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Corona: Virologie-Gesellschaft spricht sich klar gegen Herdenimmunität aus

October 19
21:28 2020
Passanten auf der Hamburger Mönckebergstraße Icon: vergrößern

Passanten auf der Hamburger Mönckebergstraße

Foto: Georg Wendt / dpa

Die Corona-Fallzahlen steigen, die Gegenmaßnahmen werden wieder schärfer, um eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu verhindern. Gleichzeitig steht jedoch wieder die Idee im Raum, dies sei gar nicht so schlimm, solange man nur die Risikogruppen vor Ansteckung schütze.

Die Gesellschaft für Virologie, in der Fachleute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz organisiert sind, widerspricht diesem Ansinnen jetzt energisch. "Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen", heißt es in der Stellungnahme. Unterschrieben haben das Dokument unter anderem Melanie Brinkmann, Christian Drosten und Isabella Eckerle.

Die Idee der natürlichen Herdenimmunität (nicht der durch Impfung) war besonders zu Beginn der Pandemie diskutiert worden, als noch nicht klar war, wie gefährlich die Infektion ist.

Vor Kurzem hat eine Gruppe von Forschenden Durchseuchung und Herdenimmunität in der sogenannten Great Barrington Declaration wieder aufgegriffen: Demnach sollten praktisch alle Beschränkungen fallen. Allerdings müssten Menschen, für die eine Coronavirus-Infektion sehr gefährlich ist, stärker geschützt werden. Indem Senioren zum Beispiel ihre Einkäufe bestellen und liefern lassen und ihre Verwandten draußen treffen, nicht in Innenräumen.

Risikogruppen: zu zahlreich und zu unterschiedlich, um sie abschirmen zu können

Die Virologie-Gesellschaft weist auf eines der zentralen Probleme hin, die beim Schutz der Risikogruppen bestehen, wenn das Virus sich sonst unkontrolliert verbreiten darf: Diese sind zu zahlreich und zu unterschiedlich, um sie aktiv abschirmen zu können. So gelten neben dem Alter als Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf unter anderem Übergewicht, Diabetes, Krebs, Nierenschwäche, chronische Erkrankungen von Lunge oder Leber oder eine Schwangerschaft.

Die Gesellschaft schließt sich damit einer internationalen Erklärung an, die im Fachblatt "The Lancet" erschienen ist und ebenfalls die Strategie der "Great Barrington Declaration" zurückwies.

Viola Priesemann hat wie viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die im "Lancet" veröffentlichte Erklärung, auch "John Snow Memorandum" genannt, unterzeichnet. Die Physikerin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation gehört zu einem Team von Modellierungsexperten, die berechnen, wie sich die Pandemie entwickeln wird.

"Die Ausbreitung von Covid-19 in der Gemeinschaft zu kontrollieren, ist der beste Weg, um unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften zu schützen, bis sichere und wirksame Impfstoffe und Therapien in den kommenden Monaten zur Verfügung stehen", sagt Priesemann dem SPIEGEL. Risikogruppen abzuschirmen, hat aus Ihrer Sicht keine Chance auf Erfolg. "Dafür ist unsere Gesellschaft zu sehr verbunden", sagt Priesemann. Der einzige Weg sei, die Infektionszahlen möglichst klein zu halten.

"Medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant"

Die Virologie-Gesellschaft urteilt sogar, Herdenimmunität anzustreben, sei "unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant". Man wisse noch nicht einmal, wie lang die Immunität anhalte. Und eine mögliche Komplikation der Infektion, das Long-Covid-Syndrom, könne die Lebensqualität langfristig einschränken.

"Wir respektieren abweichende Haltungen, die einzelne KollegInnen in den Medien und sozialen Netzen vertreten, da kontroverse Diskurse Wesensmerkmal sowohl der Wissenschaft als auch der Demokratie sind", heißt es weiter. Der Vorstand hielt aber die Stellungnahme für geboten, die laut vieler Gespräche und E-Mails auch die Haltung der Mehrheit der virologisch und ärztlich tätigen Mitglieder abbilde.

Icon: Der Spiegel

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