News des Tages: Corona-Sperrstunde, Literaturnobelpreis für Louise Glück, Mike Pence und die Fliege
1. Nachtkampf
Ja, viele haben gewarnt vor dem Herbst und dem Winter. Trotzdem frustrierend, wenn die düsteren Prognosen wahr zu werden scheinen: 4058 neue Corona-Infektionen wurden in Deutschland in den vergangenen 24 Stunden nachgewiesen, fast anderthalbmal mehr als am Vortag. Mehr als an allen anderen Tagen in diesem Halbjahr. "Diese Zahl allein sagt jedoch wenig über das Infektionsgeschehen aus", beruhigt mich meine Kollegin Julia Merlot aus unserem Wissenschaftsressort – um meine aufkeimende Hoffnung gleich wieder zu dämpfen: "Allerdings geht die Kurve seit Monaten ziemlich beständig nach oben."
Julia und der Kollege Marcel Pauly aus unserem Datenteam haben die aktuellen Statistiken ausgewertet: "Der aktuelle Wert und die Werte aus dem März und April sind kaum vergleichbar. Weil deutlich weniger getestet wurde, sind damals wahrscheinlich mehr leichte Infektionen durchgerutscht als derzeit." Aber sie warnen auch: Gelingt es nicht, die Ausbreitung wieder besser einzudämmen, dürfte sich der sprunghafte Anstieg in den kommenden Wochen fortsetzen. (Hier finden Sie mehr Details. Und hier lesen Sie, was für Reisende aus Risikogebieten gilt.)
In Berlin gilt ab kommenden Samstag eine Sperrstunde, zwischen 23 Uhr abends und 6 Uhr morgens müssen alle Restaurants und Bars geschlossen sein. Selbst Tankstellen und die berühmten Spätis müssen ihre Bierkühlschränke zusperren.
"Das gab es seit 1949 nicht mehr", berichten meine Kollegin Dialika Neufeld und meine Kollegen Alexander Smoltczyk, Tobias Rapp und Max Polonyi. "Egal was los war, ob die Mauer gebaut wurde oder sich Autonome und die Polizei prügelten: Die Freiheit, sich rund um die Uhr betrinken zu können, war heilig. Berlin, die offene Stadt."
Jetzt gelten Techno-Raves, Kneipen, Spontanfeten im Park als verdächtige Hotspots. Das Reporterteam geht der Frage nach: Drängt uns die Krise in ein neues Biedermeier?
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Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Wenn das die Zukunft ist, dann gute Nacht
2. Nobelpreis für Louise Dings
Nobelpreis für Literatur geht an Louise Glück – als die Eilmeldung heute auf meinem Mobiltelefon erschien, musste ich an Dietrich Schwanitz denken, dessen Buch "Bildung – Alles, was man wissen muss" mir mein Großvater vor gut 20 Jahren schenkte, wohl in der Hoffnung, mein West-Berliner Abiturunwissen wenigstens etwas anzureichern. Schwanitz beschreibt Bildung als soziales Spiel, dessen Regeln man schon kennen muss, um üben zu dürfen: "Bildungswissen besteht aus Kenntnissen, nach denen man nicht fragen darf."
Anders gesagt: Hätte ich Louise Glück kennen müssen, bevor mein Telefon brummte? Ein Anruf im Kulturressort beruhigt mich: Auch dort konnte offenbar nicht jede Kollegin aus dem Stand die wichtigsten Verse der US-amerikanischen Lyrikerin und Essayistin zitieren. Und nicht jedem Kollegen war geläufig, dass Glück in ihrem Band "Wilde Iris" Blumen und Schnee zu Wort kommen lässt. Oder dass sie den antiken Mythos vom Raub der Persephone durch Hades neu schrieb; das Werk heißt "Averno". Klingt nach Bitterlikör, denken Sie jetzt? Schwanitz rät: "Kenntnisreich lächeln und so aussehen, als wüsste man, was gemeint ist."
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Mein Kollege Volker Weidermann hat sich dankenswerterweise schnell eingelesen und findet: Die lyrische Haltung der Autorin ähnelt der von Peter Handke. Hier ist seine Analyse.
3. Pretty Fly for a White Guy
Die beiden Kontrahenten um die US-Präsidentschaft sollen sich beim zweiten TV-Duell nur virtuell gegenüberstehen, wie die Organisatoren der Debatte verkündeten: Joe Biden und Donald Trump würden also per Videoschalte gegeneinander antreten, um "die Gesundheit und Sicherheit aller Beteiligten" zu garantieren.
Prompt drohte Trump mit Boykott: Der US-Präsident, der seine Zeit gern damit verschwendet, dem Sender Fox News einigermaßen gehaltlose Interviews zu geben (Person, woman, man, camera, TV), sagte dem Senderableger "Fox Business", er werde seine Zeit nicht mit einer virtuellen Debatte verschwenden.
