Bild vergrößernJens Spahn beim Besuch des Impfzentrums in der Berliner Messe
Foto: Michael Kappeler / dpa
Mit eindringlichen Worten hat sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Ostermontag zur Lage in der Pandemie geäußert: »Impfen verhindert nicht die dritte Welle, die dritte Welle wächst«, sagte der CDU-Politiker in Berlin. Am Montag besuchte er das Impfzentrum in der Berliner Messe und dankte zusammen mit der Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) den Helfern aller Impfzentren in Deutschland, die über die Feiertage weitgehend gearbeitet haben, wie der »Tagesspiegel« berichtet.
Spahn bezeichnete die Situation auf den Intensivstationen und in den Kliniken angesichts steigender Auslastung als besorgniserregend. Laut Register der Vereinigung der Intensivmediziner stieg die Zahl der Infizierten, die auf Intensivstationen behandelt werden, über das Osterwochenende auf mehr als 4000. Davon wurde mehr als die Hälfte (rund 55 Prozent) invasiv beatmet.
»Wir müssen diese dritte Welle miteinander brechen und Kontakte reduzieren«, sagte Spahn. »Vor allem im privaten Bereich, in den Schulen, auf Arbeit, wo es eben geht.« Dass Kontaktbeschränkungen weiter notwendig seien, zeigten Länder wie Chile, Großbritannien oder die USA, in denen bereits ein größerer Teil der Bevölkerung geimpft wurde. Der Minister appellierte an die Länder, »dort, wo eine Inzidenz von über 100 ist, die vereinbarte Notbremse konsequent umzusetzen, um die Zahlen runterzubringen«.
Er forderte zudem erneut Erleichterungen für bereits vollständig geimpfte Menschen, um sie so behandeln zu können wie negativ getestete. Abstandsregeln, Hygiene oder medizinische Schutzmasken seien für beide Gruppen weiterhin notwendig.
Bis Ende April sollen laut Spahn 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine erste Impfdosis erhalten haben. Im ersten Quartal seien aufgrund der Impfstoffknappheit lediglich etwa zehn Prozent der Deutschen gegen das Coronavirus geimpft worden, »wir werden die nächsten zehn Prozent jetzt in einem Monat schaffen können«. Neben den Impfzentren würden dabei auch zunehmend die Arztpraxen eine Rolle spielen.
Berlins Gesundheitssenatorin Kalayci sagte beim Termin mit Spahn, dass auch die neuen Angebote mit dem Impfstoff von AstraZeneca an über 60-Jährige »sehr gut angenommen« würden. Allerdings seien auch noch Termine dafür verfügbar.
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat sich unterdessen für einen Kurswechsel bei der Corona-Impfstrategie ausgesprochen: Deutschland solle sich vorerst darauf konzentrieren, so vielen Menschen wie möglich eine Erstimpfung zu ermöglichen. Würde der Abstand zur Zweitimpfung bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna von sechs auf zwölf Wochen verlängert, könnten bis Juli über 60 Millionen Menschen in Deutschland erstgeimpft und somit gegen schwere Krankheitsverläufe geschützt sein, sagte Lauterbach der »Augsburger Allgemeinen« (Dienstagsausgabe). »Wenn wir jetzt unsere Strategie wechseln und auf möglichst viele Erstimpfungen ausrichten, wird kein vierter Lockdown mehr nötig sein.«
Lauterbach verwies auf Erfahrungen aus Großbritannien sowie Modellrechnungen unter seiner Beteiligung, wonach so »weit über 10.000« Todesfälle verhindert werden könnten: »Studienergebnisse aus Australien weisen darauf hin, dass der Schutz der mRNA-Impfstoffe auch zwischen der sechsten und der zwölften Woche nach der Impfung so stark ausgeprägt ist, dass bei einer Coronainfektion das Risiko schwerer Verläufe mit Klinikaufenthalten oder tödlichem Ausgang extrem gering ist.«
Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, unterstützte den Vorschlag und forderte, keine Dosen für Zweitimpfungen mehr zurückzulegen. »Wir haben derzeit über 1,2 Millionen Dosen Biontech und eine halbe Million von Moderna auf Lager in den Gefrierschränken liegen«, sagte Watzl der »Augsburger Allgemeinen«. »Wir müssen jetzt aber pragmatisch sein und alles verimpfen, was geliefert wird.« Möglicherweise lasse der Schutz zwischen Woche sechs und zwölf etwas nach, doch »selbst wenn der Impfabstand etwas länger als sechs Wochen ist, retten wir dadurch möglicherweise mehr Menschenleben als wir schwere Erkrankungen riskieren«.
Als Abstand zwischen den beiden nötigen Impfungen hatte die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut zunächst für das Biontech/Pfizer-Mittel drei bis sechs Wochen empfohlen, für den Moderna-Impfstoff vier bis sechs Wochen. In einem Beschlussentwurf vom 1. April zur Aktualisierung der Empfehlungen heißt es nun: »Die Gabe der zweiten Impfstoffdosis soll für die mRNA-Impfstoffe nach sechs Wochen und für den AstraZeneca-Impfstoff nach zwölf Wochen erfolgen, da dadurch sowohl eine sehr gute individuelle Schutzwirkung als auch ein größerer Effekt der Impfung auf Bevölkerungsebene zu erzielen ist.«
München will lockern
München wiederum blickt etwas entspannter auf die Lage und will die verschärften Maßnahmen lockern, weil von Karsamstag bis Ostermontag der Inzidenzwert drei Tage lang unter 100 lag. Die nächtliche Ausgangssperre entfällt dann, und Geschäfte, Museen sowie der Tierpark dürfen wieder öffnen. Das Robert Koch-Institut weist allerdings darauf hin, dass die Gesundheitsämter an Feiertagen Infektionszahlen unter Umständen zeitverzögert melden und sich zudem möglicherweise weniger Menschen testen lassen.
Bayernweit steigen die Neuinfektionen zudem seit einiger Zeit wieder deutlich an. Ein Großteil der Landkreise und kreisfreien Städte im Freistaat hat den Inzidenzwert von 100 überschritten. Spitzenreiter war am Montag die Stadt Hof mit 469,2 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche.
