dm-Chef im Interview: Was taugen die Reformpläne der Koalition, Herr Werner?
Wirtschaft
dm-Chef im InterviewWas taugen die Reformpläne der Koalition, Herr Werner?
04.07.2026, 11:44 Uhr
Interview: Juliane KipperArtikel anhören(09:19 min)00:00 / 09:19
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"Die Maßnahmen gehen in die richtige Richtung": Im Gespräch mit ntv.de blickt dm-Chef Christoph Werner positiv auf die geplanten Arbeitsmarktreformen der Koalition. Warum er längere Befristungen nicht als Gefahr sieht und weshalb mehr Flexibilität die Experimentierbereitschaft der Firmen stärkt.
ntv.de: Mit erleichterten Job-Befristungen, Steuervorteilen für Abfindungen und weniger Kündigungsschutz für Hochverdiener will die Koalition den Arbeitsmarkt flexibler machen. Wird das gelingen?
Christoph Werner: Mit diesen Maßnahmen will die schwarz-rote Regierung die Rahmenbedingungen so verändern, dass Unternehmen Menschen schneller einstellen. Die Logik ist, dass mehr Flexibilität die Experimentierbereitschaft von Unternehmen erhöhen wird, weil sie so auch schneller reagieren können, falls sich die Erwartungen an die Konjunktur, den Unternehmenserfolg oder in die Leistungsfähigkeit der Eingestellten nicht erfüllen. Insofern glaube ich, dass die Maßnahmen in die richtige Richtung gehen; sie können dazu beitragen, dass weniger Arbeitsplätze abwandern und sich Zukunftsbranchen in Deutschland dynamischer entwickeln.
Kanzler Friedrich Merz spricht davon, etwa mit der Ausweitung der Befristung auf vier Jahre die "Fesseln der Unternehmen zu lösen". Haben Sie bei dm in der Vergangenheit solche Fesseln gespürt?
dm ist mit einem etablierten Geschäftsmodell in einer relativ stabilen Branche tätig und wir kamen bisher gut zurecht. Aber gerade für neue Unternehmen und exportierende Unternehmen, die größeren konjunkturellen Schwankungen und internationalem Wettbewerb ausgesetzt sind, kann diese neue Regelung hilfreich sein. Daher würde ich der Aussage unseres Bundeskanzlers im Grundsatz zustimmen.
Laufen Unternehmen bei einer solchen Flexibilisierung nicht Gefahr, im harten Wettbewerb um Fachkräfte komplett leer auszugehen?
Das reguliert sich durch Angebot und Nachfrage. Wenn ich als Unternehmen jemanden einstellen möchte, denjenigen aber zu den aktuellen Konditionen nicht bekomme, muss ich bessere Konditionen bieten. Das kann bedeuten, dass ich das Arbeitsumfeld attraktiver gestalte, ein höheres Einkommen in Aussicht stelle oder sonstige Zusagen mache. Als ich beispielsweise in den USA gearbeitet habe, gab es einen sogenannten Signing Bonus. Warum? Weil der Arbeitsmarkt dort damals so funktionierte und es sich am Ende für das Unternehmen ausgezahlt hat. Das zeigt doch: Der Markt regelt das.
Der Markt regelt das vielleicht für IT-Spezialisten. Aber gilt das auch für die Kassiererin oder den Logistikmitarbeiter bei dm? Können Sie im Einzelhandel jedem neuen Mitarbeiter einen Signing Bonus zahlen, um das höhere Entlassungsrisiko auszugleichen?
Da haben wir uns jetzt missverstanden: Es geht für Unternehmen auf allen Ebenen darum, gute Bewerbungen zu erhalten und nicht darum, ein Entlassungsrisiko grundsätzlich abzusichern. Um Menschen für die von Ihnen genannten Aufgaben zu gewinnen, ist es im Interesse der Unternehmen, attraktivere Rahmenbedingungen zu bieten als vergleichbare Unternehmen, die ebenfalls Bewerber für diese Aufgaben suchen. Wenn gute Bewerbungen eingehen, ist dies ein Hinweis, dass das Angebot attraktiv ist.
Schreckt das Risiko, erst einmal nur einen befristeten Vertrag zu bekommen, Bewerber nicht eher ab? Ein Handelsunternehmen, das Arbeitsplätze mit so langer Unsicherheit anbietet, verliert doch massiv an Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt.
Wenn Sie recht haben sollten, wird man das sehr schnell an den Bewerbungseingängen sehen. Ich rechne jedoch nicht damit. Wenn ich mich bewerbe, wäge ich die Bedingungen unterschiedlicher Stellenangebote gegeneinander ab. Unattraktiv wäre es, wenn ich mich aus einer ungekündigten Stelle auf eine befristete Stelle bewerbe und nach dem Verlust des Arbeitsplatzes dann keinen neuen Job mehr finden werde. Wenn ich allerdings weiß, dass ich leicht eine neue Stelle finden kann, dann bin ich bereit, mich in einer befristeten Stelle zu beweisen.
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In der Praxis bedeutet eine vierjährige Befristung: Kein Kredit der Bank, extreme Probleme bei der Wohnungssuche und null Planungssicherheit für junge Familien. Ist das nicht ein massiver Standortnachteil im Wettbewerb um die besten Köpfe?
