Rentenreform soll kommen – echt!: Junge legen den Alten den Ball auf den Elfmeterpunkt
Politik
Rentenreform soll kommen – echt!Junge legen den Alten den Ball auf den Elfmeterpunkt
23.06.2026, 17:48 Uhr
Von Volker PetersenArtikel anhören(06:43 min)00:00 / 06:43
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Der Bericht der Rentenkommission stößt bei den Koalitionsspitzen auf viel Wohlwollen, Merz und Bas wollen die 33 Empfehlungen wie empfohlen umsetzen. Damit stehen die Zeichen auf Erfolg. Die Arbeitsweise der Kommission könnte Schule machen.
Es sind Namen, die man sich merken sollte: Pascal Reddig, Annika Klose und Florian Dorn. Die drei Abgeordneten von CDU, SPD und CSU haben etwas geschafft, was manche nur noch mit viel Fantasie für möglich hielten. Gemeinsam mit einer Gruppe von Experten haben sie in der Rentenkommission ein Mammutprojekt ausgehandelt. Aber ihre Leistung ist noch größer: Sie haben dem Optimismus neue Flügel verliehen, dass es doch etwas werden kann mit der Arbeitskoalition aus Union und SPD. Damit ließen die drei jungen Kommissionsmitglieder – Reddig ist 31, Klose 33, Dorn 40 – ihr eigenes Spitzenpersonal alt aussehen.
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Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas waren bei der Pressekonferenz im Kanzleramt voll des Lobes. Mit der neuen Kapitalmarktrente werde das letzte Versprechen der christlichen Soziallehre eingelöst, schwärmte der CDU-Chef. Bas philosophierte, eine Reform sei erst dann eine Reform, wenn sei zu etwas Besserem führe. Und das sei hier der Fall. Langfristig sollen die Beiträge sinken und die Renten steigen.
Was wie ein leeres Versprachen, wie Wunschdenken, wie Träumerei klingt, soll tatsächlich möglich werden – dadurch, dass nun erstmals Geld am Kapitalmarkt angelegt werden soll, von bis zu 35 Milliarden Euro pro Jahr ist die Rede. Das Rentenniveau könnte demnach sogar steigen, von 48 Prozent auf 50 Prozent.
Kommission schien wie tickende Zeitbombe
Es ist bemerkenswert, was hier gerade passiert. Zum einen inhaltlich: Fließen Kapitalerträge in die Rente ein, ist das die wohl größte Neuerung des Systems seit Jahrzehnten. Sollten Minijobs tatsächlich weitgehend verboten werden, käme das einer kleinen Revolution auf dem Arbeitsmarkt gleich. Mit der Rücknahme der Rente mit 63 zeigt sich die Politik fähig, auch mal einmal erteilte Wohltaten wieder zurückzunehmen.
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Und bewahrheitet sich das Versprechen, dass die Beiträge stabil bleiben, die Rente aber steigt, wäre es das Meisterstück dieser Koalition. All das gelingt freilich nur, wenn sich die Annahmen der Kommission bewahrheiten. Andererseits: Ohne Reform werden die Beiträge ohnehin steigen. Dann allerdings wird das Rentenniveau sinken.
Natürlich gelingt die Reform nur, wenn CDU, CSU und SPD sie tatsächlich so beschließen. Stand jetzt sieht es aber gut aus. Merz hat sich dafür ausgesprochen, Bas ebenso und ihr Co-SPD-Chef Lars Klingbeil hatte sich schon am Vortag offen gezeigt. Die Vorschläge der Kommission haben etwas von einem Ball, der nun auf dem Elfmeterpunkt liegt. Die Chance auf einen Abschluss ist da.
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Dass es überhaupt so weit kommen konnte, liegt an der neuen Rolle der Kommission. Die ist ebenfalls bemerkenswert. Eigentlich haben solche Arbeitsgruppen einen schlechten Ruf. "Wenn du nicht mehr weiterweißt, gründe einen Arbeitskreis", ist einer dieser Sprüche, die das illustrieren. Als Union und SPD nach ihren Koalitionsverhandlungen bekannt gaben, die Großthemen Gesundheit und Rente erstmal in Kommissionen auszulagern, kam das bei vielen nicht gut an. War das nicht bloß der Versuch, Zeit zu gewinnen? Die Kommissionen wirkten denn auch wie eine tickende Zeitbombe. Wenn sie ihre Berichte vorlegen, würden die Konflikte zwischen Union und SPD erst richtig ausbrechen, so die Befürchtung.
Hardliner einigen sich
Es kam anders. Schon die Vorschläge der Kommission für eine Gesundheitsreform waren so detailliert und ausgewogen, dass sie Union und SPD nach Vorlage des Gesetzentwurfes gar nicht erst in die Schützengräben verzogen, sondern relativ geräuschlos an Korrekturen arbeiteten.
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In der Rentenkommission hat das noch besser funktioniert, weil diesmal drei Politiker mit drinsaßen. Und nicht irgendwelche: Reddig ist Vorsitzender der Jungen Gruppe der Unionsfraktion, die im vergangenen Winter im Streit um die erste Rentenreform dieser Bundesregierung die Koalition an den Rand des Scheiterns brachte. Die Sozialpolitikerin Annika Klose zählt zu den Parteilinken der SPD. Im Bundestag fällt die 33-Jährige mit besonders kämpferischen Reden auf.
Und ausgerechnet die sollten eine Einigung herbeiführen? Doch, genau die. Denn wenn sich die Hardliner auf beiden Seiten einigen, dann hat das mehr Überzeugungskraft in den eigenen Reihen, als wenn nur die Gemäßigten und Ohnehin-Kompromissbereiten nach Lösungen suchen.
"Herbst der Reformen" könnte doch noch kommen
Die Kommission hatte noch einen Vorteil: Sie konnte in Ruhe und unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit den acht Experten beraten und verhandeln. Hätte dieser Prozess in der Öffentlichkeit stattgefunden, wäre ein großer Koalitionskrach unvermeidlich gewesen. Zugleich stimmt das Timing: Union und SPD stehen mit dem Rücken zur Wand und sind bereit zu einer Flucht nach vorn. Die Reformbereitschaft ist nicht nur grundsätzlich da, sie ist konkret.
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Nun ist die Frage, wie es weiter geht. Am 1. Juli treffen sich Union und SPD zu einem lang erwarteten Koalitionsausschuss. Dann sollen Grundzüge eines Reformpaketes beschlossen werden. Bis dahin ist noch viel Detailarbeit zu leisten. Manche der 33 Forderungen sind sehr allgemein, etwa wenn mehr Digitalisierung gefordert wird oder eine bessere betriebliche Altersversorgung.
Merz sagte, es sei jetzt keine Zeit zu verlieren. "Wir hätten das schon vor vielen, vielen Jahren machen sollen", sagte er. Im Koalitionsausschuss kommende Woche werde man den Zeitplan besprechen. Im zweiten Halbjahr soll Bas dann einen oder auch mehrere Gesetzentwürfe fertig haben. Das gleiche dürfte für die geplante Steuerreform gelten. Fast könnte man von einem "Herbst der Reformen" sprechen.

