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Mike Pence und Kamala Harris im TV-Duell: Mehr als eine Nummer zwei

October 07
23:03 2020
Vorbereitungen auf das TV-Duell an der University of Utah: Wer würde den besseren Commander-in-Chief abgeben? Icon: vergrößern

Vorbereitungen auf das TV-Duell an der University of Utah: Wer würde den besseren Commander-in-Chief abgeben?

Foto: JIM BOURG / REUTERS

Eine Barriere aus Plexiglas und dreieinhalb statt der ursprünglich vorgesehen zwei Meter werden Mike Pence und Kamala Harris während ihres TV-Duells trennen. Nachdem Ende vergangener Woche Donald Trumps Ansteckung mit dem Coronavirus bekannt geworden war, beschloss die Debattenkommission, die Plätze des Vizepräsidenten und der Senatorin im Saal der University of Utah weiter auseinanderzuziehen. Auf das Plexiglas bestand dann Harris' Team, das Gefolge von Pence stimmte widerwillig zu.

Die Debatte zwischen Trumps Vize und Joe Bidens "running mate" steht nicht nur logistisch im Zeichen der Infektionswelle, die seit einigen Tagen das Weiße Haus heimsucht. Die Erkrankung des Präsidenten und die anfängliche Sorge, dass auch Biden sich während des TV-Duells mit Trump angesteckt haben könnte, hat der Öffentlichkeit eines vor Augen geführt: Ob sie Pence heißt oder Harris, im schlimmsten Fall könnte die Nummer zwei schon bald mehr sein als das.

Trump ist 74 Jahre alt, Biden 77. Eine Pandemie geht über das Land hinweg, kostet Zehntausende Leben. Trump hat schon Corona; Biden wurde jüngst zwar mehrfach negativ getestet, doch auch er gehört zur Risikogruppe. Am Ende dieser Kette drängt sich mit selten dagewesener Dringlichkeit die Frage auf: Welche der Personen, die sich am heutigen Mittwochabend in Salt Lake City duellieren werden, würde den besseren Commander-in-Chief abgeben?

Für gewöhnlich sind die TV-Debatten der Vizekandidaten weder denkwürdig noch wahlentscheidend; oft sind sie binnen weniger Tage wieder vergessen. Doch die berechtigte Sorge um die Gesundheit der Präsidentschaftskandidaten – in Bidens Fall abstrakt, bei Trump seit wenigen Tagen konkret – dürfte dem Duell zwischen Harris und Pence mehr Gewicht verleihen.

Zwei Biografien, zwei Entwürfe von Amerika

In einem bis ins Äußerste polarisierten Land stehen die Biografien der beiden Kontrahenten für zwei unterschiedliche Entwürfe von Amerika. Auf der einen Seite Pence, einst Gouverneur von Indiana: weiß und männlich, ein erzkonservativer Evangelikaler aus der Provinz. Auf der anderen Harris, Ex-Justizministerin von Kalifornien: Tochter eines Ökonomen aus Jamaika und einer Brustkrebsforscherin aus Indien, zudem die einzig verbliebene Frau und Nichtweiße im Präsidentschaftsrennen.

Pence, so berichten es US-Medien unter Berufung auf sein Umfeld, hat sich vorgenommen, jeden Anflug eines Fauxpas bei den Themen Geschlecht und Hautfarbe zu vermeiden. Einiges spricht dafür, dass ihm das gelingen wird. Pence gilt als fähiger Diskutant, hat Radioerfahrung, ist angriffslustig und ausgeglichen zugleich. Auch in Harris' Lager bereitet man sich auf einen würdigen Widersacher vor; sein Duell gegen Hillary Clintons Vizekandidat Tim Caine vor vier Jahren habe Pence gewonnen, davon ist man im Umfeld der Senatorin überzeugt.

Allerdings steht der Vizepräsident unter Druck. Trump liegt in Umfragen hinter Biden zurück und ist vom Virus gebeutelt. Von seiner Nummer zwei wird nun erwartet, dass er mit seinem Auftritt beim Fernsehpublikum punktet.

Harris ihrerseits hat in ihrer vergleichsweise kurzen Laufbahn im Senat ihre verbale Schlagkraft wiederholt gezeigt. So ist Demokraten nach wie vor unvergessen, wie sie den heutigen Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh bei dessen Anhörung 2018 mit ihren Fragen in die Enge trieb. Im Vorwahlkampf ihrer Partei bescherte die Kalifornierin ihrem damaligen Konkurrenten Biden dessen vielleicht unangenehmsten Moment, als sie ihm vorwarf, er sei in den Siebzigerjahren dagegen gewesen, dass schwarze Kinder in Schulbussen zu weißen Schulen gefahren werden. Zugleich zeigte Harris während der parteiinternen Debatten auch Schwächen: Der Senatorin gelang es insbesondere nicht, eine klare und konstante Botschaft an das Publikum zu bringen.

Corona, der Supreme Court und Obamas Gesundheitsreform

Auf den großen identitätspolitischen Clash will Harris im Duell gegen Pence Berichten zufolge nicht zusteuern. Stattdessen bleibt sie vermutlich der Strategie des Biden-Teams treu. Sie will zum einen die Gefahren für Barack Obamas Gesundheitsreform thematisieren, die nach Überzeugung der Demokraten von einer Berufung von Trumps Kandidatin Amy Coney Barrett an den Supreme Court ausgehen würden.

Zum anderen will sie die Corona-Politik der Trump-Regierung so ausgiebig wie möglich zur Sprache bringen. Damit würde sie auch Pence direkt treffen. Dieser gehört, nach allem, was man bisher weiß, zwar nicht zum großen und wachsenden Kreis von Trump-Vertrauten, die sich jüngst mit dem Virus infizierten. Allerdings ist Pence als Leiter der Corona-Taskforce des Weißen Hauses für die Antwort der Trump-Regierung auf die Pandemie verantwortlich.

Die 90-minütige Debatte, die von Susan Page, der Leiterin des Washingtoner Büros der "USA Today", moderiert wird, dürfte genug Gelegenheit dafür bieten.

Womit man bei einem weiteren Grund wäre, weshalb diese Debatte einen höheren Stellenwert haben könnte als frühere: Das erste TV-Duell zwischen Trump und Biden geriet zu einem Schreikampf, in dem Sachthemen weitestgehend untergingen. Und nach Trumps Erkrankung ist das Schicksal der weiteren Debatten unklar. Selbst wenn sie wie geplant stattfinden, wovon die Kommission derzeit auszugehen scheint, spricht viel dafür, dass sie wieder als Schlammschlacht enden.

"Harris vs. Pence" könnte die einzige der Debatten im diesjährigen Wahlkampf werden, bei der Zuschauer die inhaltlichen Positionen der beiden Lager kennenlernen.

Icon: Der Spiegel

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