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Was ist so toll an Tomahawk?: Trumps Absage ist Gold wert für Putin

May 05
22:45 2026

Politik

Was ist so toll an Tomahawk?Trumps Absage ist Gold wert für Putin

05.05.2026, 18:57 Uhr UnbenanntVon Frauke NiemeyerArtikel anhören(10:30 min)00:00 / 10:30

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Ein Tomahawk-Marschflugkörper ist reichweitenstark und hat hohe Sprengkraft. (Foto: imago images/ZUMA Press)

Deutschland bekommt keine Tomahawk Marschflugkörper. Die Fähigkeitslücke droht, weiter in Europa zu klaffen. Kann der Kreml also frohlocken?

Manchmal ist das Interessanteste an einer Aussage, was darin nicht gesagt wird. "Dass die USA Truppen aus Europa und auch aus Deutschland abziehen würden, war absehbar", erklärte der Bundesverteidigungsminister am Samstag. Doch im Statement von Boris Pistorius fand sich kein Satz zum zweiten Teil der Mitteilung aus dem Weißen Haus. Während Deutschland noch schlief, kündigte die US-Regierung nicht nur den Abzug von 5000 US-Soldatinnen und Soldaten an. Sie sagte auch die zugesagte Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern ab. Damit sollte eigentlich Russland abgeschreckt werden.

In den Augen vieler Sicherheitsexperten war diese zweite Entscheidung aus den USA die gravierendere. Zu Recht?

"Die USA schließen mit dieser geplanten Stationierung eine Fähigkeitslücke der Europäer, die derzeit noch nicht über eigene Mittelstreckenwaffen verfügen", so schrieb es die Bundeswehr auf ihrer Webseite im Juli 2024, kurz nachdem die damaligen Regierungschefs Olaf Scholz und Joe Biden sich beim Nato-Gipfel auf den Tomahawk-Plan geeinigt hatten.

Russland brach den Abrüstungsvertrag

Mittelstreckenraketen können mit einer Reichweite zwischen 1000 und etwa 5500 Kilometern theoretisch auch Ziele in Russland von der Mitte Europas aus treffen . Mit Waffen dieser Reichweite bedroht der Kreml Europa ganz konkret seit 2017. In jenem Jahr erhielten russische Einheiten neu entwickelte Mittelstreckenraketen des Typs SM729, der bis zu 2000 Kilometer weit fliegt.

Russland brach damit den INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces), auf den sich die Nato und die damalige Sowjetunion Ende der 1980er Jahre geeinigt hatten. Eine gute Vereinbarung zur Abrüstung: Auf ihrer Grundlage bauten beide Seiten ihre ballistischen Raketen und Marschflugkörper mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern ab und versicherten, keine neuen zu entwickeln. Die Vereinbarung hielt viele Jahre, bis Russland in den 2010ern begann, wieder an Waffen dieser Reichweite zu arbeiten.

Kreml-Chef Wladimir Putin beließ es nicht bei der Produktion von SM729, sondern legte nach mit Waffen wie der Luft-Boden-Hyperschallwaffe Kinschal. Diese ist seit 2018 Teil des russischen Waffenarsenals und kann bis zu 2000 Kilometer weit fliegen. 2022 entschied Putin, russische Kampfjets mit den Kinschal-Hyperschallraketen nach Kaliningrad zu verlegen.

Inzwischen stehen dort, an der Grenze zu Polen, neben weit fliegenden Kinschals auch nuklearfähige Iskander-Raketen. Sie reichen nur etwa 500 Kilometer weit, also deutlich kürzer als die Kinschal. Aber Kaliningrad ist von Berlin auch nur knapp 500 Kilometer entfernt. "Die Kurzstreckenraketen des Iskander-Systems fliegen ziemlich schnell und erreichen das entfernteste Ziel in maximal fünf Minuten", sagt der Sicherheitsexperte Fabian Hoffmann von der norwegischen Militärakademie. "Damit kann man viele Hochwertziele in Europa und Deutschland sehr schnell erreichen."

Eine Iskander-Rakete aus Kaliningrad wäre innerhalb von fünf Minuten in Berlin, Kopenhagen oder Warschau. Eine Kinschal von dort aus abgefeuert könnte Paris, London oder Rom in zehn bis 20 Minuten erreichen. Auf diese Bedrohung Europas muss die Nato eine Antwort finden.

Patriot ist das System der Wahl, um russische Mittelstreckenraketen abzuwehren. Das präzise agierende Luftverteidigungssystem aus den USA schützt die ukrainische Hauptstadt Kiew und manch entscheidende Versorgungsanlage seit 2022 recht verlässlich gegen russische Luftangriffe. Es hat allerdings drei Nachteile:

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Auch Patriots können von feindlichen Angriffen überfordert werden. Muss das System zu viele Flugkörper gleichzeitig abwehren, wird der Schutzschirm durchlässig. Zum zweiten ist die Nachfrage nach Patriotsystemen und der passenden Munition enorm groß. Sie sind rar und teuer, auch die Munition. Die Bundeswehr hat noch neun Systeme, acht weitere sind beim US-Hersteller Raytheon bestellt. Liefertermin ist aber erst 2029 – falls das überhaupt klappt.

Der dritte Nachteil ist grundsätzlicher Natur: Denn das Risiko, dass ein Abwehrsystem durch eine Angriffswelle übersättigt wird, ist immer gegeben. "Man kommt darum mit Flugkörperabwehr sehr schnell an den Punkt, wo sie weder kosteneffizient noch überhaupt operativ machbar ist", sagt Hoffmann. "Deutschland könnte die ersten Salven abfangen. Sobald der Krieg aber länger als zwei Wochen dauerte, würde es vermutlich sehr schwierig."

