USA: Tech-Chefs als Spitzenverdiener – die neue Geldordnung
Icon: vergrößernTesla-Chef Elon Musk
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Brendan Smialowski/ AFP
Der neue Chef der Walt Disney Company musste gleich zum Amtsantritt eine bittere Pille schlucken: Weil die Coronakrise dem Unterhaltungskonzern das Geschäft gründlich verdorben hat, erklärte CEO Bob Chapek den Verzicht auf die Hälfte seines Gehalts von 2,5 Millionen Dollar. Sein Vorgänger Bob Iger, der im Disney-Reich faktisch weiter das Sagen hat, ging noch weiter: Er strich das eigene Jahresgehalt von drei Millionen Dollar auf null zusammen.
In Armutsgefahr geraten die Disney-Chefs trotzdem nicht. Die Geste, mit der Disney eine flächendeckende Sparrunde im Konzern einleitete, beschränkt sich auf das reine Basisgehalt. Chapek kann deshalb immer noch mit einem Einkommen von voraussichtlich mehr als 20 Millionen Dollar rechnen. Iger kam einschließlich Boni und Aktienpakete im vergangenen Jahr auf Bezüge von 47 Millionen Dollar. 2018 waren es sogar 66 Millionen Dollar.
In die Rangliste der zehn bestbezahlten amerikanischen Manager schaffen es beide damit allerdings nicht.
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Ganz oben auf dem jüngsten Bloomberg Pay Index steht einer, dessen Dienste dem Unternehmen im vergangenen Jahr 593,3 Millionen Dollar wert waren: Elon Musk. Der Tesla-Chef hat auf ein reguläres Gehalt vollständig verzichtet und lässt sich stattdessen mit Aktienoptionen bezahlen, die an die Geschäftsentwicklung und den Aktienkurs gekoppelt sind. Die Wette des exzentrischen Entrepreneurs ist aufgegangen: An der Börse ist der kalifornische E-Autobauer inzwischen mehr wert als die Weltkonzerne Toyota oder VW.
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Auf dem zweiten Platz der Einkommensmillionäre folgt mit einigem Abstand Apple-CEO Tim Cook. Er kommt Bloomberg zufolge unter Einberechnung aller geldwerten Leistungen 2019 auf eine Vergütung von 133,7 Millionen Dollar.
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Auch Sundar Pichai von Alphabet, Satya Nadella von Microsoft und Robert Swan von Intel tummeln sich unter den Top 10.
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Dagegen machen sich die Banker, die in der Öffentlichkeit spätestens seit der Finanzkrise als überbezahlte Abzocker gelten, inzwischen rar: Ein einziger, Jonathan Gray, COO der globalen Investmentgesellschaft Blackstone, hat es in die Liste geschafft.
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Auch für die Chefs klangvoller Traditionsunternehmen wie Walmart, AT&T oder ExxonMobil gilt spitzenverdienstmäßig: Fehlanzeige. Was nicht heißt, dass sie mit kleinem Geld nach Haus gehen. 2019 lag die Vergütung der S&P-500-Firmenchefs im Median bei rund 14 Millionen Dollar. Nach Berechnung des linksgerichteten Economic Policy Institute (EPI) haben die Topmanager ihr Einkommen in den vergangenen 40 Jahren um 900 Prozent erhöht. Der typische Arbeiter hat derweil 12 Prozent mehr auf dem Lohnzettel.
Dass der amerikanische Aufstiegstraum inzwischen vor allem bei den Managern im Silicon Valley einzahlt, spiegelt die Weltsicht der Investoren. Sie gehen davon aus, dass es die Internetkonzerne sind, die künftig Amerikas Wohlstand – und ihren eigenen – mehren werden. Und Unternehmenschefs werden immer öfter nach Leistung bezahlt – einer, die sich trotz aller Kritik am Shareholder Value oft an der Steigerung des Aktienkurses bemisst.
Ed Yardeni, der Gründer der gleichnamigen Investmentberatung, hat die Übermacht der Techs an den Finanzmärkten anhand einiger Kennzahlen herausgearbeitet:
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Das Auf und Ab des S&P-Index der 500 größten US-Unternehmen hängt zunehmend von einer Handvoll Werte ab. Anfang Juli erreichten die sogenannten FAANGM – also Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google (Alphabet), Microsoft – einen Rekordbörsenwert von zusammen 6,5 Billionen Dollar. Die sechs Schwergewichte kommen damit auf 25 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung aller im Index vertretenen Unternehmen.
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Im Teilindex für den Kommunikationssektor ist das Gewicht von Alphabet, Facebook und Netflix mit 66 Prozent noch deutlich höher.
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Amazon räumt im Konsumwerteindex mehr als 50 Prozent der Marktkapitalisierung ab.
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Die Umsatzerwartungen der FAANGM sind seit 2015 um 115 Prozent gestiegen, während der Rest des S&P 500 nur einen Anstieg um 2,5 Prozent verzeichnete. Diese Wachstumsstory hat für die Börsianer hohen Sex-Appeal.
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Folgerichtig sind es vor allem die FAANGM, die den amerikanischen Bullenmarkt am Laufen halten. Seit 2012 ist ihre Marktkapitalisierung um 467 Prozent gestiegen, während der Rest des Felds nur 70 Prozent zulegte. Und die Erholung der FAANGM-Kurse nach dem Corona-bedingten Einbruch der Börsen Mitte März fiel wesentlich dynamischer aus.
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In einer Kategorie allerdings schneiden die Technologieunternehmen eher mäßig ab: Bei den sogenannten Value-Aktien, wo es auf harte gegenwärtige Fundamentaldaten ankommt, liegt die Old Economy vorn: Konzerne wie Walmart und Johnson & Johnson.
Doch die Anleger investieren in das Morgen, und "die derzeitige Rezession hat einige sehr sichtbare Gewinner", urteilt Yardeni. Das Geschäftsmodell aller sechs FAANGM-Unternehmen beruhe auf dem Internet.
Sie würden davon profitieren, wenn auch nach der Covid-19-Pandemie mehr Menschen zu Hause arbeiten, lernen und Filme gucken.
Allerdings stößt die wachsende Marktmacht der Techkonzerne auch auf wachsenden Widerstand. Am 27. Juli müssen die Chefs von Amazon, Apple, Google und Facebook vor einem Kartellausschuss des US-Repräsentantenhauses aussagen. Virtuell, versteht sich.
Die Gehälter der Techmanager allerdings stehen nicht auf der Agenda der Parlamentarier. Während die Wall Street zuverlässig Prügel für Gehaltsexzesse abbekommt, scheint es, als sei den neuen Spitzenverdienern ihr finanzieller Erfolg gegönnt. Sektoren "wie die Techindustrie kommen damit durch", kritisiert die Expertin Sarah Anderson vom Institute for Policy Studies.
Auf Platz fünf der Bloomberg-Liste der bestbezahlten Unternehmenschefs jedenfalls steht einer, dessen Namen die meisten Amerikaner wohl nicht einmal kennen: Sumit Singh, CEO von Chewy, einem Onlinehändler für Tiernahrung und andere notwendige Utensilien für den vierbeinigen Liebling. Sein Jahresgehalt 2019: mehr als 108 Millionen Dollar.
Icon: Der Spiegel

