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Merz macht Ukraine zum Partner: Ein Tag, der Putin abschrecken könnte

April 14
21:36 2026

Politik

Merz macht Ukraine zum PartnerEin Tag, der Putin abschrecken könnte

14.04.2026, 20:12 Uhr UnbenanntVon Frauke NiemeyerArtikel anhören(08:19 min)00:00 / 08:19

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Das kann dem Kreml nicht gefallen: Merz und Selenskyj im Gespräch (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Selenskyj in Berlin – nicht als Bittsteller, sondern als strategischer Partner. Für Deutschland bedeutet das Kosten, aber auch enorme Vorteile. Vor allem, wenn man Putin abschrecken will.

"Thank you so much, Friedrich", sagt Wolodymyr Selenskyj, als die Mikrofone schon ausgeschaltet sind und man eilig losgeht. Auf der großen Treppe im Kanzleramt sammeln sich die deutschen Minister und ihre Amtskollegen aus der Ukraine für das traditionelle Familienfoto. Für ein Dankeschön nach dem gemeinsamen Pressetermin muss aber noch Zeit sein. Schließlich hat Friedrich Merz als Regierungschef des inzwischen größten Ukraine-Unterstützers soeben eine strategische Partnerschaft mit dem Land im Krieg verkündet.

Was der Kanzler auf Selenskyjs Dank entgegnet, ist nicht mehr zu sehen. Passend erschiene so etwas wie: "We have to thank." Denn aus dem Land, das sich 2022, wenige Tage nach Beginn der Vollinvasion Russlands, noch artig für die Lieferung von 5000 deutschen Helmen bedankte, ist eine resiliente, militärisch starke und durch die Kampferfahrung taktisch enorm versierte Nation geworden.

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Selenskyj und Merz vor dem Kanzleramt (Foto: picture alliance / ROPI)

Wenn also Merz kurz zuvor am Rednerpult erklärt hat, die strategische Zusammenarbeit sei "nicht nur von Nutzen für die Verteidigung der Ukraine. Es ist auch von besonderem Nutzen für uns, für unsere Sicherheit", dann war das vermutlich nicht gönnerhaft oder höflich, sondern einfach ernst gemeint. Zugleich ein realistisches Fazit der kleinen bilateralen Leistungsschau, die das Team Kanzleramt für den Besuch aus Kiew optisch ansprechend im Erdgeschoss drapiert hatte. Selenskyj und Merz hatten sie zuvor gemeinsam angeschaut.

Sieben neu entwickelte Drohnen waren dort zu sehen, jeweils in deutsch-ukrainischer Zusammenarbeit und unter ziemlich straffen Zeitplänen entstanden – die Linsa 3.0 etwa transportiert Güter durch die Luft, die Babka klärt auf, der TerMit als unbemanntes Bodenfahrzeug evakuiert in unterschiedlichstem Gelände, die Anubis nimmt es mit gepanzerten Fahrzeugen auf, die STRILA soll russische Shahed-Kampfdrohnen abfangen.

Straffe Zeitpläne sind nicht unbedingt die Stärke der deutschen Rüstungsindustrie, was auch an der Menge von Vorschriften liegt, mit der die Produzenten auch im Jahr 5 nach der Zeitenwende noch immer hadern. Die Ukraine, in der quasi jede neu hergestellte Waffe vom Fließband weg direkt an die Front geht, hat die Bedingungen für die Produktion bis aufs unerlässliche Regel-Minimum entschlackt.

Die Ukrainer verlassen sich auf Iris-T

Davon profitieren die kooperierenden deutschen Hersteller, ebenso wie von dem direkten Feedback aus dem Einsatz. Denn nicht jede Drohne, die auf dem Übungsplatz eine gute Figur macht, erfüllt die Erwartungen dann auch an der Front. "Da gab es Software-Probleme oder auch Schwierigkeiten bei der Lenkung, wenn etwa über lange Distanz die Verbindung zur Drohne halten muss. Aber die meisten dieser Kinderkrankheiten sind inzwischen behoben", sagt der österreichische Militärexperte Gustav Gressel.

Was Deutsche und Ukrainer in den vergangenen zwei Jahren geschafft haben, kann sich also sehen lassen. Zudem hat sich die deutsche Flugabwehrwaffe Iris-T im selben Zeitraum zum zuverlässigsten und meist verwendeten System in der Luftverteidigung mittlerer Reichweite entwickelt. Das einzige System, für das kein Engpass bei der Munitionsversorgung besteht. Ein Umstand, den die Ukrainer enorm zu schätzen wissen.

