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Belarus: Präsident Alexander Lukaschenko kann weniger Anhänger mobilisieren als Gegner

August 16
21:50 2020
Lukaschenko-Anhänger in Minsk: Die Plakate sind vorgefertigt; statt den weiß-rot-weißen Fahnen der Opposition weht die rot-grüne offizielle Nationalfahne Icon: vergrößern

Lukaschenko-Anhänger in Minsk: Die Plakate sind vorgefertigt; statt den weiß-rot-weißen Fahnen der Opposition weht die rot-grüne offizielle Nationalfahne

Foto: TATYANA ZENKOVICH/EPA-EFE/Shutterstock

Eine Woche nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl in Belarus hat Alexander Lukaschenko ein Kräftemessen in der Hauptstadt Minsk veranstaltet, sozusagen einen direkten Vergleich zwischen der Zahl seiner Anhänger und der seiner Gegner. Das Resultat, so kann man am Sonntagabend sagen, ist eindeutig ausgefallen.

Der Größenvergleich beginnt am Sonntagmittag auf dem Unabhängigkeitsplatz. Eigentlich wollte die Opposition hier demonstrieren – sie protestiert gegen das offenkundig manipulierte Wahlresultat (Lukaschenko schreibt sich 80 Prozent der Stimmen zu) und gegen Polizeigewalt.

Aber der Präsident hat kurzerhand eine Großkundgebung seiner Unterstützer organisiert, aus dem ganzen Land hat man sie hergebracht. Es sind gut Zehntausend Menschen, und man kann sie schon äußerlich leicht von den Lukaschenko-Gegnern unterscheiden, die am Freitag hier demonstriert haben: Kein einziges Plakat ist handgemalt, alle sind vorgefertigt; statt den weiß-rot-weißen Fahnen der Opposition weht die rot-grüne offizielle Nationalfahne; das Publikum ist älter; und es ist schwerer, die Leute zum Reden zu bringen, denn viele sind offenbar nicht ganz aus eigenem Willen hier.

Was die Anwesenden nicht wissen: Präsident Lukaschenko selbst wird zu ihnen sprechen, in einer 30 Minuten dauernden, hochemotionalen Rede. Aber bis dahin ziehen 19 andere Rednerinnen und Redner über die Bühne neben dem Lenin-Denkmal. Ein Offizier der berüchtigten Omon-Sonderpolizei ist darunter, eine kinderreiche Mutter, ein Arbeiter, eine Ärztin, ein Lehrer, ein Afghanistan-Veteran. Fast alle werden sie den Frieden im Land beschwören, den die Gegenseite bedrohe, und dass doch alles in recht guter Ordnung sei, Gott und dem Präsidenten sei Dank.

Batka, Väterchen nennen sie ihn hier

Dann kommt Lukaschenko auf die Bühne, begrüßt von "Batka"-Rufen. Batka, Väterchen, nennen sie ihn hier, und wie ein liebevoller, strenger, ein wenig von seinem undankbaren Volk enttäuschter Vater tritt er heute auf. Er erläutert, was er in den schwierigen Neunzigerjahren alles geleistet hat – aber für die jüngeren Belarussen ist das graue Vorzeit. Er warnt vor dem Westen: "Die Nato-Leute klirren mit Panzerketten an unserer Westgrenze" – aber vor den Wahlen hat er noch vor Russlands Einmischung gewarnt.

Jetzt, wo im Land Unruhe herrscht, ist er auf Wladimir Putin im Kreml angewiesen, zweimal hat er in diesen Tagen mit ihm telefoniert. Er nennt die Demonstranten der Gegenseite erst freundlich "Verirrte", dann aber doch "Ratten" und "Dreck". Er geißelt die Idee von Neuwahlen ("Wer soll dann arbeiten?"). Er ist emotional. Seine Stimme überschlägt sich hin und wieder, er tupft sich die heiße Stirn ab, das Jackett hat er abgelegt. Er spricht weitgehend frei. Zu seiner Rechten steht in Anzug und mit Sonnenbrille Nikolaj, sein 15 Jahre alter Sohn. Auch das ist ein Zeichen des Präsidenten: Meine Familie ist im Land. Ich gebe nicht auf.

"50.000 Menschen und mehr", sagt Lukaschenko, seien auf dem Platz. Es ist eine maßlose Übertreibung. Der Versuch, an diesem Sonntag eine unsichtbare Mehrheit von Lukaschenko sichtbar zu machen, ist gescheitert. Stattdessen versammelt sich an der "Stele", einem Kriegerdenkmal weiter nördlich, eine riesige Menschenmenge. Hier herrscht eine andere Atmosphäre: mehr Love-Parade als zorniger Protest, mit einfallsreichen handgemalten Schildern und lustigen weiß-rot-weißen Kleidern – aber ohne Bühne, Reden, Anführer, Struktur. Ein heiteres Beisammensein, begleitet vom ständigen Hupen der vorbeifahrenden Autos. Minsk klingt derzeit überhaupt, als würde die belarussische Nationalmannschaft jeden Tag aufs Neue die Fußball-WM gewinnen.

Lukaschenkos Gegner sind lauter

Von Lukaschenkos Rede auf dem Unabhängigkeitsplatz hat man hier wenig mitbekommen, und das Interesse daran ist auch sehr gering. Dass er überall ausländische Einmischung sieht, das verwundert hier keinen. "Er warnt dauernd, dass andere Belarus erobern wollen – Polen, Tschechien, der Westen, wer auch immer. Er sieht nicht, dass wir Belarussen Belarus erobern wollen", sagt der 27-jährige Programmierer Witalij.

Die Anhänger von Lukaschenko, die mittags auf dem Unabhängigkeitsplatz waren, sind nach der Großkundgebung still nach Hause gegangen. Lukaschenkos Gegner sind lauter, und sie verlaufen sich nicht so schnell. Die Menge an der Stele strömt am Abend auf vielen Wegen zurück ins Zentrum, zum Unabhängigkeitsplatz. Derselbe Raum, auf dem der Präsident am Mittag ein Zeichen seiner Unterstützung setzen wollte, füllt sich nach sechs Uhr mit einem Meer an weiß-rot-weißen Flaggen, sogar der breite Unabhängigkeitsprospekt ist voller Menschen. "Geh weg!", rufen sie, genau dort, wo der Präsident zeigen wollte, dass er das Heft in der Hand hat. Polizei ist nirgends zu sehen.

"Es ist eine ernste, eine sehr ernste Zeit", so hatte Lukaschenko am Mittag seinen Anhängern erklärt. Wie ernst, das wird er vielleicht erst am Abend ganz verstanden haben, beim Blick auf das Menschenmeer auf dem Unabhängigkeitsplatz.

Icon: Der Spiegel

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