Corona in Österreich: Die Rückkehr der Masken
Icon: vergrößernMarktstand in Klagenfurt (Archivbild): In Österreich gibt es bezüglich der Schutzmasken regional unterschiedlich strenge Regelungen
Foto: Gert Eggenberger/ dpa
Die Maske muss in Österreichs Supermärkten erst von Freitag an wieder getragen werden. Aber beim Hofer in Graz-Mariatrost gehört sie schon wieder zum Alltag. Etwa die Hälfte der Kunden in dieser Filiale des Discounters hat sich an diesem Mittwochmittag freiwillig einen Mund-Nasen-Schutz vors Gesicht gezogen; vergangene Woche gingen hier noch fast alle oben ohne einkaufen. "Ab Freitag müssen sie sowieso", sagt eine Filialmitarbeiterin. "Es wird wieder ernst."
39 Tage ist es her, dass Österreichs Regierung die nationale Maskenpflicht im Handel aussetzte – zur Erleichterung vieler Händler, die sich entspannteres Einkaufen und steigende Umsätze erhofften. Doch viele Bürger nahmen es bald nicht mehr so genau mit Abstand und Hygiene; Sorglosigkeit machte sich breit. Die Infektionszahlen vervierfachten sich binnen fünf Wochen, Angst vor einer zweiten Welle kam auf.
Und so müssen Kunden und Mitarbeiter von Freitag an wieder landesweit Masken tragen: in Supermärkten, Banken und Postämtern. Macht der Zwang zur "Gesichtswindel", wie Maskenhasser sie titulieren, den Inhabern ihre Existenz kaputt?
Maria Elisabeth hat die Maske noch auf, als sie aus dem Hofer kommt – den Einkaufswagen halb voll mit Milch, Brot, Gemüse. "Ich habe sie immer im Supermarkt getragen, um die anderen zu schützen. Aber ich war die Einzige", sagt die 75-jährige Rentnerin, während sie die Lebensmittel in den Kofferraum lädt. "Wenn die Maskenpflicht kommt, fühle ich mich wieder sicherer beim Einkaufen." Denn dann müssen die anderen auch sie schützen. Sie werde deswegen jetzt nicht mehr oder weniger einkaufen gehen als vorher, sagt Maria Elisabeth. Aber sie kann sich schon vorstellen, dass die Maske manchen Mitbürgern die Lust am Shoppen vergällt.
Der Handelsverband warnt vor sinkenden Umsätzen
"Die Maskenpflicht hat einen Effekt", sagt Rainer Will, der Geschäftsführer des österreichischen Handelsverbandes – und beruft sich auf die Erfahrungen in Oberösterreich. Dieses Bundesland hatte angesichts rapide steigender Corona-Infektionszahlen und einem großen Ausbruch im Umfeld einer Freikirche schon vorvergangene Woche in allen öffentlich zugänglichen Räumen einschließlich sämtlicher Handelsgeschäfte eine Maskenpflicht eingeführt.
"Im Non-Food-Bereich haben Geschäfte rund 25 Prozent ihrer Frequenz verloren, im Modehandel sogar bis zu 50 Prozent", berichtet Will. Die Maske nehme vielen Konsumenten die Freude am Einkaufen. Außerdem sei ihr Nutzen zweifelhaft. Österreich habe "zuletzt eine massive Clusterbildung durch Aktivitäten im privaten Bereich" gesehen. Ansteckungen in Einzelhandelsgeschäften hingegen seien nicht bekannt.
Laut dem Handelsverband hatte die Wiener Regierung ursprünglich die Wiedereinführung der Maskenpflicht für den gesamten Einzelhandel erwogen, also zum Beispiel auch für Modegeschäfte oder Kaufhäuser. Das hätte "gravierende Folgen" gehabt, meint Lobbyist Will. "Schon jetzt haben ein Drittel der Non-Food-Betriebe mit Zahlungsschwierigkeiten zu tun." Im stationären Einzelhandel seien dieses Jahr Umsatzeinbußen von durchschnittlich 32 Prozent gegenüber 2019 zu erwarten.
Die Regierung hat die Argumente des Verbandes gehört. Und am Ende eine Maskenpflicht light angeordnet: nur für Supermärkte, Bank und Post, vorerst. "Da muss man als Bürger hingehen", sagt Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), "das sucht man sich nicht aus."
Allerdings wäre die obligatorische Maske auch manchen Ladeninhabern nicht unlieb. "Seit zwei, drei Tagen kommt die Hälfte der Kunden von sich aus wieder mit Maske: vor allem ältere Menschen und Frauen", sagt Peter Hausleitner, Chef des traditionsreichen Grazer Fotofachgeschäftes Opernfoto. "Die Leute haben sich eh an die Masken gewöhnt, eine Maskenpflicht würde uns keine zusätzlichen Umsatzverluste bescheren." Wohl aber würde sie das Ansteckungsrisiko verringern, meint Hausleitner: für seine Mitarbeiter, andere Kunden und ihn selbst.
Für die Supermärkte dürfte die Maskenpflicht sowieso kaum geschäftsschädigend sein. "Wir erwarten keine maßgebliche Veränderung im Kaufverhalten", erklärt eine Sprecherin von Spar auf Anfrage. Die Pressestelle von Hofer, einer Tochter der Aldi-Süd-Gruppe, teilt mit, bisher "konnten wir keine signifikanten Auswirkungen auf die Frequenz oder gar auf den Umsatz in unseren Filialen ausmachen und rechnen auch in Zukunft nicht damit." Und Rewe ("Billa", "Penny") schreibt, man reduziere "etwaige Schwankungen hinsichtlich Kundenfrequenz und Umsatz nicht auf ein singuläres Ereignis wie die Maskenpflicht." Lebensmittel müssen die Kunden schließlich so oder so einkaufen.
Spar und Hofer wollen bis auf Weiteres nun wieder gratis Masken an Kunden ausgeben, die keine eigenen dabei haben. Größere Proteste oder Massenboykotte erwartet die Branche daher nicht. Auch von denen nicht, die an diesem Mittwoch noch oben ohne unterwegs sind – wie etwa Josef beim Hofer in Graz-Mariatrost. "Seit die Maskenpflicht gelockert ist, werden viele Leute leichtsinnig und halten die Abstände nicht mehr ein", sagt der 75-Jährige. Er werde sich selbstverständlich von Freitag an an das Gebot halten. "Überall, wo die Maske vorgeschrieben ist, trage ich immer eine."
Und warum nicht freiwillig, jetzt und hier? Josef denkt zwei, drei Sekunden nach, dann lächelt er: "Ein bisschen Bequemlichkeit ist schon dabei."
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