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Viel mehr als das, was bereits geschafft wurde, muss aber noch passieren, und auch deshalb ist Selenskyj nach Berlin gereist. Denn im Jahr 2027 will die ukrainische Armee ein eigenes Fliegerabwehrsystem für die hohe Reichweite zur Verfügung haben. Auch da könnte Iris-T eine zentrale Rolle spielen. "Denkbar wäre, eine Rakete zur Abwehr ballistischer Raketen zu bauen, die mit Iris-T kompatibel wäre", sagt Gressel. Der Werfer des Iris-T-Systems könnte dann zusätzlich zu der bisherigen Munition für kurze und mittlere Reichweite auch noch neu entwickelte Abwehrmunition gegen ballistische Raketen mit hoher Reichweite abfeuern.

Um einen solchen völlig neuen Munitionstypen zu bauen, müssten die Ukrainer in die Interna des Systems eingreifen. Das heißt, für den deutschen Hersteller Diehl Defence müssten sie vom Kunden zum Partner werden. Aber würde Diehl das wollen?

Für Gressel hätte ein solcher Deal weit über den Ukrainekrieg hinaus Vorteile. Denn derzeit noch arbeiten viele europäische Länder mit dem Patriotsystem der USA. Eine europäische Lösung würde die Abhängigkeit vom US-Hersteller verringern. Ob eine solche Option heute in den Gesprächen konkret wurde, darüber drang noch nichts nach außen.

Ein gigantischer Datenschatz ist zu gewinnen

Während die Ukrainer auf deutsche und europäische Gelder setzen, ohne die sie bei der Masse an Kosten für Entwicklung und Produktion kaum handlungsfähig sind, profitiert Deutschland schon bald noch konkreter von den Erfahrungen auf dem Schlachtfeld. Was denkbar unspektakulär als "Einigung über Daten-Kooperation" in der neuen strategischen Partnerschaft geführt wird, kann in der Rüstungsindustrie einen enormen Erkenntnisgewinn umfassen.

"Die entwickelten Waffen sind darauf ausgerichtet, die aktuell eingesetzten Systeme der Russen zu kontern – ihre Abwehrwaffen, ihre Kampfjets, ihre Störsender", sagt Gressel. "Deutsche Unternehmen, die jetzt in der Ukraine tätig sind, gewinnen so einen gigantischen Datenschatz über russische Waffen für die Nachrichtendienstler", sagt Gressel.

So verwundert es nicht, dass – im Kanzleramt neben Selenskyj stehend – Friedrich Merz einen großen Teil seines Statements den Vorteilen widmet, die für die deutsche Seite aus der strategischen Partnerschaft ihrer Länder erwachsen. Keine Armee in Europa sei in den letzten Jahrzehnten im Kampf so erprobt worden wie die der Ukraine. "Keine Verteidigungsindustrie ist innovativer geworden als die der Ukraine", sagte Merz. "Mit unserer Unterstützung stärken wir damit zugleich die deutsche und europäische Verteidigungsfähigkeit und unsere industrielle Basis."

Das würde auch Gressel unterschreiben. Die taktischen Erfahrungen der ukrainischen Truppen mit der Anwendung neu entwickelter Waffen schätzt der Wissenschaftler inzwischen noch wertvoller ein, als ihr rein technisches Knowhow. "Auf den Bildern im Internet sehen wir das Endresultat – ein Bataillon, das ein Dorf angreift. Doch dahinter steht eine ganze Brigade, die das Drumherum koordiniert: Die Ausschaltung des russischen Drohnenteams, die elektronische Kampfführung, um den Überraschungsmoment sicherzustellen, all das, was überhaupt erst ermöglicht, dass ein Bataillon im gläsernen Gefechtsfeld einen Angriff durchführen kann", so der Experte. "Das kann die Bundeswehr auf einem Übungsplatz nur sehr schwer nachstellen. Aber von den Ukrainern kann sie es lernen."

Eine Botschaft für Putin

Das weiß auch Wladimir Putin, und es kann dem russischen Präsidenten nicht gefallen, wenn Selenskyj im Kanzleramt nicht als Bittsteller auftritt, sondern als strategischer Partner auf Augenhöhe. Das zu verdeutlichen, ist Friedrich erkennbar wichtig, und die Botschaft dahinter wird in Moskau wohl ankommen.

Wenn deutsche und andere europäische Soldaten von Erfahrungen aus erster Hand profitieren, würden sie bei einem potenziellen Angriff etwa auf einen Baltenstaat zum deutlich schwierigeren Gegner. Diesen Faktor dem Kreml bewusst zu machen, zum Beispiel durch strategische Partnerschaft mit Kiew, nennt man Abschreckung. "Die Bundeswehr kann sich so mehr Respekt verschaffen", sagt Gressel, "Wenn sie komplexe Operationen durchführen kann und über Gerät verfügt, dass gegen die Russen schon mal hart zugebissen hat."

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