Beim nicht virtuellen TV-Duell zwischen der Demokratin Kamala Harris und dem Republikaner Mike Pence in der vergangenen Nacht (hier im Video) landete eine Fliege auf dem Kopf des Vizepräsidenten und verharrte dort ganze zwei Minuten. Mein Kollege Arno Frank konnte – natürlich weltexklusiv – mit ihr sprechen. "Es kommt nicht häufig vor, dass sich eine Stubenfliege direkt an eine größere Leserschaft wendet", sagt er. Und es kommt nicht oft vor, dass wir "Satire!!!" in eine Autorenzeile schreiben. Aber lesen Sie selbst.
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Hier ist das ganze Interview: "Es handelte sich um ein politisches Statement"
Was heute sonst noch wichtig ist
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Union punktet bei Frauen, Grüne sind stark bei den Jungen: In der Coronakrise liegt die Union noch immer deutlich vor den anderen Parteien. Die SPIEGEL-Umfrage zeigt: Nur bei den jüngeren Wählern kommen die Grünen derzeit an CDU und CSU heran.
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Tesla hat Interesse an deutschem Autozulieferer: Der US-Autobauer Tesla treibt seine Expansion nach Deutschland voran. Nach Angaben von Kartellwächtern erwägt die Firma von Elon Musk, beim Neuwieder Autozulieferer ATW einzusteigen.
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Wirecard-Ausschuss lädt auch Merkel vor: In Berlin beginnt die politische Aufarbeitung des Wirecard-Skandals. Auf der Zeugenliste stehen zahlreiche Spitzenpolitiker – inklusive der Bundeskanzlerin.
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Hase, Luchs, Schweinswal – diese Arten könnten bald verschwinden: Das Artensterben trifft auch Deutschland. Laut einer Roten Liste des Bundesamtes für Naturschutz sind ein Drittel der Säugetiere in ihrem Bestand gefährdet.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
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Die DFB-Spitze ignorierte alle Warnungen: Seit Jahren wiesen Experten auf juristische Probleme bei der Steuererklärung des Deutschen Fußball-Bunds hin. Doch die Funktionäre korrigierten sie nicht.
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Hinter der Holztür: Mit der Wende kamen rund 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Sie haben die Gemeinden belebt – auch die in Halle. Nach dem Anschlag stellt sich die Frage: Muss sich jüdisches Leben zurückziehen?
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Die größten Irrtümer bei der Befristung: Gerade junge Menschen bekommen häufig einen Arbeitsvertrag mit beschränkter Laufzeit – oft wird dieser nach zwei Jahren nicht mehr verlängert. Was ist zu beachten, welche Ausnahmen gibt es?
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Glaube nur den Likes, die du selbst gefälscht hast: Fake-Bewertungen im Internet? Das will ich genauer wissen – und bewerbe mich als Auftragsklicker.
Was heute nicht so wichtig ist
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Lichtgefühl: Den Hip-Hopper Jan Philipp Eißfeldt, 44, besser bekannt als Jan Delay, weniger bekannt als Eizi Eiz, Eißfeldt und Boba Ffett, ereilen Erleuchtungen vor allem im Dunkeln, wie er der Zeitschrift "Barbara" sagte. Er genieße die nächtliche Einsamkeit, wenn er an neuen Songs arbeite: "Nichts gegen Licht, echt nicht. Aber ich mag die Dunkelheit. Ich kann in ihr aufgehen und machen, was ich will. Also: noch mehr, als ich es eh schon tue."
Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Es ist unklar, ob Trump zum Zeitpunkt der Debette bereits ansteckend gewesen sein könnte."
Cartoon des Tages: Humor auf der Chefetage
Und heute Abend?
Wenn Sie Lust haben zu lesen, aber auch gerade kein Werk der aktuellen Literaturnobelpreisträgerin zur Hand haben, könnten Sie sich noch mal "Das Parfum" von Patrick Süskind vornehmen. Wenn ich mich richtig erinnere, schwärmte meine Deutschlehrerin einst vom widerwärtigsten Buchbeginn, den sie je gelesen habe. Und mein Kollege Hauke Goos schreibt heute in seiner Deutschkolumne: "Es geht um Abscheulichkeit, Genie und Gestank – Gestank nach fauligem Holz und Rattendreck, nach geronnenem Blut und Zwiebelsaft. Eine Geschichte über einen, der feiner riechen kann als seine Mitmenschen und der darüber zum Mörder wird." (Zur Kolumne geht es hier.)
Falls Sie auch dieses Buch nicht zur Hand haben, gucken Sie die "Parfum"-Verfilmung von Tom Tykwer.
In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen den richtigen Riecher.
Herzlich Ihr Oliver Trenkamp
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