News des Tages: Alexej Nawalny, Demos gegen Rechtsextremismus, Berlinale
1. Putins Paranoia
Unmittelbar nach seinem Tod wurde noch spekuliert, dass das plötzliche Ableben des inhaftierten russischen Oppositionellen Alexej Nawalny womöglich mit einem geplanten Gefangenenaustausch zusammenhängen könnte. Die These: Hardliner, die noch nationalistischer denken als Kremlherrscher Wladimir Putin, wollten mit dem Mord Fakten schaffen und gar nicht erst den Anschein erwecken, als könne man mit Russland verhandeln.
Nun scheint sich zumindest ein Teil der Spekulationen zu bewahrheiten. Nawalnys Anti-Korruptionsstiftung gab heute bekannt, dass kurz vor seinem Tod ein Gefangenenaustausch angedacht war, um Nawalny aus dem Gefängnis und in den Westen zu holen. Demnach sollte der sogenannte Tiergartenmörder Wadim Krassikow im Gegenzug nach Russland überstellt werden.
Die Leiterin der Nawalny-Stiftung, Marija Pewtschich, teilte auf der Plattform YouTube mit, sie habe einen Tag vor Nawalnys Tod am 16. Februar mitgeteilt bekommen, entsprechende Verhandlungen seien auf der Zielgeraden. Angeblich habe der russische Milliardär Roman Abramowitsch ein entsprechendes Angebot an den Kreml geleitet. Gespräche zu dem Thema seien zwischen dem Nawalny-Team, der Bundesregierung und den USA seit zwei Jahren gelaufen. Die Bundesregierung lehnte einen Kommentar zu den jüngsten Ereignissen ab. »Wir können uns dazu nicht äußern«, sagte Regierungssprecherin Christiane Hoffmann.
Mein Kollege Fidelius Schmid beobachtet das Geheimdienstmilieu schon viele Jahre. Und auch in dieser Angelegenheit ist er nah dran. Für ihn stellt sich jetzt vor allem eine Frage: Musste Nawalny trotz oder wegen des geplanten Gefangenenaustausches sterben? Dass es das Vorhaben gab, Nawalny in den Westen zu holen, steht für ihn außer Frage. Kritiker hätten zwar immer vorgebracht, dass Putin ihn ohnehin nicht rausgelassen hätte. Aber womöglich war das vor allem eine Frage des Zeitpunkts: »Vor dem Aufstand des Söldnerführers Jewgeni Prigoschin war die Chance sicher höher«, sagt Fidelius. »Man muss davon ausgehen, dass Putins Paranoia danach noch stärker wurde.«
Es wäre eine Ironie des Schicksals, wenn ausgerechnet die zwei größten Antipoden Russlands – Prigoschin und Nawalny – gleichermaßen Opfer des Kreml wären. Und es zeigt einmal mehr, dass Putin weder Freund noch Feind kennt. Sondern nur sich.
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Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Putin soll Angebot für Gefangenenaustausch erhalten haben
2. Bautzener, kämpf
Erneut haben am Wochenende wieder Zehntausende Menschen bundesweit gegen rechts demonstriert. In Hamburg organisierte die Klimabewegung Fridays for Future zum dritten Mal in Folge den Protest, zu dem laut deren Angaben mehr als 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen.
Nun ist es leichter, in einer urbanen und multikulturell geprägten Zwei-Millionen-Stadt so viele Menschen zu mobilisieren, als in mittelgroßen Städten in der Fläche. Zum Beispiel in sächsischen Städten wie etwa in Zwickau, Bautzen, Görlitz oder Meißen. Doch auch dort kamen am Wochenende zahlreiche Demonstranten zusammen und versuchten klarzumachen, wer die Mehrheitsgesellschaft ist. (Lesen Sie dazu auch den Text meiner Kollegin Frauke Böger und Peter Maxwill, warum Ostdeutschland jetzt am Wendepunkt steht .)
In Bautzen wird die Polizei später 1400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zählen. Mein Kollege Levin Kubeth war gemeinsam mit dem Fotografen Silas Bahr in der ostsächsischen Stadt dabei, die noch rund 40.000 Einwohner zählt und die immer wieder in den Schlagzeilen ist, weil sich dort rechtsextreme Ausfälle zu konzentrieren scheinen. Umso deutlicher ist das Signal dagegen, schreibt Levin : »Wer hier gegen Rechtsextremismus ein Zeichen setzen will, braucht Mut.«
In seiner Reportage schildert er, wie Jugendliche am Straßenrand rumlungern und höhnisch auf den Protestzug reagieren, in dem sich von LGBTQ+-Aktivisten bis Inklusions-Vertreterinnen die ganze Breite der Gesellschaft engagieren. »Ist heute Karneval?«, schallt es ihnen dann entgegen.
»Meine Fresse sind wir viele«, sagt eine Demonstrantin. »Das gibt Kraft«, sagt ein anderer. Doch eine dritte sagt auch: »Ohne die Polizei wäre es nicht gegangen.« So aber hätten sie sorglos Spaß haben können. »So können auch Migrantinnen und Migranten mitlaufen und müssen keine Angst haben.«
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Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Wer hier Gesicht zeigt, braucht Mut
3. Kai, der dann disste
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, hat am Wochenende nicht nur für Aufmerksamkeit gesorgt, weil er sich beim Filmfestival Berlinale erstmals öffentlich mit seiner neuen Lebensgefährtin zeigte, der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (beide CDU). Er irritierte auch mit einer seltsamen Doppelmoral.
Bei der Preisverleihung trat der US-amerikanische Experimentalfilmer Ben Russell (»Direct Action«) mit einem Palästinensertuch auf die Bühne und äußerte Genozid-Vorwürfe wegen des israelischen Vorgehens im Gazastreifen. Der israelische »No Other Land«-Regisseur Yuval Abraham sprach von einer »Apartheid« im Westjordanland und forderte ein Ende der Besatzung und einen Waffenstillstand.
