Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

Pims-Syndrom: Lebensgefährliche Entzündungen bei Kindern nach Coronainfektion

April 08
00:56 2021
Bei infizierten Kindern gibt es oft keine Symptome – aber Folgen, wenn sie die Sars-CoV-2-Infektion hinter sich haben (Symbolbild) Bild vergrößern

Bei infizierten Kindern gibt es oft keine Symptome – aber Folgen, wenn sie die Sars-CoV-2-Infektion hinter sich haben (Symbolbild)

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

An Kindern und Jugendlichen geht das Coronavirus meist vorbei, ohne das es zu ernsthaften Symptomen oder überhaupt einer Erkrankung kommt. Doch seit einiger Zeit sind Kinderärzte alarmiert. Denn ein neuartiges Syndrom befällt manche Kinder – Wochen, nachdem sie eine Sars-CoV-2-Infektion hinter sich haben. Die Spätfolge geht mit heftigen Entzündungsreaktionen in verschiedenen Organen durch ein fehlgeleitetes Immunsystem einher, sie tritt zum Glück nur sehr selten auf. In Deutschland ist wohl nur eines von tausend infizierten Kindern betroffen.

Doch Pims, eine Abkürzung für »Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome«, erwischt die Betroffenen meist heftig. Oft liegen diese Kinder dann mit vielfältigen Beschwerden im Krankenhaus. In den USA kam es bereits im vergangenen Jahr zu Todesfällen im Zusammenhang mit der Krankheit. Dort haben Mediziner vom Center for Disease Control and Prevention (CDC), einer Behörde des amerikanischen Gesundheitsministeriums, nun eine umfassende Studie zu MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children), wie die Krankheit dort heißt, vorgelegt. Die Arbeit bestätigt das, was sich schon angedeutet hat: Die meisten Kinder, die an Pimps erkranken, zeigen bei einer vorangegangenen Infektion mit Sars-CoV-2 keine Symptome.

(Behalten Sie den Überblick: Jeden Werktag gegen 17 Uhr beantworten SPIEGEL-Autoren die wichtigsten Fragen des Tages. »Die Lage am Abend« – hintergründig, kompakt, kostenlos. Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail.)

Laut der Studie, die nun im Fachmagazin »JAMA Pediatrics« erschienen ist, wiesen ungefähr drei Viertel aus einer Gruppe von mehr als 1000 untersuchten Kindern und Jugendlichen vor ihrer Pims-Erkrankung keine typischen Covid-19-Symptome auf. Von 1075 Patienten, über die Daten vorlagen, hatten nur 265 typische Beschwerden. Die asymptomatischen Kinder waren in der Regel jünger, im Schnitt etwa acht Jahre alt, während das Alter der anderen im Mittel bei elf Jahren lag. Möglicherweise äußern sich die jüngeren Kinder aber nicht so häufig zu ihren Beschwerden, vermuten die Forscher.

Alle in der Studie untersuchten Kinder wurden in Kliniken behandelt, mehr als die Hälfe auf Intensivstationen. Sie erkrankten ungefähr zwei bis fünf Wochen nach einer Coronainfektion. »Wir nehmen an, dass die meisten Erkrankungen aus einer asymptomatischen oder milden Covid-19-Erkrankung heraus resultieren«, schreibt das Team um Ermias Belay vom Covid-19 Response Team der CDC.

Warum der Körper der Kinder so reagiert, ist noch nicht geklärt. Vermutlich handelt es sich um eine verzögerte immunologische Antwort. Die Entzündungsreaktionen scheinen dann aufzutreten, wenn sich die Antikörperproduktion gegen Sars-CoV-2 auf dem Höhepunkt befindet, schreiben die Forscher.

Von den mehr als 2000 Pims-Fällen, die der CDC gemeldet wurden, hatte die Studie rund 1700 aus dem Zeitraum März 2020 bis Januar 2021 untersucht (nur für 1075 lagen Angaben zur Covid-Symptomatik vor). 90 Prozent der Kinder litten unter gesundheitlichen Beschwerden, die mindestens vier Organe betrafen. Vor allem das Herz war betroffen. Unter den Beschwerden waren Herzmuskelentzündungen, niedriger Blutdruck oder Störungen der Herzfunktion, durch die es nicht mehr ausreichend pumpte.

Vor allem junge Patienten, die keine Covid-19-Symptome hatten, erlebten solche schweren Verläufe mit Herzproblemen. Allerdings leiden Kleinkinder unter fünf Jahren nicht so häufig unter heftigen Pims-Verläufen. Davon waren eher Kinder betroffen, die zehn Jahre oder älter waren. Insgesamt wurden in den USA 24 Todesfälle registriert. Es lagen keine Informationen zu Vorerkrankungen vor. Auch der Magen- und Darmtrakt war bei vielen betroffen. Zwei Drittel litten unter Erbrechen, Bauchschmerzen oder Durchfall. Dazu kamen Atemwegsprobleme, Fieber und Ausschlag.

Für Kinderärzte dürfte der Umstand, dass gerade Kinder und Jugendliche schwerer zu erkranken scheinen, die keine oder nur wenig Covid-Symptome gezeigt hatten, ihre Arbeit erschweren. In der Studie zeigte sich eine deutliche Übereinstimmung in der Häufung der Fälle mit den jeweiligen Coronawellen in den USA. Zwei Pims-Wellen seien zu erkennen, die wenige Wochen nach dem Anstieg der Fälle von Sars-CoV-2 zu verzeichnen waren. Steigen also die Fallzahlen insgesamt, sollten Eltern und Mediziner für Pims-Symptome sensibilisiert sein.

In Deutschland sind laut Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) derzeit 260 Pims-Fälle bei Kindern und Jugendlichen bekannt.Auch hier ergab sich eine Korrelation mit den Coronawellen bei zeitlicher Verzögerung. »Es zeigt sich ein Pims-Erkrankungsgipfel Ende Dezember 2020, der parallel zum Peak der Covid-19-Hospitalisierung bei Kindern und Jugendlichen aufgetreten ist«, schreibt die DGPI. Kinder mit Pims seien meist älter und eher männlich.

Immerhin kann die Krankheit relativ gut behandelt werden. Sie ähnelt teils dem sogenannten Kawasaki-Syndrom, einer seltenen, entzündlichen Krankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Gegen Pims werden beispielsweise Antibiotikatherapien durchgeführt. Kortison und Präparate aus Spender-Blutplasma helfen auch gut. Bisher blieben in rund zehn Prozent der Fälle bei Entlassung aus dem Krankenhaus Folgeschäden. Über tödliche Verläufe wurde hierzulande bisher nicht berichtet.

Allerdings beschreibt die DGPI ein Problem, dass den Verlauf der Krankheit negativ beeinflussen könnte. Denn Pims wird offenbar meist nicht erkannt. Laut der DGPI war die Aufnahmediagnose in den meisten Fällen eine andere.

Neueste Beiträge

    Stammheim: Im Prozess gegen rechtsterroristische „Gruppe S.“ verteidigen Szeneanwälte

18:46 Stammheim: Im Prozess gegen rechtsterroristische „Gruppe S.“ verteidigen Szeneanwälte

0 comment Read Full Article