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Corona-Hotspot Berchtesgadener Land: “Herrschaften, einige waren vielleicht zu nachlässig”

October 23
22:32 2020
Kapelle St. Bartholomä am Königssee: "Wir werden als Maskennazis beschimpft" Icon: vergrößern

Kapelle St. Bartholomä am Königssee: "Wir werden als Maskennazis beschimpft"

Foto: Lino Mirgeler / dpa

Das Haus, aus dem die schlechten Nachrichten kommen, steht gleich am Ortseingang von Bad Reichenhall, ein zweigeschossiger Bau mit grüner Metallfassade neben der viel befahrenen Bundesstraße. Ähnlich zweckmäßig sehen Landratsämter an vielen Orten in Deutschland aus, das des Berchtesgadener Landes ist derzeit das wohl prominenteste.

"Eintritt erst nach Aufforderung", ist am Eingang zu lesen. Die Bürger, die sich dort einreihen, wollen ein neues Auto-Kennzeichen besorgen, einen Ausweis oder auch nur die passenden Müllsäcke. Ein Security-Mitarbeiter nimmt die Anliegen an einem Tisch im Freien entgegen und telefoniert die zuständigen Mitarbeiter an. Ab und zu kommt ein Soldat im Flecktarn nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen, es geht sehr geordnet zu.

Das Drama, die Unsicherheit, der Behördenstress: Sie spiegeln sich vor allem in den Zahlen wider. 278,49 Infizierte pro 100.000 Einwohner, so lautet der jüngste Corona-Inzidenzwert für das Berchtesgadener Land, derzeit einsame Spitze in Deutschland. 64 bestätigte Fälle sind neu hinzugekommen. 13 Covid-Patienten müssen derzeit im Krankenhaus behandelt werden, einer auf der Intensivstation. Die 55 Tracing-Nachverfolger des Gesundheitsamtes werden von 40 Soldatinnen und Soldaten unterstützt, das sind die Leute im Flecktarn.

"Das Geschehen ist über den ganzen Landkreis verbreitet", erklärt Landrat Bernhard Kern am Telefon, "man kann es nicht eingrenzen." Bei der Ermittlung der Kontakte käme man gerade noch hinterher, "es ist nicht so, dass etwas liegen bleibt." Für die von ihm erlassene strenge Allgemeinverfügung gelte: "Die Zahlen geben uns recht".

Vorerst bis zum 2. November gelten im Berchtesgadener Land besonders harte Corona-Regeln: Die Bürgerinnen und Bürger dürfen ihre Wohnungen nur mit triftigem Grund verlassen. Feriengäste mussten abreisen, auf der Bundesstraße bildete sich ein langer Abreise-Stau. Einige Rückreisende wurden inzwischen schon in ihren Heimatorten positiv getestet.

Restaurants dürfen nur noch Essen zum Mitnehmen anbieten, Bäder und Seilbahnen sind geschlossen. Die Schüler und Kindergarten-Kinder sollen erst nach den Herbstferien zurückkehren. Auch die Gewerbetreibenden trifft es hart: Dem Möbelgeschäft Fischer an der Abzweigung zum Landratsamt etwa fehlt die Kundschaft aus Österreich. Ganze drei Kunden seien am Vormittag da gewesen, erzählt Filialleiter Alexander Eisenmann. "Wir stellen uns auf eine sehr ruhige Zeit ein."

Gegenpol zu Berlin-Neukölln

Ruhig, sauber, geordnet: Das Berchtesgadener Land ist der Gegenpol zu quirligen Stadtteilen wie Berlin-Neukölln. Im Landkreis leben nur 105.000 Menschen, 126 pro Quadratkilometer. Ringsum Schnee, Fels, Wälder. Besonders Senioren schätzen die alpine Stimmung. In der Region werden gerade viele barrierefreie Eigentumswohnungen gebaut. Die Luftkurorte werben um Erholungssuchende mit Atemwegserkrankungen, vor der Reha-Klinik am Kurpark in Bad Reichenhall gilt ein großflächiges Rauchverbot.

Und jetzt das: Corona-Hotspot. Statistisch ist der Status paradoxerweise eine Folge der Leere. Denn im Berchtesgadener Land reichen ein paar mittelgroße Cluster aus, um den Landkreis nach oben zu pushen auf der Skala – eine der Schwächen, wenn allein die Inzidenzwerte als Maßstab herhalten müssen.

Und woran liegt es sonst? Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte Partys als Ausgangspunkt. Im Landkreis kursieren Gerüchte und Hinweise auf Infektionen auf diversen Feiern, unter anderem in einer Almhütte, einer Shisha-Bar, bei einem Garagenfest. Auch Funktionsträger sollen mitgefeiert haben. Belegen lässt sich wenig. "Das Hauptausbruchsgeschehen ging von einer privaten Feier aus", heißt es beim Landratsamt.

Eine andere Theorie: die Nähe zu Österreich. Der dortige Hotspot Kuchl ist nahe, die Leute aus dem Berchtesgadener Land gehen gerne in Salzburg aus, doch welche Viren-Einträge es so gab, ist ungewiss.

