Israel: Hamas-Terrorangriffe – NGO erhebt Vorwürfe gegen Agenturfotografen
Im Morgengrauen des 7. Oktober durchbrachen Terrorkommandos der Hamas und des Islamischen Dschihad die Grenzanlage zwischen dem Gazastreifen und Israel. Sie schwärmten in Ortschaften und Kibbuzim im Süden des Landes aus, wo sie etwa 1400 Menschen ermordeten. Die Todesschwadronen verwundeten Hunderte andere und verschleppten 242 als Geiseln in den Küstenstreifen am Mittelmeer, den sie beherrschen. Die Massaker gelten als schlimmste Verbrechen an Juden seit dem Holocaust; sie sind beispiellos in der israelischen Geschichte.
Die Terroristen filmten sich an jenem »schwarzen Samstag« streckenweise selbst. Material von Bodycams und Überwachungskameras ist ebenfalls erhalten. Schließlich hielten auch mehrere Pressefotografen aus dem Gazastreifen, die als Freiberufler für westliche Presseagenturen und Medien arbeiten, die Angriffe zum Teil fest. Solche Agenturfotos wurden von Medien in Deutschland und weltweit zur Dokumentation der Terrorangriffe vom 7. Oktober verwendet, auch vom SPIEGEL.
Die Arbeit dieser Fotografen ist nun Gegenstand von Vorwürfen, die die NGO »Honest Reporting « erhebt. Die Gruppe ist nach US-Recht registriert; ihre Mitarbeiter sitzen in Jerusalem. Sie verstehen sich als Medienbeobachter, die nach eigener Darstellung auf gegen Israel gerichtete Berichte aufmerksam machen.
In einem Bericht weist »Honest Reporting« auf die Arbeit der Fotografen am 7. Oktober hin. Einer von ihnen ist Hassan Eslaiah. Er veröffentlichte an jenem Tag mehrere Fotos für die Associated Press (AP), eine der international renommiertesten Nachrichtenagenturen.
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Eines davon zeigt einen brennenden israelischen Panzer am Grenzzaun sowie mehrere Männer, ganz offenbar aus Gaza, die auf das brennende Fahrzeug geklettert sind beziehungsweise dieses mit dem Handy filmen.
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Ein anderes Foto zeigt ein gutes Dutzend Männer, die meisten mit Fahrrädern, die laut Bildunterschrift in das Kibbuz Kfar Aza eindringen, den Schauplatz eines der schwersten Massaker.
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Auf weiteren Bildern sind bewaffnete Männer zu sehen, die laut Bildunterschrift vor einem Tor zum Kibbuz durch die Gegend laufen, sowie ein brennendes Haus in Kfar Aza.
Die NGO veröffentlichte zudem ein älteres Selfie, das Eslaiah in inniger Umarmung mit Yahya Sinwar zeigt, dem Chef der Hamas im Gazastreifen. Auf dem Foto scheint Sinwar Eslaiah einen Kuss auf die Wange zu drücken.
Ein anderer Fotograf, Ali Mahmud, machte demnach Fotos von der Verschleppung der deutschen Staatsbürgerin Shani Louk nach Gaza. In den sozialen Medien kursierte auch ein Video von ihrer Entführung: Die junge Frau liegt blutend und fast nackt in einem Truck. Sie wirkt leblos. Männer zerren an ihren Haaren und bespucken sie. Gut drei Wochen nach der Verschleppung bestätigte die Mutter der 22-Jährigen dem SPIEGEL den Tod ihrer Tochter.
AP und Reuters weisen auf den Zeitpunkt der Aufnahmen hin
Reuters, eine andere renommierte Nachrichtenagentur, veröffentlichte unter anderem die Fotos von Mohammed Fayq Abu Mustafa. Er fotografierte laut »Honest Reporting« unter anderem einen Mob, der sich auf den Körper eines israelischen Soldaten stürzt, der aus einem Panzer gezerrt wurde.
Die NGO nimmt Bilder wie diese zum Anlass, um heftige Vorwürfe gegen die beiden Agenturen zu erheben: Ob es wirklich denkbar sei, fragt die Gruppe in ihrem Bericht, dass die Fotografen so früh an einem Samstagmorgen zufällig am Grenzzaun auftauchten? »Oder waren sie Teil des Plans?« Beweise legte die NGO dafür keine vor.
Sowohl die AP als auch Reuters weisen die Vorwürfe kategorisch zurück. Sie hätten keinerlei Kenntnis von den Angriffen gehabt, ehe diese sich zutrugen, heißt es in Stellungnahmen der beiden Agenturen.
»AP verwendet Bilder, die von Freiberuflern auf der ganzen Welt aufgenommen wurden. Wenn wir Fotos von Freiberuflern akzeptieren, unternehmen wir große Anstrengungen, um die Echtheit der Bilder zu überprüfen und sicherzustellen, dass sie das zeigen, was behauptet wird«, teilt die Agentur mit. Ihre Aufgabe bestehe darin, Informationen über aktuelle Ereignisse auf der ganzen Welt zu sammeln, »wo auch immer sie sich ereignen, selbst wenn diese Ereignisse schrecklich sind und viele Menschenleben fordern«.
