Selenskyj sei “unverschämt”: Putin bittet Russlands Unternehmen, aus Moskau wegzugehen
Politik
Selenskyj sei "unverschämt"Putin bittet Russlands Unternehmen, aus Moskau wegzugehen
05.06.2026, 18:04 Uhr
Von Artur WeigandtArtikel anhören(06:32 min)00:00 / 06:32
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Auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg präsentiert sich Putin gewohnt selbstbewusst – und kritisiert Wolodymyr Selenskyj. Doch ein ungewöhnlicher Appell an Russlands Wirtschaftselite deutet auf Sorgen um die Verwundbarkeit Moskaus hin.
Wladimir Putin hat auf dem diesjährigen St. Petersburg International Economic Forum eine Rede gehalten, die in weiten Teilen vertraut klang: Russland gewinnt, der Westen verliert, die multipolare Welt kommt unaufhaltsam. In seiner gut zweistündigen Grundsatzrede wiederholte Putin seine bekannten Thesen: Russland als Teil einer Phalanx aufsteigender, antikolonialer Mächte, Europa und die USA auf dem absteigenden Ast und natürlich kein Nachgeben beim Krieg gegen die Ukraine. Ähnlich klang Putin bereits am Vortag, als er sich den Fragen internationaler Medienvertreter stellte. Diesmal aber hielt Putin diese Siegerpose nicht bis zum Ende seines Auftritts durch.
Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) überholten die G7 klar beim Beitrag zum globalen Wirtschaftswachstum, sagte Putin. Ihr Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt liege bei rund 40 Prozent, während die G7 unter 29 Prozent liegen. Fast die Hälfte des globalen Wachstums der vergangenen fünf Jahre stamme aus den BRICS-Ländern. Dieses Wachstum dürften weit überwiegend die Milliarden-Bevölkerungen Chinas und Indiens erwirtschaftet haben. In Russland wächst eigentlich nur noch der mit Staatsrubeln aufgepumpte Rüstungssektor.
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Weiter führte Putin aus: 65 Prozent der russischen Exporte werden inzwischen in Rubel abgewickelt. Soll sagen: Russlands Abhängigkeit vom Handel in Dollar sinke, Sanktionen verlören an Wirkung. Die Sanktionen des Westens und vor allem der "Diebstahl" russischer Reserven hätten die Position von Dollar und Euro irreversibel geschwächt. Jeder Staat könne jederzeit dasselbe Schicksal erleiden, warnte Putin. Die Vorwände für die westlichen seien beliebig – von geopolitischen Konflikten bis hin zu ideologischen Fragen. Die europäische Bürokratie nannte Russlands Machthaber "kurzsichtig und aggressiv", sie provoziere Chaos und versuche, immer mehr Länder hineinzuziehen. Das westliche System der Abhängigkeit und Ressourcenausbeutung sei am Ende.
Treffen mit Selenskyj mache "keinen Sinn"
Gegen Ende seines Auftritts aber reagierte der Kremlchef ungewohnt scharf auf den am Vortag übersandten, offenen Brief des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Kiew habe sich für eine öffentliche Debatte entschieden, was "völlig falsch" sei, kritisierte Putin. Zugleich behauptete er, Selenskyj habe ihn vor Kurzem über einen russischen Geschäftsmann um ein Treffen gebeten. Grundsätzlich habe er direkte Gespräche nie ausgeschlossen, sagte Putin. Er wolle jedoch nicht "von einem leeren ins andere Gefäß umfüllen" und damit ergebnislose Verhandlungen führen.
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Ein Gipfeltreffen dient aus seiner Sicht vor allem dazu, den Vormarsch der russischen Streitkräfte aufzuhalten. Zunächst müssten Lösungen für den Konflikt gefunden werden, bevor sich die Staatschefs träfen. Das Schreiben Selenskyjs bezeichnete Putin als "unverschämt". Er warf dem ukrainischen Staatschef vor, damit Bedingungen zu schaffen, die ein Treffen faktisch unmöglich machten. Statt auf den Vorschlag einzugehen, wandte er sich demonstrativ an die russischen Soldaten mit den Worten: "Arbeitet weiter, Brüder." Derzeit sehe er "keinen Sinn" in einem Treffen mit Selenskyj.
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Putin ging dabei nicht von sich aus auf das Schreiben ein. Die Bewertung platzte erst auf Nachfrage aus dem Publikum aus ihm raus. Selenskyj hatte am Vortag darin direkte Verhandlungen sowie ein persönliches Treffen in einem neutralen Land vorgeschlagen. Das Schreiben Selenskyjs hatte Putins Pressesprecher vor dessen Rede heruntergespielt: Man habe es zur Kenntnis genommen und Selenskyj könne "jederzeit nach Moskau kommen", wenn er es ernst meine.
"Moskau wird es verkraften"
Zwischen den Zeilen seiner Siegesrhetorik formulierte Putin einen Wunsch, der deutlich aus dem gewohnten Rahmen fiel: Die großen russischen Unternehmen und Staatskonzerne sollen Moskau verlassen und ihre Zentralen sowie wichtige Investitionen stärker in die Regionen verlagern. "Moskau wird es verkraften", sagte Putin sinngemäß.
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Die Formulierung klang fast wie eine vorsorgliche Entschuldigung – oder ein offenes Eingeständnis, dass er mit erheblichem Widerstand aus der Hauptstadt-Elite rechnet. Das erschien dann doch kurios, diese leise, aber deutliche vorgetragene Aufforderung an die russische Wirtschaftselite, die Hauptstadt zu verlassen.
Die große Frage: Ist dieser Appell wirklich nur wirtschaftsstrategisch motiviert – also der Wunsch nach einer ausgewogeneren regionalen Entwicklung und der Stärkung der russischen Peripherie? Oder spielen die anhaltenden ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffe auf Moskau und die Moskauer Region eine entscheidende Rolle?
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Offiziell wird ein solcher Zusammenhang nicht hergestellt. Dennoch ist der Zeitpunkt auffällig. Während die Hauptstadt und ihre Umgebung regelmäßig Ziel von Angriffen werden, fordert der Präsident plötzlich eine räumliche Streuung der wirtschaftlichen Machtzentren. Die Konzentration von Konzernzentralen, Managern und strategischer Infrastruktur in Moskau wäre in einem längeren Konflikt tatsächlich ein strategischer Schwachpunkt.
Ob dieser Aufruf in der Praxis Gehör findet und wie stark die Moskauer Elite dagegenhalten wird, dürfte eines der interessanteren innenpolitischen Themen der kommenden Monate werden. Denn mit seinem Nebensatz hat Putin unfreiwillig verraten: Selbst in Zeiten scheinbarer Unbesiegbarkeit ist ihm bewusst, dass nicht alles im Land so funktioniert, wie er es sich wünscht.