Wenn diese Maßnahme der Regierung dazu führt, dass insgesamt mehr Stellen angeboten werden und Unternehmen mehr in Deutschland investieren, entstehen für die Menschen und den Standort neue Entwicklungsperspektiven
.Hochverdiener mit bis zu knapp 15.000 Euro im Monat sollen leichter gekündigt werden dürfen. Schaffen wir damit nicht ein Zwei-Klassen-Arbeitsrecht?
Bei leitenden Angestellten ist das heute schon Praxis. Sie haben nicht denselben Kündigungsschutz wie nicht-leitende Angestellte, weshalb man dort eigentlich immer eine Abfindungsregelung findet. Es geht hier also nicht darum, dass jemand eiskalt vor die Tür gesetzt wird und von heute auf morgen kein Geld mehr bekommt. Es geht darum, sich durch eine Abfindungsregelung zu vertretbaren Bedingungen voneinander trennen zu können. Dafür gibt es allgemeine Berechnungssätze, die sich nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit und dem Monatseinkommen richten. Was wegfällt, ist die Möglichkeit, auf Wiedereinstellung zu klagen. Denn genau darin liegt für Unternehmen ein Risiko, das Einstellungen eher hemmt als fördert.
Würden Sie bei dm so ein Instrument nutzen?
Das tun wir heute schon. Wenn es mit einem leitenden Angestellten nicht mehr passt, dann trennen wir uns und finden eine Aufhebungsvereinbarung. Und für die Fälle, in denen man sich nicht einigen kann, gibt es Arbeitsgerichte, die das dann ultimativ entscheiden können.
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Die Bundesregierung plant offenbar auch steuerliche Anreize, um die Arbeit an Sonn- und Feiertagen attraktiver zu machen. Ist das ein sinnvoller Impuls?
Soweit ich das überblicke, greifen hier zwei Elemente: Zum einen soll der steuerbegünstigte Höchstbetrag erhöht werden. Zum anderen sollen offenbar Unternehmen bevorzugt werden, die Tarifverträge anwenden. Da stellt sich mir die Frage: Ist es richtig, dass die Bundesregierung auf die Entscheidung für oder gegen tarifvertragliche Bindungen Einfluss nimmt?
Und? Ist es richtig?
In Deutschland galt bisher die Tariffreiheit für Unternehmen. Indem der Staat mit dieser Regelung nicht tarifgebundene Unternehmen benachteiligt, greift er in diese Freiheit ein. Ordnungspolitisch finde ich das problematisch. Auf der anderen Seite: Wenn Arbeit an Sonn- und Feiertagen für die Menschen finanziell attraktiver wird, dann ist das per se erst einmal nicht verkehrt. Es bleibt die Frage, ob sich das über Angebot und Nachfrage besser regeln würde als über Eingriffe des Staates.
Die Bundesregierung rudert bei der telefonischen Krankschreibung zurück. Künftig sollen Arbeitnehmer wieder für jeden Infekt in die Praxis gehen. Außerdem soll schon am ersten Tag der Krankheit ein Attest fällig werden. Begrüßen Sie den Schritt?
Ich finde es richtig, dass die Krankmeldung künftig nicht mehr per Telefon erfolgen kann. Denn das wurde damals im Zuge von Corona eingeführt, um die Einhaltung der Kontaktverbote zu erleichtern. Andere Länder sind nach der Pandemie ebenfalls wieder zu den vorherigen Regelungen zurückgekehrt. Gespräche mit Ärzten haben bei mir den Eindruck erweckt, dass auch hierzulande viel dafür spricht.
Glauben Sie, dass die besprochenen Maßnahmen den Arbeitsmarkt wirklich dynamischer machen werden?
Allein die Tatsache, dass es der Koalition gelungen ist, eine grundsätzliche Vereinbarung zu treffen, ist begrüßenswert. Das Reformpaket ist der erste Schritt. Nun gilt es, die Pläne in die Tat umzusetzen. Meine Hoffnung ist, dass die Regierungskoalition nicht glaubt, sie habe nun alles getan, was sie in dieser Legislaturperiode tun sollte. Dieser erste Aufschlag ist jedenfalls ein wesentlich größerer Schritt als das, was wir in den letzten Jahren gesehen haben.
Neue Regeln zur KrankschreibungSchwarz-Rot belastet Ärzte und gängelt Patienten
Was fehlt Ihnen?
Ich vermisse noch Maßnahmen, die auf die Flexibilisierung der Arbeitszeiten abzielen. Darüber hinaus müssen wir verhindern, dass sich der Druck bei den sogenannten Lohnnebenkosten und den Sozialabgaben weiter aufbaut, denn das wird die Arbeitskosten zunehmend erhöhen und in der Folge Arbeitsplätze in unserem Land vernichten. Aber auch die Alterskohorte der Babyboomer, die jetzt in Rente geht, bereitet mir Sorgen. Wenn wir nicht sehr, sehr schnell das Renteneintrittsalter angehen, wird es mit der Finanzierung kritisch. Je länger wir warten, desto mehr Menschen werden im Rentenbezug sein, also über das System finanziert werden, ohne selbst noch einzuzahlen. Momentan wird das Problem nur verschoben und für künftige Generationen zu einer zunehmenden Hypothek.
Mit Christoph Wener sprach Juliane Kipper

