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Aufwachsen im Flüchtlingscamp: Eine Kindheit in Moria auf Lesbos

July 25
14:42 2020

Moria ist, erst mal, der Ort, an dem vieles zu Ende geht: die Flucht übers Meer, der Glaube an ein humanitäres Europa, die Hoffnung, dass das, was kommt, besser wird.

Moria ist, auch, der Ort, an dem Leben neu beginnt. Kinder werden geboren, sie gehen ihre ersten Schritte, sie bilden ihre ersten Silben.

Die Kinder von Moria beginnen ihre Leben in einem Camp, das einmal für 3000 Bewohner errichtet wurde, und in dem nun 20.000 Menschen leben, ein Ort, der als Zwischenhalt für Flüchtlinge gedacht war, die auf den griechischen Inseln landen, und der zu einer Endstation geworden ist für Tausende, zu einer Stadt aus Zelttuch, gedrückt in die Olivenhänge. Viele stecken seit Jahren auf der Insel fest, weil ihre Asylgesuche nicht bearbeitet werden.

Moria ist dort, wo sich Ratten zwischen den Zelten breitmachen. Wo man Schlange stehen muss, um Essen zu bekommen. Wo fließend Wasser auf wenige Stunden am Tag rationiert wird. Wo sich Frauen und Männer nachts nicht auf die Toiletten der Sanitäranlagen trauen, aus Angst vor Übergriffen und Messerstechereien.

Und wo, dazwischen eben, Kinder heranwachsen.

Der Berliner Fotograf Murat Türemis brach das erste Mal 2016 zu den Flüchtlingslagern auf, da wurde gerade der EU-Türkei-Deal geschlossen. Seitdem ist er regelmäßig in den Camps unterwegs, auf den griechischen Inseln und auf dem Festland.

Im Frühjahr hat er zweieinhalb Monate in Moria auf Lesbos verbracht. Er traf dort afghanische und syrische Väter und Mütter, deren Kinder schwer krank sind.

Als Türemis die kleine Saraya zum ersten Mal sieht, liegt sie im Arm ihres Vaters. Sermuhammed und seine Frau Qandigol, geflüchtet aus Afghanistan, bangen um ihre Tochter. Qandigol stand schwanger die Flucht durch und brachte dann in der Türkei ihr Kind zur Welt. Später erreichte die Familie Lesbos.

Die kleine Saraya ist, als Türemis sie fotografiert, schwer krank, sie hat ein Loch im Herzen, braucht dringend eine OP. Seit Monaten warten die Eltern, dass ihrer Tochter geholfen wird, die Hilfe verzögert sich. Auch wegen der Coronakrise ist die OP auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Er habe Mütter und Väter gesehen, sagt Türemis, die dringend eine Therapie bräuchten. Kinder, die mit traumatisierten Eltern aufwachsen oder selbst traumatisiert seien von der Flucht.

Der Fotograf trifft auch Daham, viereinhalb Jahre, er wiegt 10,6 Kilogramm, viel zu wenig. Daham leidet an einer schweren Weizenallergie, kann das Essen im Camp nicht vertragen, anderes gibt es nicht.

Und er trifft Islam, ein Mädchen, das beim Bombenangriff auf ihr Dorf in Syrien ihr Gehör verlor.

"Die Langzeitfolgen einer Kindheit in Moria werden wir erst in ein paar Jahren sehen", sagt Türemis. Die Befunde der Kinder und die Kontakte zu den einzelnen Familien liegen dem SPIEGEL vor.

Inzwischen sind die Familien in Athen angekommen, wo sie nun auf medizinische Hilfe warten. Andere müssen weiter auf den Inseln ausharren.

Lesen Sie in der Fotostrecke die Geschichten der Kinder und ihrer Eltern während ihrer Zeit im Camp Moria:

Anmerkung der Redaktion:Die Bilder sind, wie im Text erwähnt, im Frühjahr 2020 entstanden. Inzwischen sind die hier erwähnten Familien in Athen, wo sie auf eine Behandlung ihrer Kinder warten. Wir haben diese Information ergänzt.

Icon: Der Spiegel

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