Beide Agenturen weisen zudem auf den Zeitpunkt hin, in dem die Aufnahmen entstanden. Die ersten Bilder, die die AP von Freiberuflern vor Ort erhielt, seien mehr als eine Stunde nach Beginn der Angriffe gemacht worden, heißt es in der Stellungnahme. Reuters teilt mit, dass die von der Agentur veröffentlichten Fotos »zwei Stunden nach dem Raketenabschuss der Hamas auf den Süden Israels« aufgenommen worden seien »und mehr als 45 Minuten, nachdem Israel erklärt hatte, bewaffnete Männer hätten die Grenze überschritten«.
Dass Agenturfotografen in diesem Zeitraum ohne vorheriges Wissen vor Ort gewesen sein können, erscheint angesichts der vergleichsweise kurzen Wege nicht unrealistisch. Schnell vor Ort zu sein, wenn relevante Ereignisse sich zutragen, gehört zur Aufgabe von Agenturfotografen. Auch ist die Dokumentation von Kriegsverbrechen durch Pressefotografen – selbst während diese sich zutragen – an sich nicht verwerflich, sondern wichtiger Teil des Berufs.
»Honest Reporting« wirft den Fotografen jedoch vor, weit darüber hinaus gegangen zu sein und ethische Grenzen überschritten zu haben. Die israelische Regierung machte sich die Vorwürfe zu eigen. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bezeichnete die Fotografen als »Komplizen bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, die gegen die Berufsethik verstoßen hätten. Benny Gantz, Ex-Verteidigungsminister und Mitglied des Kriegskabinetts, schrieb auf X, die Journalisten unterschieden sich »nicht von Terroristen und sollten als solche behandelt werden«. Israels früherer Uno-Botschafter Danny Danon sagte, die Fotografen würden einer Liste von Menschen hinzugefügt, die Israel »eliminieren« wolle.
»New York Times« nennt Vorwürfe »unwahr und empörend«
Palästinensische Aktivisten warfen der israelischen Regierung hingegen eine gezielte Kampagne gegen Journalisten aus Gaza vor. Diese sollten demnach gezielt diskreditiert werden, damit keine Informationen über den israelischen Feldzug im Küstenstreifen an die breite Öffentlichkeit gelangten. Ausländische Journalisten konnten bis vor Kurzem gar nicht aus dem Gazastreifen berichten. Seit einigen Tagen gestattet die israelische Armee den Zugang, das aber nur im Rahmen sogenannter »Embeds«, bei denen die Journalisten mit israelischen Einheiten unterwegs sind. Die Einreise nach Gaza für eigenständige Berichterstattung ist für Journalisten nicht möglich.
Seit Beginn der israelischen Militärschläge gegen die Hamas sind laut der NGO »Committee to Protect Journalists« mindestens 39 palästinensische Journalisten getötet worden – es handle sich um den tödlichsten Monat, seit man die Daten erhebe. Mehrere Journalisten in Gaza haben durch die Bombardierung Familienmitglieder verloren, darunter ein bekannter Korrespondent des Senders Al Jazeera, der vor der Kamera erfuhr, dass seine Frau, sein Sohn, seine Tochter und ein Enkel gestorben waren. Das Büro der Agentur AFP in Gaza wurde bei einem Angriff beschädigt.
Auf die Anschuldigungen von »Honest Reporting« teilte die Agentur AP außerdem mit, dass man mit einem Fotografen nicht mehr zusammenarbeite: mit Hassan Eslaiah – dem Fotografen, der sich auf einem Foto in inniger Umarmung mit einem Hamas-Anführer gezeigt hatte. Auf eine SPIEGEL-Nachfrage, weshalb man das Arbeitsverhältnis zum Freiberufler beendet habe, antwortete die Agentur nicht.
CNN teilte der israelischen Nachrichtenseite »ynet« gegenüber mit, dass er angesichts des Berichts ebenfalls seine Zusammenarbeit mit Eslaiah beendet habe. Der Fotograf hatte auch für den US-Sender als Freelancer gearbeitet, laut CNN aber nicht am 7. Oktober. Gleiches gilt laut »Honest Reporting« für die »New York Times«. Die Zeitung habe Eslaiah ebenso als Freelancer beschäftigt wie einen Fotografen namens Yousef Masoud. Masoud dokumentierte an jenem Tag mit seiner Kamera Fotos von brennenden Panzern auf israelischem Territorium.
»Die Anschuldigung, dass irgendjemand bei der ›New York Times‹ von den Hamas-Anschlägen gewusst oder Hamas-Terroristen während der Anschläge begleitet habe, ist unwahr und empörend«, schrieb die Zeitung in einer Stellungnahme . Es sei »leichtsinnig«, solche Behauptungen aufzustellen »und unsere Journalisten vor Ort in Israel und Gaza in Gefahr zu bringen«. »Honest Reporting« habe »vage Anschuldigungen« gegen Yousef Masoud erhoben, heißt es weiter. »Obwohl Yousef am Tag des Angriffs nicht für die Times arbeitete, hat er seitdem wichtige Arbeit für uns geleistet.« Es gebe keine Beweise für die Vorwürfe. Zu Eslaiah äußerte sich die Zeitung zunächst nicht.
Die »New York Times« schreibt: »Wir möchten die freiberuflichen Fotojournalisten verteidigen, die in Konfliktgebieten arbeiten und sich oft in Gefahr begeben müssen, um Zeugenberichte aus erster Hand zu liefern und wichtige Nachrichten zu dokumentieren. Dies ist die wesentliche Rolle einer freien Presse in Kriegszeiten. Wir sind sehr besorgt darüber, dass unbegründete Anschuldigungen und Drohungen gegen Freiberufler diese gefährden und ihre Arbeit untergraben, die dem öffentlichen Interesse dient.«

