Corona: Schwerkranke und Behinderte klagen gegen Jens Spahns Impf-Reihenfolge
Icon: vergrößernLungenpatient Bär:»Welche Wahl hatte ich?«
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Christian A. Werner / DER SPIEGEL
Einen Tag vor Silvester schöpfte Holger Bär Hoffnung, zum ersten Mal seit Monaten. Er wählte die 116 117. Unter der Rufnummer werden Termine für die Corona-Impfung vergeben.
Bär ist 53 Jahre alt. Seit seiner Kindheit leidet er am Williams-Campbell-Syndrom, einer angeborenen Fehlbildung der Lunge. Er ist seit seinem 19. Lebensjahr arbeitsunfähig, hat nur 20 Prozent des üblichen Lungenvolumens. Ein Sauerstoffgerät hilft ihm beim Atmen. Wenn er sich mit Corona infizieren und schwer erkranken würde, wären seine Überlebenschancen minimal.
All das erzählte er der Hotline-Mitarbeiterin, mit der er an jenem Tag telefonierte. Er wollte versuchen, einen Schutz vor Corona zu ergattern. »Welche Wahl hatte ich?«, fragt er.
Die Mitarbeiterin fand einen freien Termin im Impfzentrum Wolfen, Sachsen-Anhalt, wenige Kilometer von Bärs Wohnung entfernt. Am 11. Januar, 10.20 Uhr. Kurz danach bekam Bär eine Bestätigung per E-Mail.
Am 11. Januar wurde Bär von seinem Schwager zum Impfzentrum gebracht, es befindet sich in einer ehemaligen Filmfabrik. Bär stieg aus dem Auto, setzte sich in seinen Rollstuhl, schloss sein Sauerstoffgerät an und fuhr hinein. Drinnen legte er seinen Personalausweis vor. Nach einigen Minuten kam ein Amtsarzt. Er sagte, Bär gehöre nicht zur Gruppe mit höchster Priorität. Er könne Bär nicht impfen.

