu kommen die Angriffe mit Mehrfachraketenwerfern wie dem alten, nicht sehr zielgenauen Grad-System. Ganz zu schweigen von den Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen großer Reichweite, die Städte Hunderte Kilometer entfernt treffen. Der russische Söldnerführer Jewgenij Prigoschin mag öffentlich noch so laut über Munitionsmangel klagen – dass deswegen in und um Bachmut weniger verschossen würde, ist, Stand Dienstag, nicht der Fall.
Armand Soldin hat sich geschützt, wir haben uns geschützt, alle Journalisten, die im Donbass arbeiten, gehen dort nur mit schusssicherer Weste und Helm nach Bachmut oder in andere Kampfzonen. Jedenfalls habe ich vier Wochen in Bachmut keinen gesehen, der dies nicht trug. Es war ein Ritual, jeden Morgen an der letzten Tankstelle vor der grauen Zone möglicher Granateinschläge anzuhalten, Helm und Weste anzulegen, noch mal zu prüfen, ob das medizinische Notfallpack mit Aderpresse (um schweren Blutverlust zu stoppen), Kompressen, Medikamenten vollständig war.
Die entsprechende Plattenstärke einer Weste schützt auch vor direktem Beschuss. Sofern der Schütze nicht auf Gesicht oder Beine zielt. Aber vor einer Granate oder einer Grad-Rakete schützen einen keine Weste und kein Helm. Ein gutes Gehör hilft zu erkennen, wenn der Artilleriebeschuss näher kommt, die russischen Richtkanoniere die ersten Granaten abfeuern, nachjustieren und die Einschläge dem beabsichtigten Ziel näher kommen.
Rennen, schnell rückwärts fahren zu können, auf die Topografie der Umgebung zu achten, Gräben in der Nähe, mögliche Schusswinkel aus der Ferne, und darauf, ob noch andere Menschen auf der Straße sind – all das kann helfen.
Wie ein Schwarm aus dem Nichts
Doch irgendwo explodiert immer die erste Granate. Das Tückische an ihnen, jenseits der schieren Zerstörungskraft, ist ihre Reichweite: In anderen Kriegen war man drei, vier Kilometer von der letzten Linie entfernt relativ sicher. Bis dahin reichte keine Kugel. Aber wir haben es, just im Ort Chassiv Yar auf der Straße nach Bachmut, erlebt, dass jählings Granaten ein paar Hundert Meter hinter uns einschlugen, kilometerweit vom Abschussort entfernt. Detonieren Einschläge in der Nähe, kann man wegfahren, in einen Graben springen, in einem Haus, einer Ruine Schutz suchen vor den nächsten Einschlägen.
Grad-Raketen aber kommen wie ein Schwarm aus dem Nichts. Sie treffen nicht präzise, aber sind billig, und die russische Armee hat immer noch reichlich von ihnen in den Magazinen oder produziert sie nach.
Von einer Grad-Rakete getroffen zu werden, das ist entsetzliches Pech, das jeden treffen kann, der über diesen Krieg berichtet – egal, wie viel Erfahrung man hat, wie gut er oder sie sich schützt.

