Harvard-Historikerin Jill Lepore im Interview über die USA
Icon: vergrößernPublizistin Lepore:"Gewissermaßen alle gefangen"
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Lepore, 54, ist Professorin für amerikanische Geschichte an der Harvard University in Cambridge und Publizistin, regelmäßig schreibt sie für den "New Yorker". Ihr Bestseller "Diese Wahrheiten" erschien im Oktober 2019 auf Deutsch, darin erzählt Lepore die Geschichte der Vereinigten Staaten von Kolumbus' Ankunft bis zur Wahl Donald Trumps zum Präsidenten 2016 als ständigen Konflikt: zwischen individueller Freiheit und Gleichheit auf der einen Seite, Unterdrückung und ökonomischer Ungerechtigkeit auf der anderen.
SPIEGEL: Frau Lepore, Joe Biden sagte in seiner kurzen Ansprache am Mittwoch: "Wenn ich gewinne, wird es keine blauen oder roten Staaten mehr geben. Nur noch die Vereinigten Staaten von Amerika." Wie realistisch ist dieses Bild eines geeinten Amerikas?
Lepore: Dieses Bild einer Landkarte, auf der sich an einem Wahlabend die Staaten nach und nach rot oder blau färben, gehört zur politischen Erfahrung aller Fernsehzuschauer. Ähnlich wie auch schon Barack Obama meint Biden, was er sagt, mit aller Ehrlichkeit. Aber möglicherweise wird er mit seiner Idee der Einigung genauso scheitern wie Obama. Dabei gab es mal eine Zeit, in der beide Parteien, Demokraten und Republikaner, die Gesellschaft einen wollten. Als George W. Bush 2000 gegen Al Gore gewann, sagte er, er wolle kein Spalter sein. Auch als er nach dem 11. September 2001 wiedergewählt wurde, sprachen viele von einem Geist der Gemeinsamkeit in den USA. Das war größtenteils Einbildung, aber das war das Ideal. Neu ist: Trump will ein Spalter sein, er will nur die Menschen repräsentieren, die ihn wählen. Das macht einen großen Teil dessen aus, was bei ihm als Ehrlichkeit wahrgenommen wird.