FYI: Wir schlagen zurück.

Das Konzept Deterrence by Denial (Abschreckung durch Abwehr), also "Wenn Ihr uns angreift, wehren wir das einfach ab" stößt an seine Grenzen. Jetzt kommen die Tomahawks ins Spiel. Dieser Marschflugkörper könnte gar keine Iskander oder Kinschal-Raketen abwehren, er ist eine Offensivwaffe. Mit Tomahawk greift man an. Die Entscheidung, US-Tomahawks in Deutschland zu stationieren, steht für ein anderes, moderneres Konzept der Abschreckung, nämlich für Deterrence by Punishment (Abschreckung durch Bestrafung) – "Wenn Ihr uns angreift, schlagen wir zurück".

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Die Nato droht einem potentiellen Kriegsgegner Russland nicht mit Abwehr, sondern mit Gegenangriff – etwa auf kritische Infrastruktur, Kommandozentralen, also Hochwertziele, auch tief in russischem Gebiet gelegen. Für eine solche Strategie der Abschreckung eignet sich der Tomahawk-Marschflugkörper bestens. Er fliegt weit und schlägt mit großer Sprengkraft ein.

Gedacht war Tomahawk als Interims-Lösung, als zeitweise Unterstützung, wie die Bundeswehr 2024 schrieb. Boris Pistorius sagte damals, mit der geplanten Stationierung "holen wir das nach, was wir als Fähigkeitslücke beschreiben". Und weiter heißt es bei bundeswehr.de, die Europäer "wollen in fünf bis sieben Jahren eigene Mittelstreckenwaffen entwickelt haben". Zitat Boris Pistorius: "Wir sind selbst gefordert, solche Systeme zu entwickeln."

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Was ist seit diesem Satz passiert? Man hat ein Programm aufgesetzt mit Namen ELSA (European Long Range Strike Approach), in dem Deutschland, Frankreich, UK, Schweden, Polen, Italien und die Niederlande im Verbund eine weitreichende Waffe entwickeln wollen. Ein guter allererster Schritt, doch "passiert ist seitdem nichts", sagt Hoffmann. "Es wurde nur geredet, ansonsten hat man nichts gemacht."

Ein zusätzliches Abkommen zur Entwicklung einer weitreichenden Waffe schlossen die Deutschen mit den Briten. "Da ist man sogar tendenziell ein bisschen weiter, weil nur zwei Staaten beteiligt sind und nicht sieben. Aber auch hier sind wir viele Jahre von der operativen Fähigkeit entfernt."

Die Zahl der Tomahawks, die in Deutschland stationiert werden sollten, war überschaubar. Vier Startrampen samt etwa fünf bis sechs Nachladungen an Munition. "Dann wären 40 bis 50 Tomahawks nach Deutschland gekommen, keine großen Mengen." Den militärischen Effekt bewertet er als relativ gering. Trumps Absage sei "nicht das Ende der Welt".

Die Fähigkeitslücke klafft weiter

Doch ohne die Tomahawks bleibt die von offizieller Seite mehrfach benannte Fähigkeitslücke in Deutschland und ganz Europa bestehen. Einmal mehr wird deutlich, dass die europäischen Verbündeten vermeintlichen klaren Worten und Plänen keine Taten folgen ließen. Wo Europa tatenlos blieb, hat Donald Trump nun Fakten geschaffen: Der sehr konkreten Bedrohung durch russische Iskander und Kinschal-Raketen hat Europa nichts auf Augenhöhe entgegenzusetzen. Das gilt noch für viele Jahre.

Zudem hat Trumps Absage mit Blick auf die Tomahawks einen starken symbolischen Wert. Sie dokumentiert die laufende Abkehr der USA von der Verteidigung Europas gegen Russland. Auch das, so könnte man Boris Pistorius und andere Minister vielfach zitieren, war erwartbar. Vielfach wurde es – auch im Nato-Rahmen – von den USA angekündigt und ist sogar in deren nationaler Sicherheitsstrategie nachzulesen, in der Russland kaum noch erwähnt wird, schon gar nicht als nationale Bedrohung.

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Für Wladimir Putin ist der Trumpsche Doppelbeschluss, 5000 Soldaten abzuziehen und keine Tomahawks zu stationieren, Gold wert. Er hat enorme Symbolkraft für Amerikas schwindendes Verantwortungsgefühl für seine Partner und die Schwächung des Nato-Bündnisses. Russland kann sich im Ansinnen bestärkt fühlen, die europäische Sicherheitsordnung in seinem Sinne weiter umzukrempeln.

Sehr weit hätte man mit 50 Tomahawks gegenüber einem angreifenden Putin nicht eskalieren können. Aber Abschreckung mit Einschränkung ist weit besser als der jetzige Fall: gar nichts. Die Richtung, in die Trumps Gebaren weist, ist für Europa brandgefährlich. Sie kann aber dafür sorgen, dass die Regierungen die Dramatik erkennen und Initiativen wie ELSA mit Leben füllen. Zumal die Tomahawks im Fall eines Angriffs unter US-Kontrolle geblieben wären. Das Weiße Haus hätte entscheiden müssen, von Deutschland aus russische Ziele zu beschießen. Hätte Trump im Ernstfall dazu Ja gesagt? Die Entscheidung vom Wochenende verstärkt die Zweifel daran.

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