Ukraine-Krieg: Großer Staudamm in Cherson zerstört – Kiew macht Moskau verantwortlich
Der Kachowa-Staudamm in dem russisch kontrollierten Teil der ukrainischen Region Cherson ist laut Angaben des ukrainischen Militärs von russischen Streitkräften gesprengt worden. »Das Ausmaß der Zerstörung, die Geschwindigkeit und die Menge des Wassers sowie die wahrscheinlichen Überschwemmungsgebiete werden derzeit geklärt«, schreibt das Kommando Süd auf seiner Facebook-Seite.
In sozialen Netzwerken kursieren Aufnahmen , die überflutete Gebiete zeigen. In der Oblast Cherson im Süden der Ukraine hat laut Angaben des Gouverneurs die Evakuierung von Gebieten in der Umgebung der Stadt Kachowka begonnen. »Innerhalb von fünf Stunden wird das Wasser einen kritischen Stand erreichen«, teilt der Gouverneur der Oblast Cherson, Olexandr Prokudin, am Morgen mit auf Telegram mit.
Dörfer am rechten Ufer des Dnipro sind ukrainischen Angaben zufolge von Überschwemmungen bedroht. Die Evakuierung aus diesen Gebieten erfolgt mit Bussen schon innerhalb der nächsten Stunden. Der russischen Agentur Tass zufolge könnten von der Sprengung des Damms Dutzende Orte betroffen sein. Der Wasserstand sei um fünf Meter gestiegen, und mehrere flussabwärts gelegene Inseln seien bereits vollständig überflutet, berichtete die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA am Morgen unter Berufung auf die örtlichen Behörden. 22.000 Menschen in 14 Siedlungen seien von Überschwemmungen bedroht, sagte der von Moskau eingesetzte Leiter der Region laut RIA.
Die russischen Besatzer weisen die Vorwürfe einer Sprengung zurück und machten ukrainischen Beschuss für die Schäden am Kachowka-Staudamm verantwortlich. Eine anonyme Quelle sagte der Nachrichtenagentur Tass, eine Mehrfachrakete habe den Staudamm getroffen.
»Das Wasser ist gestiegen«, sagte der von Moskau eingesetzte Bürgermeister in Nowa Kachowka, Wladimir Leontjew, staatlichen russischen Nachrichtenagenturen zufolge. Bislang gebe es aber keine Notwendigkeit, Zivilisten in Sicherheit zu bringen. Er sprach laut der Nachrichtenagentur Tass von einem »schweren terroristischen Akt«. Ihm zufolge könne die Zerstörung des Damms zu Problemen bei der Wasserversorgung der Krim führen. Die Angaben beider Seiten konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.
Laut russischen Angaben besteht durch den Einsturz des Damms keine unmittelbare Gefahr für das Atomkraftwerk Saporischschja. Das berichtet die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf einen von Russland eingesetzten Verwaltungsvertreter im besetzten Gebiet Saporischschja. Das AKW ist das größte Europas und steht seit Längerem unter russischer Kontrolle. Der 30 Meter hohe und 3,2 Kilometer lange Damm wurde 1956 am Fluss Dnjepr als Teil des Wasserkraftwerks Kachowka errichtet. Der dadurch gebildete Stausee fasst rund 18 Milliarden Kubikmeter Wasser und versorgt das AKW Saporischschja sowie die bereits 2014 von Russland annektierte Halbinsel Krim.
Die ukrainische Atomenergiebehörde Energoatom teilt die russische Einschätzung nicht. Sie sieht in der Zerstörung des Kachowka-Staudammes eine Gefahr für das Atomkraftwerk Saporischschja. Die Lage in dem AKW sei aber gegenwärtig unter Kontrolle, teilt Energoatom auf Telegram mit.
Selenskyj warnte bereits im vergangenen Jahr vor Zerstörung des Damms
Bereits in der Vergangenheit hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Russland vorgeworfen, den Staudamm vermint zu haben. Sollte der Damm brechen, würden 80 Siedlungen, darunter die Stadt Cherson, überflutet werden. »Der Nord-Krim-Kanal würde einfach verschwinden«, warnte der ukrainische Staatschef bereits im Oktober vergangenen Jahres. Dies wäre »eine Katastrophe großen Ausmaßes«.
Russland hat in der Vergangenheit bereits große Teile der Energie-Infrastruktur der Ukraine gezielt zerstört. Szenarien für die Zerstörung des Staudamms wurden bereits betrachtet. Laut diesen Prognosen würden bei einer Zerstörung etwa 80 Städte in der Region Cherson, die unterhalb des Staudamms liegen, mit einer Welle von 4,8 Metern für drei Tage überflutet. Besonders schwer träfe das Wasser Ortschaften am linken Ufer des Dnjepr, da dieses niedriger als das rechte liegt. Auch die Inseln im Flussdelta kämen unter Wasser. Die Infrastruktur wäre zu großen Teilen ruiniert, viele Tiere würden sterben. Die 18 Milliarden Kubikmeter Wasser des Stausees würden zu großen Teilen in Richtung Süden abfließen.
Wegen der Zerstörung des Kachowka-Staudammes hält der ukrainische Präsident Selenskyj eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheitsrats ab. Das teilt der Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Olexij Danilow, auf Twitter mit.
Die Zerstörung des Damms bestätige der ganzen Welt, dass die »russischen Terroristen« aus »jedem Winkel des ukrainischen Landes vertrieben werden müssen«, schrieb der ukrainische Präsident auf Twitter mit. »Nicht ein einziger Meter sollte ihnen überlassen werden, weil sie jeden Meter für den Terror nutzen.« Nur der Sieg der Ukraine werde die Sicherheit zurückbringen.