Im Publikum wurde artig applaudiert. Auch von Wegner. Israel ein »Apartheid«-Regime, das einen »Genozid« verübt?
Im Nachgang zur Berlinale-Gala vom Samstagabend übte das Stadtoberhaupt heftige Kritik an der Veranstaltung. »Das, was gestern auf der Berlinale vorgefallen ist, war eine untragbare Relativierung. In Berlin hat Antisemitismus keinen Platz, und das gilt auch für die Kunstszene«, schrieb Wegner auf der Plattform X, vormals Twitter. Er erwarte von der neuen Berlinale-Leitung, dass sich »solche Vorfälle« nicht wiederholten.
Während der Preisverleihung am Samstagabend hatten sich nicht nur Russell und Abraham in einer Weise zum Gazakrieg geäußert, die für Kritik sorgte. Auffällig war vor allem, dass die Beteiligten einseitig Vorwürfe gegen Israel äußerten, ohne das Massaker der Hamas zu erwähnen. Zudem trugen mehrere Menschen auf der Bühne einen Zettel mit der Aufschrift »Ceasefire Now« (etwa: »Feuerpause jetzt«). Der palästinensische Filmemacher Basel Adra forderte Deutschland auf, keine Waffen mehr an Israel zu liefern.
»Berlin hat eine klare Haltung, wenn es um Freiheit geht. Berlin steht fest auf der Seite Israels«, sagte Wegner hinterher. Vielleicht hätte er dann einfach den Beifall unterlassen sollen. Er hat aber geklatscht. Womöglich aber hat er auch gar nicht verstanden, was da auf der Bühne vor sich ging. In beiden Fällen gilt: Wegner machte an diesem Wochenende eigentlich nur an der Hand seiner neuen Freundin eine gute Figur.
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Lesen Sie hier mehr: Eklat bei der Berlinale-Gala – wer hat was gesagt?
Was heute sonst noch wichtig ist
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Scholz begründet Ablehnung der Taurus-Lieferung: Schon vor Monaten hatte sich Kanzler Scholz festgelegt, der Ukraine keine Taurus-Marschflugkörper zur Verfügung stellen zu wollen. Jetzt hat er seine Entscheidung öffentlich erläutert.
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Bauern attackieren Brüsseler Polizisten mit Gülle, Mist und Feuerwerk: Brennende Reifen, verspritzte Gülle, Feuerwerk gegen Polizisten: Landwirte haben in Brüssel mit teils gewaltsamen Aktionen gegen die Agrarpolitik der EU demonstriert. Die Polizei reagierte mit Straßensperren und Wasserwerfern.
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Kreuzfahrtschiff darf wegen Cholera-Verdachts nicht anlegen: Gut 2000 Passagiere und 1000 Crewmitglieder sitzen auf einem Kreuzfahrtschiff vor Mauritius fest. Die Behörden vermuten Fälle von Cholera an Bord, die Tests dauern an.
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Showdown am Rio Grande: Tausende Migranten sind in Eagle Pass in Texas illegal über die Grenze gekommen. Spitzenpolitiker beider Lager liefern sich einen Schlagabtausch über den Grenzschutz. Einwohner fühlen sich für den Wahlkampf missbraucht .
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Wie die Deutschen mehr für ihren Wohlstand tun könnten: Obwohl die Wirtschaft lahmt, erreicht der Dax Rekordhöhen. Doch Millionen von Sparern gehen leer aus. Zeit für eine persönliche Wirtschaftswende .
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Wie kann die Stiko schneller werden, Herr Meerpohl? Stiko-Mitglied Jörg Meerpohl erklärt, wieso manche Impfentscheidungen in der Pandemie so schwierig waren, warum evidenzbasierte Medizin auch in Krisen wichtig ist und wie KI die Stiko in Zukunft verändern könnte .
Was heute weniger wichtig ist
Dickkick: Der portugiesische Fußballer Cristiano Ronaldo, 39, sieht sich in Saudi-Arabien Ermittlungen wegen einer möglichen obszönen Geste ausgesetzt. Eine Untersuchung soll Klarheit bringen, ob der Fußballstar gegnerische Fans mit einer unflätigen Handgeste bedacht hat. Sein Team Al-Nassr hatte 3:2 gewonnen, doch von den Tribünen waren »Messi«-Rufe zu hören. Lionel Messi ist Ronaldos langjähriger Rivale. Und weil Ronaldo ohnehin ein liebevolles Verhältnis zu seinem Gemächt hat, hat er es in diesem Zusammenhang den Zuschauern gleich mit besorgt.
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Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Könnten Sie das jüngste Gericht unserer SPIEGEL-Kolumnistin und Spitzenköchin Verena Lugert nachkochen. Eines ihrer Lieblingsrezepte sind Bhajis. In Indien sind sie ein beliebtes Streetfood, Verena kennt sie aber aus London, wo sie lange gelebt hat. In den indischen Restaurants in England sind die Onion Bhajis die wahrscheinlich begehrteste Vorspeise. Ausgebackene Miniflädchen aus süßen, in Öl karamellisierten Zwiebeln, von Teig aus Kichererbsenmehl ummantelt, der so wunderbar gewürzt ist, dass er vor Geschmack fast explodiert, dazu eine Minz-Joghurtsauce. Nun hat Verena das Rezept abgewandelt mit Zwiebeln und mit Rosenkohl, denn mischt man unter die Zwiebelringe geraspelten Rosenkohl, wird das Geschmacksgefüge noch einmal kräftiger und satter, schreibt sie .
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Ressortleiter Deutschland/Panorama