Zu laxe Maskenmoral?

Lukas Harkotte hat eine weitere Erklärung: die nachlassende Disziplin. Der 22-jährige Buchhändler mit den blonden Locken sitzt in einem Park in der Innenstadt von Bad Reichenhall, er hat gerade Mittagspause. "Das Ansteigen der Fallzahlen hat auch damit zu tun, dass die Maßnahmen nicht durchgesetzt wurden", sagt Harkotte. "Gerade, wenn es ein diffuses Geschehen gibt, dann müsste man doch überall kontrollieren."

Doch von Kontrollen sei vor der strengen Allgemeinverfügung nicht viel zu sehen gewesen. Die Maskenmoral sei immer laxer geworden. "Ich musste immer wieder mit Kunden diskutieren, die sich weigerten, Mund und Nase zu bedecken." Dabei sei das eigentlich nicht seine Aufgabe: "Ich bin Einzelhändler, ich bin für die Leute da, nicht gegen sie".

Harkotte: "Nun ist das exponentielle Wachstum da, es wäre zu verhindern gewesen." Schon vor einiger Zeit habe er an den Landrat geschrieben: "Ich kann mir vorstellen, dass Sie keine Touristen mit Kontrollen verschrecken wollen, aber ein zweiter Lockdown würde dem Stadttourismus wahrscheinlich stärker schaden." Harkotte erhielt eine Antwort vom Gesundheitsamt, man dankte ihm für die "offenen Worte", es sei wichtig, "dass wir uns alle an die gesetzlichen Vorgaben halten". In der Lokalzeitung erschien ein Artikel mit dem Titel "Wir werden als Maskennazis beschimpft" über Harkotte, der sich weiterhin für mehr Disziplin einsetzen will.

Ein sehr guter Sommer

Die Region hat touristisch einen sehr guten Sommer hinter sich, massenhaft folgten die Leute dem Aufruf Söders, in Bayern Urlaub zu machen. An fotogenen Orten traten sich die Besucher auf die Füße, das Geschäft der Hoteliers und Gastronomen brummte – bei niedrigen Infektionszahlen. Nun hat sich die Relation umgekehrt, nach der Überfüllung ist nun wieder die Abwesenheit von Touristen das Problem. Am Königssee sind die Andenkenläden mangels Kundschaft geschlossen, ebenso die Romy-Schneider-Ausstellung, auf dem leeren Riesenparkplatz üben ein paar Mountainbiker.

"Einheimische kaufen keine Souvenirs", sagt Brigitte Schlögl. Sie ist Geschäftsführerin der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH. Von ihrem lichten Neubau-Büro im Zentrum von Berchtesgaden blickt Schlögl auf eine fast passantenfreie Haupteinkaufsstraße. Die Beschränkungen träfen den gesamten Tourismus. "Die Branche ist nicht der Verursacher, für sie ist das jetzt ein Schlag in die Magengrube."

Mit Kritik an den Maßnahmen hält sie sich zurück. "Es ist jetzt auch für alle ein Schuss vor den Bug: Herrschaften, einige waren vielleicht zu nachlässig", sagt die Tourismus-Managerin. Ihre Hoffnung: "Dass wir kein Dauer-Hotspot werden, sondern die Leute bald wiederkommen."

Die steigenden Zahlen spiegelten sich inzwischen auch in den Krankenhäusern, warnt Michaela Kaniber, die aus dem Landkreis stammenden Landwirtschaftsministerin. Sie ist gerade im Auto unterwegs, zwischen München und ihrem Wahlkreis. Kaniber ist für Söders Landesregierung so etwas wie die vorübergehende Krisenbeauftragte vor Ort und nimmt an den Sitzungen der örtlichen Stäbe teil. Noch reichten die medizinischen Kapazitäten, doch bei weiterem exponentiellem Wachstum drohe die medizinische Unterversorgung.

Kaniber stammt ursprünglich selbst aus einer Wirtsfamilie, ihre Schwester betreibt ein Hotel. "Ich verstehe die Wut, wenn Gäste abreisen müssen", sagt die Ministerin. "Aber es ist für eine Tourismus-Region besonders wichtig, Einheimische und Gäste zu schützen."

Ihr Appell: "Wir müssen nun auf kraftvolle Maßnahmen setzen", sagt Kaniber. "Wir sollten davon absehen, den Schwarzen Peter zu verteilen. Es geht darum, die Infektionswelle zu stoppen." Die Republik schaue nun darauf, wie die Region die Herausforderung bewältige. "Das hat Wirkung ins gesamte Bundesgebiet."

Beim Verwaltungsgericht München sind bereits mehrere Klagen und Eilanträge gegen die strengen Maßnahmen im Berchtesgadener Land eingegangen. Die meisten Menschen nehmen sie jedoch hin. Manche schicken sich zur Aufmunterung kleine Videos hin und her. Eines zeigt den Ministerpräsidenten. Ministerpräsident Markus Söder wird in der Montage ein abgewandelter Claim in den Mund gelegt, den in Bayern alle kennen. "Ich bin der Markus, und ich bleib jetzt dahoam."

Icon: Der Spiegel

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